„Aus Verzweiflung gehen viele auf den Straßenstrich“

Jasmin arbeitet als Sexworkerin, der Volksmund würde auch sagen: Prostituierte. Sie spricht mit uns über Zwangsprostitution und Angst, welche Kunden sie ablehnt, ob ihre Eltern wissen, was sie tut – und wie die Corona-Krise ihre Branche jetzt schon verändert hat.

Vorab: Jasmin bevorzugt den Begriff Sexworkerin. „Englisch klingt das nicht so sehr nach Arbeit, auch wenn die Bedeutung die gleiche ist“, sagt sie. Mit Prostituierte kann sie leben, es sei kein schönes Wort, aber auch in Ordnung. Nur abwertende Bezeichnungen wie Nutte mag sie nicht. Schließlich will sie auch, dass ihre Branche weg kommt von Schmuddel und dem Hauch von Illegalität. Doch dazu später mehr.

Jasmin ist ihr richtiger Name, den Nachnamen möchte sie im Netz nicht verraten. Unter dem Namen Jasmin arbeitet sie nicht – doch sie twittert unter ihm. „Jasminliebtdich“ heißt sie auf Twitter. Über 30.000 Menschen lesen dort regelmäßig, wenn sie ihre Sicht auf die Welt und die Erlebnisse im Leben einer Sexworkerin aufschreibt. Das liegt sicher daran, dass Jasmin so anders ist, wie der Normalo-Bürger, der noch nie ein Bordell von innen gesehen hat, sich die Branche und ihre Vertreter so vorstellt. Sie schreibt wortgewandt, witzig, schlagfertig, so gar nicht vulgär und schreckt nicht zurück vor der Konfrontation mit den unangenehmen Zeitgenossen im Netz – seien es diejenigen, die ihre ganze Branche verbieten wollen oder die, die anzüglich werden.

Doch wie kommt eine junge Abiturientin eigentlich dazu, nicht Lehramt zu studieren oder eine Lehre zur Bankangestellten zu machen – sondern Sexworkerin zu werden? „Es war nicht geplant“, sagt sie. Und sie habe da vorher nicht groß überlegt. In einer Bar habe ihr eines Abends ein Mann einen Cocktail ausgegeben und dann gefragt, ob sie sich etwas dazuverdienen möchte, wenn sie mit zu ihm komme. Sex habe sie schon immer gemocht, war „sexuell aufgeschlossen“ und hatte zuvor schon „einige“ One-Night-Stands.

„Ich war beim ersten Date jünger, als ich es anderen empfehlen würde, fand aber alles überraschend positiv“, erzählt sie. Offiziell als Sexarbeiterin registriert ist sie seit 2019. 32.800 Prostituierte waren Ende 2018 in Deutschland insgesamt angemeldet. Seit 2017 gilt in Deutschland nämlich das „Prostituiertenschutzgesetz“, das eine Anmeldepflicht vorsieht.

„Ich begebe mich natürlich jedesmal in eine potenzielle Gefahrensituation“

Jasmin empfiehlt den Bustest für alle, die überlegen, in ihre Branche einzusteigen. Foto: pexels.com

Sexwork – ein Job, den sie anderen empfehlen würde? „Ich könnte jetzt nicht pauschal sagen, jede kann oder soll im Sexwork arbeiten. Man muss das für sich selbst überlegen und herausfinden“, erzählt Jasmin. Allen, die darüber nachdenken, ob Sexwork etwas für einen ist, empfiehlt sie den „Bustest“. „Einfach mal in einen vollen Bus oder die Bahn setzen und dann vorstellen, man soll gleich mit 80% der Leute ins Bett. Wenn man da nicht abgeschreckt ist, kann man weiter drüber nachdenken“, sagt sie.

Allen, die darüber nachdenken, ob Sexwork etwas für einen ist, empfiehlt sie den Bustest.

