Verfolgt, vergessen, verehrt: Die Helden des FC Bayern im Nationalsozialismus

Die Zeit des Nationalsozialismus war beim FC Bayern jahrzehntelang vergessen. Fans haben etwas dagegen unternommen. Zu Recht, denn das dunkelste Kapitel des Klubs brachte wahre Helden hervor.

Geht es um große Persönlichkeiten in der 119-jährigen Vereinsgeschichte des FC Bayern, fallen immer wieder die gleichen Namen. Da wären die Helden der 1970er-Jahre: Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß. Oder jene der jüngeren Vergangenheit: Lothar Matthäus, Oliver Kahn, Bastian Schweinsteiger. Die Geschichte von tragenden Figuren spielte aber auch während und unmittelbar nach der Zeit des nationalsozialistischen Regimes. Doch die Aufarbeitung der eigenen Historie lag beim FC Bayern viele Jahre lang brach. Dann wühlten die Fans der Münchner in der Vergangenheit, und setzten ein Signal für die Zukunft

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Südkurve München Das Thema Nationalsozialismus lag beim FC Bayern lange brach. Aktive Fans änderten etwas daran.

Das vorläufige Ende einer liberalen Fußballkultur

Ein Jahr nach der ersten Meisterschaft 1932 begann das dunkelste Kapitel der Vereinsgeschichte. Nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler wurde der politische Druck auf die Klubführung des FC Bayern zu groß. Der jüdische Präsident Kurt Landauer sah wegen seiner Abstammung und der Verfolgung keinen anderen Ausweg als den Rücktritt von seinem Amt. Meister-Trainer Richard Dombi, ebenfalls jüdischer Abstammung, verließ die Stadt und wechselte in die Schweiz. Bekennende Antifaschistische Aktivisten im Dunstkreis des FC Bayern wie Max M. Klar wurden brutal ermordet.

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Südkurve München Die NS-Opfer des FC Bayern sind bei den Fans nicht in Vergessenheit geraten.

Dem frühen Förderer und Klubmitglied Herrmann Schülein blieb kein anderer Ausweg, als die geliebte Heimat zu verlassen, um sein Leben zu retten. Der Spross einer Brauereifamilie ging in die USA. In einem Gedicht aus seinem New Yorker Exil schrieb Schülein: „Wenn ich die Türme (Münchner Frauenkirche; Anm. d. Red.) seh, dann tut das Herz mir weh. Wahrzeichen einer Stadt, die mich im Banne hat.“

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Südkurve München Ehre, wem Ehre gebührt: Beim Spiel des FC Bayern in Stuttgart im Januar 2013 widmeten die Münchner Fans Richard Dombi eine Choreografie. Dombi trainierte die Mannschaft, die 1932 erstmals in der langen Geschichte des Klubs eine Deutsche Meisterschaft erringen konnte. Wenige Monate später flüchtete er vor den Nazis in die Schweiz.

Abseits der Einzelschicksale: Mit zwei jüdischen Männern in Spitzenpositionen hatte der FC Bayern seinen Ruf als „Judenklub“ weg, anders als Stadtrivale 1860 München. Das ist deshalb etwas grotesk, weil auch der FC Bayern am 9. April 1933 in der Stuttgarter Erklärung gemeinsam und ohne Zwang mit 13 weiteren süddeutschen Fußballvereinen den Ausschluss aller jüdischen Mitglieder ankündigte. Dies wurde 1935 mit einem sogenannten Arierparagraphen in der Klubsatzung verankert. Außerdem war der damalige Vizepräsident August Harlacher, seit 1908 Klubmitglied, bereits 1930 in die NSDAP eingetreten.

Schwere Zeiten

Zur einsetzenden sportlichen Talfahrt ab dem Ende der 1930er-Jahre kamen die Grauen des Zweiten Weltkrieges. 1943 wurde das Stadion des FC Bayern an der Grünwalder Straße bei Bombenangriffen zerstört. Eindrucksvolle Bilder liefern die entsprechenden Szenen aus dem Film „Landauer – Der Präsident“.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges löste der Alliierte Kontrollrat alle Sportvereine in Deutschland auf. Die Spieler beantragten bei den USA eine Lizenz und traten am 24. Juni 1945 erstmals nach Kriegsende wieder an, die Mitgliederzahlen des FC Bayern entwickelten sich positiv. Signalwirkung hatte auch die Rückkehr Landauers aus der Schweiz.

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Youtube (Screenshot) Kurt Landauer prägte den FC Bayern wie wenige andere Personen vor oder nach ihm.

