Verschwendung: Lebensmittel für die Tonne

Weltweit werden jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. Das entspricht einem Drittel der produzierten Waren.
Auch in Deutschland gehen mehr als 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel jedes Jahr verloren. In Privathaushalten fallen 7,23 Millionnen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Pro Kopf sind das mehr als 80 Kilogramm.

In Deutschland werden jährlich auf 2,6 Millionen Hektar Produkte angebaut, die nie verbraucht werden.

Jeder Deutsche kauft jährlich Lebensmittel, die flächenmäßig ein halbes Fußballfeld in Anspruch nehmen. Für die Produktion werden 85 Badewannen Wasser verbraucht und die Treibhausgasemission beträgt drei Tonnen. Der C02-Ausstoß ist also ähnlich hoch wie bei einem Hin- und Rückflug zwischen Frankfurt und New York.

„Über 60 Prozent der Verluste entstehen entlang der Wertschöpfungskette – vom Produzenten bis hin zum Großverbraucher“, sagt Tanja Dräger de Teran vom WWF (World Wide Fund For Nature). Laut dem WWF werden in Deutschland jährlich auf 2,6 Millionen Hektar Land (= 15% der landwirtschaftlich genutzten Flächen) Produkte angebaut, die gar nicht verbraucht werden. Zu den Herstellungs- und Transportkosten kommt noch der Verbrauch von Wasser, Fläche, Energie sowie Dünge- und Pflanzenschutzmittel.

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Was bedeutet Lebensmittelverschwendung?

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Lebensmittelabfälle werden bei der Welternährungsorganisation FAO in die Bereiche Lebensmittelverluste und Lebensmittelverschwendung aufgeteilt.
Produkte, die verloren gehen oder verderben bevor sie fertig sind beziehungsweise im Supermarkt landen, zählen zu den Lebensmittelverlusten. Diese können während der Herstellung, Ernte oder Lagerung, aber auch beim Verpacken oder Transport auftreten.
Verschwendung ist es laut der FAO, wenn genießbare Lebensmittel entsorgt werden oder verderben. Diese Verluste können wegen falscher Lagerung, individuellen Ess- und Kochgewohnheiten sowie Missverständlichkeiten des Mindesthaltbarkeitsdatums entstehen.

Grundsätzlich lassen sich Lebensmittel in drei Kategorien unterteilen:

  • Vermeidbar: Nahrungsmittel, die bedenkenlos genießbar sind und trotzdem entsorgt werden, beziehungsweise bei rechtzeitigem Verzehr noch genießbar gewesen wären.
  • Teilweise vermeidbar: Nahrungsmittel, die aufgrund von Gewohnheiten oder Vorlieben entsorgt werden, wie zum Beispiel Brot-/Käserinde oder Apfelschale.
  • Unvermeidbar: Nahrungsmittelbestandteile, die nicht essbar sind, wie zum Beispiel Knochen oder Schalen.
Rund 1,3 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste wären in Bayern vermeidbar.

Lebensmittelverluste & Abfälle in Bayern

In der Studie „Lebensmittelverluste und Wegwerfraten im Freistaat Bayern“ hat die Universität Stuttgart zusammen mit dem Kompetenzzentrum für Ernährung in Bayern Zahlen zu Lebensmittelverlusten und -abfällen ermittelt und erstmals die Wertschöpfungskette – vom Erzeuger bis zum Privathaushalt – berücksichtigt.

Potenziell könnten in Bayern über alle Wertschöpfungsketten hinweg etwa 1,3 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste vermieden werden.
In der Landwirtschaft gehen jährlich rund 290.000 Tonnen durch Transport, Lagerung, Schädlinge oder verfrühtes Keimen verloren.
Mit etwa 222.000 Tonnen Verlust hat die bayerische Lebensmittelverarbeitung jedes Jahr zu rechnen. Häufige Ursachen dafür sind Fehler und Überhänge in der Produktion sowie falsche Absatzprognosen.
Der Lebensmittelhandel hat jährlich fast 99.000 Tonnen Verluste. Dabei hat der Einzelhandel einen Anteil von 65% und der Großhandel 1%. Etwa ein Drittel (34%) werden als Spenden, unter anderem an die Tafel, weitergegeben.
In der Außer-Haus-Verpflegung, dazu gehören staatliche und öffentliche Einrichtugen, Arbeits- und Bildungsstätten sowie die Gastronomie, fallen bayernweit pro Jahr circa 158.000 Tonnen an Lebensmittelverlusten an.
Die Privathaushalte produzieren jährlich an die 544.000 Tonnen Lebensmittelabfälle. Pro Kopf und Jahr wären aber rund 65 Kilogramm vermeidbar (unvermeidbarer Anteil miteinbezogen).

