Fake News und Corona: Im Netz der Lügen

Das Coronavirus hält die Welt in Atem. Fake News verbreiten sich fast so schnell wie das Virus selbst und verunsichern Menschen weltweit. So absurd Fake News und Verschwörungstheorien aber auch klingen mögen, sie können auch schwerwiegende Auswirkungen haben. Klaus Meier lehrt Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der Kommunikationswissenschaftler beobachtet gerade in Zeiten von Corona eine Flut an Falschmeldungen. Mit uns sprach er über den Ursprung von Falschmeldungen, „Alternative Fakten“  und Risiken für die Kommunikation.

Herr Meier, wo genau liegt der Unterschied zwischen Fake News und der klassischen Verschwörungstheorie?

Klaus Meier: Fake News sind gezielte Falschinformationen im Kontext von aktuellen Ereignissen. Es kann sich hier um eine gänzlich falsche oder verzerrte Aussage handeln, womöglich auch eine einseitige Darstellung. Eine Falschmeldung ist kein versehentlicher Fehler, es steckt immer ein absichtlicher Manipulationsversuch dahinter. Eine Verschwörungstheorie arbeitet grundsätzlich auch mit falschen Aussagen, aber geht weit darüber hinaus. Es ist vielmehr eine ganze Geschichte, die auf einzelnen Falschaussagen basiert. Dahinter steht ein ganz bestimmtes Weltbild.

Können Sie Beispiele nennen?

Meier: Wir sprechen von Fake News, wenn beispielsweise jemand das Virus verharmlost. Besonders auf WhatsApp können Falschmeldungen kursieren, in denen etwa Knoblauch als Mittel gegen Corona angepriesen wird. Eine Corona-Verschwörungstheorie besagt, dass das Virus eine Biowaffe sei, die versehentlich aus einem Labor kam. Das lässt sich auch nicht belegen, ist aber potenziell denkbar. Hier liegt auch der Erfolgsfaktor einer Verschwörungstheorie.

Eine Nachricht sorgte in sozialen Netzwerken für reichlich Furore: Das Virus soll von Fledermäusen auf Menschen übertragen worden sein.
Quelle: Pixabay

1. Beispiel: Ein Fledermaussüppchen war schuld

Als das Virus noch auf den chinesischen Raum begrenzt war, sorgte es für allerlei Häme und Spott im Netz. Und heizte obendrein noch die Gerüchteküche an. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass die Ursache allen Übels ein kleiner Blutsauger gewesen sein soll. Das Coronavirus soll chinesischen Forschern zufolge nämlich zu 88 Prozent mit einem Virus verwandt sein, das bei Fledermäusen und Flughunden gefunden wurde.

Die Tierrechtsorganisation Peta vertritt die Theorie, dass solch eine Epidemie wie die Coronakrise nicht existieren würde, wenn sich Menschen rein pflanzlich ernähren würden. Es ist aber gar nicht belegt, dass der Erreger von Batmans kleinen Freunden auf den Menschen übertragen wurde. Die Forscher vermuten nur, dass es ein anderes Tier war, das auf dem Markt auf Wuhan verkauft wurde. Von diesem Wirt sei das Virus auf den Menschen übergangen. Allerdings kocht die Gerüchteküche noch fröhlich weiter.

Fake News werden meist anonym verbreitet.
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Herr Meier, Sie meinten, hinter Fake News stecke immer eine Absicht. Wer verbreitet Falschmeldungen und warum?

Meier: Fake News werden oft anonym verbreitet. In Zeiten von Corona kommen dagegen einseitige, verzerrte News auch von Ärzten, die ihre ganze Persönlichkeit und ihre subjektive Erfahrung in die Waagschale legen. Das ist ein neues Phänomen, das wir vorher noch kaum gekannt haben – mit Ausnahme von politischen Fake News.

"Alternative Fakten" ist das Unwort des Jahres 2017. Ursprünglich stammt diese Formulierung von Kellyanne Conway, Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump.

Im Januar 2017 benutzte sie diesen Ausdruck, um falsche Aussagen des Pressesprechers Sean Spicer zu rechtfertigen. Zuvor hatte Spicer den Medien vorgeworfen, die Größe des Publikums bei Donald Trumps Amtseinführung herunterzuspielen. Er behauptete, noch nie seien so viele Menschen bei einer Amtseinführung dabei gewesen.

Doch alle verfügbaren Daten sprachen gegen seine Behauptung. Es war ein einschneidendes Erlebnis in der Politik: Wenn das Team um Trump offensichtlich log, versteckte es sich unter dem Deckmantel der "Alternativen Fakten".

Inwiefern haben sich Fake News verändert?

Homöpathie als Mittel gegen Corona?
Supermärkte schränken Öffnungszeiten ein?