Kurt Landauer: Ein Leben für den FC Bayern

Die Verbindung Landauers zu seinem FC Bayern war nie abgerissen. Nicht einmal als der langjährige Präsident enteignet und im Zuge der Reichspogromnacht 1938 für vier Wochen in das Konzentrationslager Dachau eingesperrt worden war. Nach seiner Rückkehr 1947 stand zwar immer eine Weiterreise in die USA im Raum, die dafür erforderlichen Papiere lagen vor. Doch der erste Meister-Präsident hielt der Stadt und dem Verein die Treue: „Der FC Bayern und ich gehören einfach zusammen und sind untrennbar voneinander.“ Der Wiederaufbau des Klubs nahm Formen an.  Die Genehmigung der Spiellizenz durch die USA stellte aufgrund Landauers jüdischen Hintergrundes kein Problem dar. Das genügte dem damals 65-Jährigen aber nicht.

Die zweite Amtszeit

Ab August 1947 war er wieder Präsident. Der Klub fand unter seiner Führung mit dem Trainingsgelände an der Säbener Straße in München eine neue Heimat, die bis heute das Zuhause des Vereins ist. Landauer überzeugte die Alliierten nicht nur von einem Übungsgelände, sondern reichte Rivale 1860, der während des NS bei der braunen Stadtregierung ein besseres Ansehen hatte, die Hand. Das Ziel: den Fußball in München wiederaufzubauen. Dreieinhalb Jahre nach seinem Tod 1961 stieg der FC Bayern in die Erste Bundesliga auf. Der Verein entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der erfolgreichsten Fußballvereine Europas, verlor aber seine Vergangenheit aus den Augen.

Traurige Konsequenz: Prägende Persönlichkeiten der Geschichte verschwanden aus dem Bewusstsein. „Kurt Landauer war völlig in Vergessenheit geraten“, gibt Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zu.

Von den Anhängern des Vereins wiederentdeckt

Im Gegensatz zur Klubführung hatte die inhaltliche Auseinandersetzung mit der dunklen Geschichte des FC Bayern bei Teilen der Fans schon früh einen hohen Stellenwert. Die Ultra-Gruppe „Schickeria München“ trägt seit 2006 jeden Sommer das „Kurt- Landauer-Turnier“ aus. Natürlich wird dort Fußball gespielt.

„Wir wollen das Erbe Kurt Landauers weiterführen.“ Fansprecher Simon Müller

Doch vordergründig geht es darum, „das Erbe von Kurt Landauer weiterzuführen und zu einer weltoffenen Gesellschaft beizutragen, die sich fortschrittlich und liberal gegen Rassismus und Ausgrenzung stellt“, wie Sprecher Simon Müller gerne betont. Am Turnier-Wochenende wird dies durch Vorträge, Workshops und Ausflüge zum Thema umgesetzt.

Das Kapitel Erinnerungskultur ist für die Fans mit drei Tagen im Jahr längst nicht abgeschlossen. Ausgrenzung gibt es in der Südkurve nicht.

Die Zusammenarbeit mit sozialen Projekten in der Stadt funktioniert. Geflüchtete sind regelmäßig auf Einladung der Fans in der Kurve zu Gast.

Den Fans sei Dank: Der FC Bayern besinnt sich seiner Wurzeln

Der 125. Geburtstag Landauers 2009 ist der Wendepunkt in der Haltung des Vereins. Rummenigge nahm an einer Gedenkveranstaltung zu dessen Ehren in Dachau teil. „Es freut mich, dass Herr Landauer lange nach seinem Tod noch so eine Bedeutung für unseren Verein hat“, sagte Rummenigge Jahre danach.

„Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar voneinander.“ Kurt Landauer

Nicht mehr nur für die Anhänger. Der FC Bayern machte Landauer 2013 zum Ehrenpräsidenten und widmete ihm eine Ausstellung. Das Engagement der Fans animierte zudem den Regisseur Hans Steinbichler zum Film „Landauer – Der Präsident“.

Das Herzblut der Fans fand 2014 bundesweite Anerkennung. Die „Schickeria“ wurde vom Deutschen Fußball-Bund mit dem Julius-Hirsch-Preis für ihr Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus ausgezeichnet.

Den finalen Ausschlag für die Auszeichnung hatte eine Choreographie zu Ehren Landauers aus dem Februar 2014 gegeben.

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Südkurve München Die Choreografie der Südkurve zu Ehren Kurt Landauers im Februar 2014.

In der „Kurt Landauer Stiftung“ arbeiten Fans und Funktionäre seit 2017 zusammen. Es geht um Ausstellungen, Gräberpflege, Gedenktafeln. Den vorläufigen Höhepunkt erleben die Akteure im Mai 2019. Eine aus Spenden finanzierte, 70.000 Euro teure Bronzestatue Landauers soll an der Säbener Straße aufgestellt werden. Sein Andenken bleibt so in Ehren. Landauer bleibt für immer daheim.

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Veröffentlicht von Florian Wittmann