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Verluste der einzelnen Wertschöpfungsstufen

Einen Verlust von circa 3,4% hat die Gesamtheit aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Bayern zu verzeichnen. Bei pflanzlichen Lebensmitteln bezieht sich die Rate auf die jeweilige Erntemenge. Bei tierischen Produkten geht es um die jeweils erzeugte Menge.
Bei einer jährlichen Produktionsmenge von 14.771.000 Tonnen liegt die Verlustrate in der Lebensmittelverarbeitung insgesamt bei etwa 1,5%.
Für den Lebensmittelhandel wurde bundesweit bezogen auf den gesamten Warenbezug eine durchschnittliche Verlustrate von 3,3% berechnet.
Die Rate des Verlusts im Bereich Konsum (Privathaushalte und Außer-Haus-Verpflegung) beläuft sich gemessen an der Verzehrmenge auf 6%.
In der Außer-Haus-Verpflegung unterscheidet sich die Verlustrate je nach Einrichtung und vorliegenden Rahmenbedingungen. Dazu zählen beispielsweise Wareneinsatz (Frischprodukte / Fertigessen), Zubereitung (Warme Küche / „Cook and Chill“), Essensangebot (Buffet, Menü, à la carte), Preiskategorien und Betriebsgröße.

Gründe für Lebensmittelverluste

In den einzelnen Bereichen der Wertschöpfungskette gibt es ganz unterschiedliche Ursachen, die zu Verlusten führen.
Landwirtschaft: Wettereinflüsse, Krankheiten oder Schädlinge, Lager- und Transportverluste.
Lebensmittelverarbeitung: Fehler im Herstellungsprozess, Überproduktion oder Fehlplanung, Produktions- und Qualitätseigenschaften mangelhaft
Handel: Volle Angebotspalette bis Ladenschluss, Mindesthaltbarkeitsdatum, Überbestände, falsche Lagerung, Beschädigungen.
Konsum: Verbraucheransprüche, niedrige Preise, falsche Lagerung, kein Überblick über Vorräte, Mindesthaltbarkeitsdatum.

Der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung in der Region

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Verpackungsfreier Einkauf

Keine unnötigen Einwegverpackungen. Keine zu großen Mengen an Lebensmittel. Das Konzept von nurINpur, dem ersten verpackungsfreien Laden in Ingolstadt, ist so simpel wie hilfreich. Kunden haben künftig die Möglichkeit, bedarfsgerecht, regional und nachhaltig Nahrungsmittel und Drogerieartikel einzukaufen. Produkte wie Reis, Kaffee, Hülsenfrüchte sowie Waschmittel, Seife und Körperpflegemittel werden unverpackt angeboten und können in mitgebrachte Behältnisse abgefüllt werden. Dadurch lässt sich nicht nur Verpackungsmüll vermeiden, auch die Verschwendung von Lebensmitteln kann durch bedarfsorientierte Mengen verringert werden.

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Die Philosophie zeichnet sich durch vier Säulen aus:

  • Umwelt- und ressourcenschonend: Lebensmittel, die nicht verkauft werden, landen nicht in der Tonne, sondern werden an Hilfsbedürftige oder Organisationen gespendet. Außerdem sollen mit Produkten aus der Region lange Transportwege und die dadurch steigenden CO2-Werte reduziert werden.
  • Biologisch: Größtenteils sind die Waren biozertifziert, ansonsten besteht enger Kontakt zu den Produzenten, um die Qualität gewährleisten zu können.
  • Transparent: Kunden erfahren ganz genau, wo die Lebensmittel herkommen. Auch über den Produzenten und die Gegebenheiten wird informiert. Auf schöne, auffällige und blendende Verpackungen wird bewusst verzichtet. Das Produkt an sich zählt.
  • Fair: Die Ladenbetreiber legen Wert darauf, dass die Lebensmittel nicht nur fair gehandelt, sondern dementsprechend auch entlang der Lieferkette fair bezahlt werden.
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Containern

