Volkstanz I: Hiatamadl liebt Italiener

Wenn das Hiatamadl mit dem Italiener den boarischen Polka-Walzer tanzt, dann herrscht blankes Chaos. Mit Drehwurm nach rechts. Denn in diese Richtung geht es, wenn es gerade nicht nach links geht. Und es dreht sich ständig an diesem Abend. Wechselschritt. Wechselschritt. Dreher, Dreher, Dreher, Dreher. Vor Schwindel krallt man sich am liebsten an den Schultern des Partners fest, damit man nicht umfällt auf der Tanzfläche. Wobei: Konzentriertes Mann-Festhalten hilft nichts. Sagt zumindest Josef Pröll.

Und der muss es wissen. Schließlich hat Josef Pröll Erfahrung mit Volkstanz und teilt sie nun an fünf Abenden mit zwölf Paaren. Mit meinem Herzblatt und mir. Mit den anderen Anfängern und alten Hasen, vielen Frau-Mann-Teams und der einen oder anderen Frau-Frau-Kombination. Profi müsse man beim Volkstanzkurs in Jachenhausen gar nicht sein. Das hat Anna Höcker von den Volkstanzfreunden Riedenburg den Teilnehmern bei der Begrüßung versichert: „Wir machen des aus Spaß an der Freid am Danzn. Da kann jeder mitmachen.“ Die Tanzlehrer am ersten Übungsabend im Gasthaus Forster – neben Josef Pröll sind das Anni Kunz und Maria Mayer, die Männlein und Weiblein in die Künste der brauchtümlichen Schrittfolgen einweihen – haben dementsprechend viel Geduld und starten einfach. Mit einem Walzer.

Anni Kunz und Josef Pröll machen vor, wie es geht. Eins zwei drei, eins zwei drei. Kleiner Schritt, stets am Platz. Maria Mayer führt einen Herren, der walzertechnisch ein relativ unbeschriebenes Blatt ist. „Das wird alles mit der Zeit“, versichert der Tanzleiter in die Runde. Nur keine Panik, wenn’s nicht auf Anhieb hinhaut. „Wenn ihr wollt, könnt ihr daheim mal zwischendurch üben – wenn der Partner oder die Kinder oder die Eltern aus dem Haus sind.“ Im Klartext: Lieber allein, wenn’s einem vor Zuschauern zu peinlich ist. Der Tanzkurs in der neunten Klasse ist bei uns aber – Gott sei’s gedankt – noch nicht allzu lange her.

Der Wiener? Pipifax. Der Boarische? Ungewohnt. Die Paare stehen im Kreis. Die Männer innen, die Damen außen. Hände in die Hüften, Außenbein fängt an. Außenbein? „Das Bein, das weiter weg vom Partner ist“, erklärt Pröll. Gut. Der Herr nach links, seine Holde nach rechts. Wechselschritt. Wechselschritt. Vier Dreher. Wechselschritt und Wechselschritt. Eins, zwei, drei, vier.

Anna Höcker sitzt auf einem Stuhl und beobachtet die kreisenden Paare. Sie sei heute der Discjockey, erzählt sie uns zwischen zwei Tänzen. Auch sie sei in jungen Jahren, als sie mit dem Tanzen angefangen habe, nicht immer schrittsicher gewesen. „Es dauert, bis die Leitung zwischen Hirn und großem Zecha stimmt“, sagt sie und grinst. „Meistens liegen 170 Zentimeter dazwischen.“

Zwei Tänze abgehakt. Kommen noch drei heute. „Insgesamt lernen wir in den nächsten Wochen 25, 26, 27 Stück“, sagt Pröll. Jetzt kommt das Hiatamadl. Ein Figurentanz. Vier Schritte gehen. Vier Dreher. Tipp mit dem Außenfuß, Tipp mit dem Innenfuß. Dreher, Dreher, Dreher, Dreher. Tipp. Tipp. Drehung. Von vorn. Das ist nicht der Discofox vom Faschingsball. Das ist viel besser. Wir sind begeistert.

Und weil’s grad so schön ist, und weil das Ambiente passt – an der Wirtshauswand hängen Schützenscheiben, über der Tür zur Wirtsstube ein mords Krickerl, von der Decke Lampen, die in jeder Loftwohnung was hermachen würden – poltern die Tanzwütigen eine Polka durch den Saal. Also, fast. „Für den Anfang machen wir ganz langsam“, beruhigt Josef Pröll. Anna Höcker drückt auf Abspielen. Die Lehrer tanzen vor. Die illustre Gruppe tanzt nach.

Zwischendurch genehmigen wir uns einen Schluck vom Radler. Die Geselligkeit kommt aber sowieso nicht zu kurz. Es soll auch so sein, dass man zamkommt und ratschen kann, betont Anna Höcker immer wieder. Dass wir niemanden kennen? Spielt keine Rolle. Wenn man sich auf der Tanzfläche gegenseitig auf die Füße walzert oder polkat oder hiatamadlt, ist das Du nur noch zwei Dreher entfernt.

Spätestens beim letzten neuen Tanz des Abends – dem Italiener – läuft der Kreis in geordneten Bahnen. Wiege, Wechselschritt. Wiege, Wechselschritt. Diesmal geht’s nicht nur auf die Beine, diesmal schaukelt der Oberkörper fleißig mit. In den Kreis, aus dem Kreis. „Liebe Männer, macht die Schritte auf dem Platz, sonst muss eure Dame so weit laufen“, warnt Josef Pröll. Dreher, Dreher, Dreher, Dreher. Drehwurm. Der Schwierigkeitsgrad steigt. Der Spaßfaktor auch.

Irgendwann langt’s trotzdem. Fürs erste zumindest. Nach dem offiziellen Teil legen die erfahreneren Tanzpaare den einen oder andern Zwiefachen aufs Parkett. Schaut eigentlich machbar aus, klappt bei uns aber überhaupt nicht. Ab nach Hause. „Hat’s euch gfalln?“, fragt uns Anna Höcker. Ja, hat es. Wir kommen wieder.

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Kathrin Schmied
Veröffentlicht von Kathrin Schmied