Meier: Ohne Social Media wäre früher diese massenhafte Verbreitung gar nicht möglich gewesen, da wir immer Öffentlichkeit durch Journalismus hergestellt haben und Fakten überprüft haben. Wir sehen außerdem eine massive Änderung der politischen Kommunikation. Mit Falschaussagen haben Politiker schon immer gearbeitet. Beispielsweise im zweiten Weltkrieg, als die Nationalsozialisten behaupteten, Polen hätte Deutschland überfallen. Aber in einer Demokratie mussten früher Politiker für Falschaussagen gerade stehen und wurden dafür sogar teilweise aus dem Amt gejagt. Das ist jetzt vorbei – spätestens mit Trump, der mit Fake News extrem erfolgreich ist.

Welche Gefahren bergen Fake News?

Gerade in der Coronazeit greifen Fake News unmittelbar in das eigene Leben ein, besonders wenn es um Tipps für den Gesundheitsschutz geht.

Falschmeldungen zeigen oft ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit.
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2. Beispiel: Ein Glas Wein gegen das Virus

Eine Falschmeldung klang für manche zu schön, um wahr zu sein. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte auf einer Pressekonferenz, dass das Coronavirus gegenüber Alkohol empfindlich sei. Seine Aussage wurde kurzerhand von einigen Menschen als Aufforderung zum Trinken von hochprozentigen Alkohol verstanden. 

„Angst und Fehlinformationen haben einen gefährlichen Mythos erzeugt, dass der Konsum von hochprozentigem Alkohol das Covid-19-Virus abtöten kann. Das tut er nicht“, erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO daraufhin. Vielmehr solle der Zugang zu alkoholischen Getränken während der Zeit von strikten Corona-Maßnahmen wie Ausgehsperren und Selbstisolation beschränkt werden, mahnte die Organisation an.

Es ist oft nur ein schmaler Grat zwischen Fiktion und Realität. Damit spielen Falschmeldungen, weiß Klaus Meier.
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Besonders brisante Themen üben eine Art Faszination auf uns aus. Aber woher kommt die Begeisterung für Fake News?

Hier kann man nur rätseln. Wir leben in einer sehr sachlichen Welt. Wenn der Sprung zwischen Realität und Fiktion ermöglicht wird, dann wird es spannend. Derzeit erleben wir einen Hype von Formaten, bei dem der Zuschauer oft gar nicht weiß: Ist das Realität oder erfunden? In dieser Grauzone, dieser Grenzüberschreitung, bewegen sich auch Fake News und Verschwörungstheorien.

Wer ist besonders anfällig für Fake News?

Besonders anfällig sind Menschen mit sehr gefestigter Meinung und einem dementsprechenden Weltbild. Man spricht in der Medienforschung auch von dem „hostile media effect“: Diese Menschen denken, dass die Medien der Gegner sind. Je nach Befragung glauben 20 bis 25 Prozent den Medien nicht.

Gibt es einen Weg, diesem geschlossenen Weltbild zu entkommen?

Wir haben im Journalismus den sogenannten Faktencheck. Aber selbst damit lassen sich derart voreingenommene Menschen nicht überzeugen. Es gibt aber viele Menschen, die sich noch in der Grauzone befinden, und die muss man zurückholen. Viele Bereiche in der Gesellschaft sind gefordert, wie die Schulbildung oder die Politik.

Auch Ärzte verbreiten Falschmeldungen rund um das Coronavirus.
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3. Beispiel: Nicht schlimmer als eine Erkältung

Verschwörungstheoretiker und Impfgegner liegen nah beieinander, wie es scheint. Wenig verwundert es hier, dass das Coronavirus auch die Impfgegner auf den Plan rief. Der praktische Arzt und Homöopath Rolf Kron behauptet in einem Video vom 10. März, das Coronavirus sei nur ein harmloser Schnupfen. „Die Seuchen-Erfinder können jedes Jahr eine neue Grippewelle erfinden“ – mit diesen verbalen Salven eröffnet er das Feuer auf das Virus.

Der bekennende Impfgegner  behauptet weiter: Spätestens Ende März sei der „Hype“ um das Virus wieder vorüber. Damit, dass die Covid 19-Erkrankungen auch im April noch lange kein Ende gefunden haben, hat der Arzt wohl nicht gerechnet. Kron erklärte zudem weiter, dass Coronaviren im Endeffekt nur harmlose Schnupfenviren seien. Des weiteren vergleicht er mehrere Epidemien miteinander, darunter die Vogelgrippe, die Schweinegrippe und das neuartige Coronavirus. Gegen Ende des Videos zeigt sich Rolf Kron überzeugt, dass die Einnahme von Vitamin D  800 Mal mehr vor einer Grippe schütze als eine Impfung.