Zwei junge Frauen aus dem Raum Ingolstadt retten auf ihre ganz eigene Weise Lebensmittel. Sie gehen Containern. Beim sogenannten Mülltauchen (englisch: dumpster diving) wird weggeworfene Nahrung aus Mülltonnen von Supermärkten oder Fabriken gefischt. Viele Produkte werden wegen des überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums, Druck- und Gammelstellen oder aufgrund von Sortimentwechseln sowie Überschuss entsorgt. Qualitativ und geschmacklich sind die Lebensmittel oft noch einwandfrei und genießbar. Grundsätzlich ist Containern in Deutschland nicht erlaubt. Hausfriedensbruch und Diebstahl können dabei als Strafbarkeit gelten. Bisherige Verfahren wurden aber meistens wieder eingestellt.

Warum geht man Containern?
Wir machen das nicht, um günstig an Essen zu kommen oder aus kriminellen Energien heraus. Vielmehr sind es ethische Gründe, vielleicht auch der alternative Lebensstil. Da geht es einfach ums Prinzip, nicht um existenzielle Notwendigkeit. Die Lebensmittel werden hauptsächlich für den eigenen Bedarf gesammelt oder an andere weitergegeben.

Wie läuft Containern ab?
Gutes Timing ist wichtig. Nach Ladenschluss und bei Dunkelheit geht es los. Außer montags und donnerstags, da wird oft bis 24 Uhr eingeräumt oder Inventur gemacht. Bei einigen Supermärkten stehen die Container freizugänglich und unverschlossen herum. Die Tonnen sind voll mit blauen Säcken. Die Inhalte oft willkürlich.

Welche Lebensmittel sind zu finden?
Im Container gibt es das, was es im Supermarkt gibt. Wirklich getrennt wird in den Tonnen nicht. Die Zustände der Lebensmittel reichen von richtig gut und nicht mal abgelaufen bis hin zu ungenießbar. Gemüse und Obst gibt es immer. Saisonabhängig in größeren Mengen - zum Beispiel Mangold, Spargel oder Kürbis. Fertige Salate und Sandwiches liegen neben Fleisch, Käse und Backwaren. Eine beschädigte Verpackung, eine Delle in der Dose, eine Milchtüte versiegelt aber ohne Deckel - das alles landet in der Tonne. Auch Blumen, Waschpulver, Shampoo oder Kleidung werden entsorgt.

Warum landen so viele Lebensmittel von Supermärkten im Müll?
Das Hauptproblem sehen wir in den Ansprüchen der Verbraucher. Viele Kunden legen zum Beispiel beim Bäcker Wert darauf bis kurz vor Ladenschluss noch das komplette Sortiment zur Auswahl zu haben. Bei Obst und Gemüse ist oft makelloses Aussehen relevant und für viele Kunden wird es immer mehr zur Selbstverständlichkeit, dass es tropische Früchte auch im Winter zu kaufen gibt. Da fragt man sich schon, wie billig Lebensmittel eigentlich produziert werden, wenn so viel wieder auf dem Müll landet.

Beeinflusst Containern das eigene Ess- & Kaufverhalten?
Ich gehe sehr selten einkaufen. Ich esse was da ist und wenn ich was brauche, gehe ich Containern. Nur für Luxusprodukte, dazu gehören für mich Hygieneartikel oder Fetakäse, suche ich mal einen Supermarkt auf. Aus den geretteten Lebensmitteln kreiere ich eigene Gerichte und schreibe mir die Rezepte auf. Viel Gemüse und kein Fleisch kommt bei mir auf den Teller. Manchmal gibt die Tonne auch ausgefallenere Produkte wie Artischoken, Kokosblütensirup oder Kokoschips her. Da ist dann Experimentierfreude gefragt. Ekel empfinde ich beim Containern nicht. Was nicht mehr gut ist, kommt eben weg Ansonsten habe ich ja nichts verloren, wenn ich Essen rette und mitnehme, was ich brauche. Beim Einkaufen hätte ich da ein viel schlechteres Gewissen.

Was verändert sich durch das Containern?
Man wird für den Verbrauch von Lebensmitteln sensibilisiert, weil man durch das Containern erst mal merkt, wie lange die Produkte eigentlich haltbar sind. Die Einstellung zum Wegwerfen ändert sich prinzipiell. In den Mülltonnen ist oft viel mehr zu finden als man überhaupt verwenden kann. Da werden die Lebensmittel gerne aufgeteilt. Wichtig ist ja, dass sie gerettet werden. Beim Containern setzt man außerdem andere Prioritäten als bei einem Einkauf. Im Supermarkt würde ich Wert auf Bioprodukte legen und mich nicht für Eier aus Boden-/Käfighaltung entscheiden. Wenn ich solche aber aus der Tonne fische, nehme ich sie schon mit.