Für alle Sexworkerinnen – egal, ob Neuling oder nicht – sei Sicherheit das A und O, das ist Jasmin wichtig zu betonen. „Ich begebe mich natürlich jedesmal in eine potenzielle Gefahrensituation, wenn ich mit einem Kunden allein in seiner Wohnung oder im Hotelzimmer bin.“ Sie spricht davon, dass sie sich „covern“ lässt. Das meint, eine vertrauenswürdige Person im Hintergrund zu haben, die einen absichert. Außerdem: Nicht in fremde Wohnungen gehen, besser ins Hotel. Darauf achten, dass die Tür nicht abgeschlossen wird. Nimmt man ein Taxi, dann nicht nach Hause, sondern ein zwei Straßen weiter und darauf achten, dass keiner folgt. Jasmin schützt sich auch noch mit anderen Maßnahmen – doch die verrät sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht. Außerdem: „Wenn man denkt, das Date wird nichts oder der Kunde ist unsympathisch oder ungepflegt: Abbrechen“, betont sie, „es gibt nie eine Pflicht, mit jemandem ins Bett zu gehen.“ Spielt denn Angst in ihrem Berufsalltag eine Rolle? Nein, sagt Jasmin, „Angst habe ich bei der Arbeit nicht.“

Klienten, Hygiene und Co: Jasmin bestimmt selbst

Jasmin kann frei entscheiden, was sie tun will. Sie arbeitet unabhängig, ist solo-selbständig und arbeitet nicht mit Agenturen. Sie stellt ihre eigenen Regeln auf, was Hygiene, Klienten oder Leistungen angeht. Der Großteil ihrer Kunden sind Männer, Frauen gegenüber ist sie aber auch aufgeschlossen. Jasmin betreut auch Kunden mit Behinderung, „wobei es natürlich sehr viele und unterschiedliche Behinderungen gibt“. Aus der Erfahrung heraus fragt sie bei solchen Anfragen sehr genau nach und entscheidet dann für sich, ob sie sich das zutraut. „Nur dann nehme ich es an.“

Diese Freiheit zu entscheiden, haben viele ihrer Kolleginnen nicht. Stichwort Zwangsprostitution.

Diese Freiheit zu entscheiden, haben viele ihrer Kolleginnen nicht. Stichwort Zwangsprostitution. In seiner aktuellsten Statistik zum Thema spricht das Bundeskriminalamt von 430 Opfern im Jahr 2018 „in den Verfahren des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung“. Die meisten von ihnen aus Deutschland, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Nigeria. Das viele der Sexworker nicht aus Deutschland stammen, führt gleich zu mehreren Problemen. Doch dazu später mehr.

Im Durchschnitt sind die Opfer von Zwangsprostitution laut der Erhebung 23 Jahre alt. Manche von ihnen aber auch unter 14. Dass bei den Verfahren so häufig junge Opfer registriert werden, liegt aber auch an der Rechtslage: Opfer unter 21 werden besonders geschützt, ein Täter macht sich schneller strafbar, da bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt werden müssen, damit die Strafbarkeit erfüllt ist.

Zwangsprostitution, Menschenhandel und Gewalt sehen einige als Argument, ein Sexkaufverbot zu fordern. „All das ist bereits illegal und könnte polizeilich verfolgt werden“, sagt Jasmin, „wenn man das wollte, dann wären mehr Polizeipräsenz und häufigere Kontrollen die ersten Schritte.“

„Meine Eltern wissen nicht, was ich arbeite und das möchte ich zumindest in der nächsten Zeit nicht ändern“ Jasmin

Parallel wünscht Jasmin sich Anlaufstellen, „die keine eigene Agenda verfolgen, sondern neutral arbeiten“. Außerdem mehr Frauenhäuser, Sozialarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen und ein Bleiberecht für die Frauen, die sich aus einer Zwangslage heraus an die Behörden wenden. „Wer wie heute damit rechnen muss, direkt abgeschoben zu werden, der wird die Polizei nie als Helfer ansehen können“, sagt Jasmin.

„Mein größter Wunsch wäre allgemeine Akzeptanz und Respekt wie ihn jeder andere Beruf auch erhält“, erzählt sie, „dann gäbe es keinen Grund, im Verborgenen zu arbeiten.“

„Ich wollte ein wenig über meinen Job schreiben können“

Auf Twitter kann Jasmin offen über ihren Job schreiben - und bleibt dabei anonym. Foto: unsplash.com

Verbergen muss Jasmin ihren Job auch vor einigen Freunden – und ihrer Familie. „Meine Eltern wissen nicht, was ich arbeite und das möchte ich zumindest in der nächsten Zeit nicht ändern“, erzählt sie. Ihre Eltern gehen davon aus, dass sie einen „seriösen“ Job hat, wie sie es ausdrückt. „Von meinen Freunden wissen einige Bescheid, aber auch nicht alle. Ich habe zwei Freunde verloren, die anderen haben positiv oder neutral reagiert.“