Im Internet gibt es zahlreiche Angebote zum Faktencheck, etwa den Faktenfinder der Tagesschau oder den Faktenfuchs vom Bayerischen Rundfunk.
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Wie kann jeder einzelne auf Fake News achten?

Wir alle sollten skeptisch sein. Mit wenigen Klicks findet jeder Seiten, die Fakten überprüfen. Wichtig ist, dass man Nachrichten, die einen seltsam vorkommen und die man nicht überprüft hat, nicht über Social Media verbreitet. Denn wem vertrauen die Menschen am meisten? Ihrem Freundeskreis, ihrer Familie. Wenn ich eine solche Meldung von einem Freund erhalte, frage ich mich vielleicht gar nicht mehr, ob das denn stimmt.

Auch wer nicht ein ganzes Team an Faktencheckern an seiner Seite hat, kann mit einigen Tipps Falschnachrichten entlarven. Das Recherchezentrum Correctiv gibt auf seiner Webseite Tipps, um nicht Fake News aufzulaufen.

Als erstes sollte der Leser sich fragen, wer die Meldung verbreitet hat. Vielleicht lässt sich herausfinden, wer hinter einer Facebook-Seite oder einem Twitter-Accout steht. Auch ein Impressum auf der Webseite kann Antworten liefern: Wer ist der Verantwortliche für den Inhalt. Erhält man Falschmeldungen über WhatsApp oder ähnliche Dienste, kann man auch seinen Bekannten nach einer Quelle fragen.

Der nächste Schritt ist ein Blick in den Text: Sollte ein Text auffallend viele Rechtschreibfehler aufweisen, keine Quellen nennen oder reißerische Floskeln verwenden, könnte das ein Indiz für eine Falschmeldung sein

Der Leser sollte außerdem nicht zurückscheuen, mit einer kurzen Google-Suche genannte Quellen zu überprüfen. Denn wichtige Meldungen werden meist von vielen Medien gleichzeitig veröffentlicht. Auch Bilder können leicht verfälscht werden - hier lässt sich über die Bilder-Rückwärtssuche bei Google leicht herausfinden, ob ein Foto manipuliert wurde.

Mit welchen Fake News haben Sie sich als Wissenschaftler am meisten beschäftigt?

In den letzten Jahren habe ich mich unter anderem mit rechtsnationalen Positionen in der Flüchtlingskrise und den sogenannten „Alternativen Medien“ beschäftigt. Die Coronakrise gerade ist auch für uns Forscher interessant.

Haben Sie einen Favoriten?

Die Biowaffenverschwörungstheorie ist auf jeden Fall faszinierend. Man kann sie nicht sofort vom Tisch wischen, weil wir einfach zu wenig über China wissen, was unabhängig recherchiert ist. Das zeigt auch, dass wir einem diktatorischen Propagandaregime alles zutrauen. Zwischen pauschalem Vorurteil und faktenbasiertem Urteil ist da manchmal schwer zu unterscheiden. Wenn man die kritische Distanz bewahrt, kann man über Verschwörungstheorien und die eigenen Verführbarkeit auch mal schmunzeln.

Manche Verschwörungstheorien lassen sich nicht so schnell vom Tisch wischen.
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4. Beispiel: Corona als Biowaffe?

Der ehemalige AfD-Politiker erklärte in einer Rede im baden-württembergischen Landtag, beim neuartigen Coronavirus könne es sich um eine US-amerikanische Biowaffe aus dem Labor handeln. Er behauptet: „Es gibt ganz ernst zu nehmende wissenschaftliche Hinweise, dass dieses Virus nicht in der Natur, sondern in Laboratorien entstanden ist. […] Sind diejenigen, die einen Biowaffen-Angriff von vornherein ausschließen, nicht diejenigen, die an den Weihnachtsmann glauben?“

Die Theorie, auf die Gedeon zurückgreift, kursiert bereits seit Ausbreitung des Virus im Januar im Netz. Mehr als 25 Forscher bestätigten im Journal The Lancet, dass es dafür keine „wissenschaftlichen Hinweise“ gebe.

Mit immer perfideren Methoden gehen die Menschen vor, um Falschmeldungen zu erstellen.
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Vor welchen Herausforderungen werden wir in den nächsten Jahren stehen?

Eine bedenkliche Entwicklung sind die sogenannten Deepfakes von Audios oder Videos. Mithilfe von künstlicher Intelligenz lassen sich Stimmen nachahmen und Lippen synchronisieren und damit Aussagen verfälschen, die verblüffend glaubwürdig wirken. Diese Form von Fake News ist eine große Herausforderung für die Zukunft.

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Veröffentlicht von Anna Hausmann