Foodsharing

Im Dezember 2012 wurde die Initiative Foodsharing („Lebensmittel teilen“) gegründet, die sich gegen die Wegwerfmentalität und die Lebensmittelverschwendung einsetzt. Auf der Internetplattform foodsharing.de, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv ist, können sogenannte foodsharer, also Händler, Produzenten und Privatpersonen, überschüssige Lebensmittel kostenlos anbieten. Zudem setzen sich über 30.000 Ehrenamtliche als foodsaver (Lebensmittelretter) ein, um Nahrungsmittel bei Händlern und Produzenten abzuholen.

Auch in Ingolstadt sind solche Lebensmittelretter aktiv. Auf ihrer täglichen Mission holen Manuela Hertel und ihre Mitstreiter bei Supermärkten, Restaurants und Bäckereien übrig gebliebene Nahrungsmittel ab, die sonst im Müll gelandet wären. Die krumme Karotte und der Salat mit einem welken Blatt würden mit diesen kleinen Macken im Laden vermutlich vergeblich auf einen Käufer warten. Dank der foodsaver können auch Produkte mit Schönheitsfehlern oder kürzlich überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum noch verwendet werden. Die eingesammelten Nahrungsmittel werden anschließend verteilt – für den Eigenbedarf, an Freunde und Nachbarn weitergegeben oder in öffentliche Kühlschränke, sogenannte Fair-Teiler, gelegt. Diese sind für alle Ingolstädter frei zugänglich und jeder hat die Möglichkeit, Lebensmittel hineinzulegen oder rauszunehmen. Bedürftigkeit ist bei diesem Konzept keine Voraussetzung, um Essen zu erhalten. Die Foodsharing-Initiative sieht sich selbst als Unterstützung und Ergänzung zu Organisationen wie der Tafel, an die auch gerettete Lebensmittel weitergegeben werden.

Das kann jeder gegen Lebensmittelverschwendung tun

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Ein angebrochener Aufstrich, der vergessen und schimmlig wird, Essensreste vom Vorabend, die doch nicht mehr aufgewärmt werden oder Gemüse, das zu lange herumliegt bis es welk und schrumpelig ist – das ist bestimmt in jedem Haushalt schon mal vorgekommen. In Deutschland werden pro Sekunde 313 Kilogramm genießbare Nahrungsmittel entsorgt.
Hier gibt es eine kleine Auswahl von alltagstauglichen Tipps gegen die unnötige Verschwendung von Essen:

  • Strukturiert & maßvoll einkaufen: Vorräte kontrollieren; Einkaufsliste schreiben; nicht von vermeintlichen Angeboten wie „Kauf 3, zahl 2“ verlocken lassen; nicht zu viele Vorräte anhäufen.
  • Ein Herz für kleine Mackel: Auch Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern ist sehr schmackhaft und wenn’s gekauft wird, landet es nicht sofort unnötig in der Tonne.
  • Richtige Lagerung: Schnell verderbliche Lebensmittel sollten in den unteren Kühlschrankfächern gelagert werden; Bananen, Zitrusfrüchte, Tomaten und Gurken gehören nicht in den Kühlschrank; Äpfel und Tomaten sollten getrennt von anderen Obst- und Gemüsesorten aufbewahrt werden.
  • Mindesthaltbarkeitsdatum: Bei überschrittenem Datum die Produkte auf Genießbarkeit (Aussehen und Geruch) prüfen, bevor sie entsorgt werden; trockene Lebensmittel wie Nudeln oder Reis sind in verschlossenen Verpackungen auch lange nach dem angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum noch verwendbar.
  • Reste verwerten: Gekochtes Essen hält sich normalerweise zwei Tage lang im Kühlschrank; aus nicht mehr ganz so frischem Obst und Gemüse kann zum Beispiel ein Smoothie gemixt werden.
  • Verschenken statt wegschmeißen: Mit der App „Uxa“ (ausführlicher Artikel) können übriggebliebene Lebensmittel abgegeben werden.
Veröffentlicht von Luisa Riß