Offen über den Job sprechen kann Jasmin auf Twitter. Doch da bleibt sie anonym. „Ich schreibe hier ziemlich offen über meine Kunden und bestimmte Teile meines Lebens. Das ist nur möglich, wenn ich anonym bleibe. Sonst könnte sich der ein oder andere wiedererkennen oder neue Kunden würden befürchten, sich hier wiederzufinden“, schreibt sie auf Twitter. Doch wieso Twitter? „Zu Twitter bin ich ohne große Vorstellungen gekommen. Ich wollte ein wenig über meinen Job und die manchmal seltsamen Erlebnisse schreiben können und habe es einfach ausprobiert.“ Facebook mag sie nicht besonders, Instagram ohne Bilder mache wenig Sinn, also blieb Twitter.

Auch dort wird sie damit konfrontiert, dass ihr Beruf für die meisten nichts alltägliches ist. Diejenigen, die Sexarbeit abschaffen möchten, kommentieren auch ab und zu Jasmins Beiträge entsprechend. „Damit habe ich kein Problem“, sagt sie, „solange es sachlich verläuft, denn ich kann drauf eingehen.“ Oft würden aber Tweets aus dem Zusammenhang gerissen und als Screenshot bei Facebook oder bei anderen Twitteraccounts gepostet und kommentiert. „Gerne bei Accounts, die mich vorher geblockt haben, so dass ich es nicht einmal sehen kann“, sagt sie, „das ist unschön.“ Und es gebe wie überall auch Leute, die in den Kommentaren etwas anzüglich werden – und Grenzen überschreiten.

„Es gab und gibt immer wieder Leute, die viel Energie aufwenden, um meine Identität zu enttarnen“ Jasmin

„Es gab und gibt immer wieder Leute, die viel Energie aufwenden, um meine Identität zu enttarnen“, erzählt Jasmin. Einige Versuche bekomme sie mit, die meisten vermutlich nicht. „Ich habe mir darüber schon Gedanken gemacht, bevor ich zu twittern begann und meine Daten so gut ich konnte geschützt. Bis jetzt klappt es.“ Trotzdem gebe es beängstigende Situationen. „Ich habe bei Twitter gesehen, wie sich eine Gruppe zusammengetan hat, um andere Twitterer zu mobben bis hin zur Vernichtung der Existenz. Solche Menschen machen Angst, nicht weil ich sie fürchte, sondern weil blanker Hass dahintersteht.“

„Allgemein aber werde ich und mein Beruf auf Twitter sehr akzeptiert und bekomme wesentlich mehr positive Reaktionen als negative“, beobachtet Jasmin.

Corona trifft auf Jasmin

So auch in der aktuellen Situation. Die Corona-Krise ist laut Jasmin für die Sexworker„wie für fast alle eine reine Katastrophe“. Besonders, weil bei ihr vor Ort „von den Behörden vieles angeordnet wurde, ohne vorher durchdacht zu werden“, so Jasmin. Die sofortige Schließung der Bordelle bedeutete für viele ihrer Kolleginnen, dass sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr arbeiten durften und gleichzeitig die Unterkunft verloren, „falls nicht der Bordellbetreiber sie aus Kulanz weiter im Betrieb wohnen ließ“. Sexarbeiterinnen mit Migrationshintergrund konnten nicht in ihre Heimatländer, weil die Grenzen geschlossen wurden. Viele unterstützen mit ihren Einnahmen die Familie in der Heimat und haben keine Rücklagen, so Jasmins Beobachtung. „Aus Verzweiflung gehen viele auf den Straßenstrich, wo es durch die niedrigere Nachfrage eng wird und die Preise massiv fallen“, erzählt sie. Sie selbst kommt laut eigener Einschätzung gut über die Runden, da sie generell eher sparsam sei und aus einer wohlhabenden Familie stamme. „Aber da bin ich leider die Ausnahme.“ Außerdem befasse sie sich gerade mit den Hilfsangeboten der Bundesregierung für Solo-Selbstständige.

Zum Aufgeben zwingt sie diese Krise also (noch) nicht. Eine Deadline, wann sie aufhören will, hat sie eh noch nicht. Eventuell würde sie für die Liebe den Job aufgeben – es komme auf die Umstände an. „Sexwork muss ich ohnehin nicht unbedingt bis in alle Zeit machen.“

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Veröffentlicht von Sophie Schmidt