Urquattro: Das Biest mit 750 PS

Klaus Rath hat ein Lebensprojekt. Seit über 14 Jahren schraubt er an einem alten Audi quattro, in den er bisher mehr als 100.000 Euro investiert hat. Mittlerweile ist das Sportcoupé aus den 80er Jahren kaum mehr wiederzuerkennen: Der Urquattro hat über 750 PS und ist für die Rennstrecke optimiert. Denn bald scheucht ihn Rath über die Straßen des Histo-Cups.

750 PS und 900 Newtonmeter auf nur 1000 Kilogramm: Was nach einem modernen Supersportwagen klingt, ist in Wirklichkeit ein alter Audi quattro aus den 80er Jahren. Kenner nennen das Modell heute auch Urquattro. Aber mit dem Serienmodell hat dieses Ungetüm nicht mehr viel gemeinsam. Ein riesiger Heckspoiler, große Lufteinlässe auf der Motorhaube und eine Karosserie aus schwarzer Kohlefaser verleihen dem Boliden ein brachiales Aussehen. Aber wie kam es zu dieser Verwandlung?

Vergrößern

jetzt
Mehr als 14 Jahre Arbeit und über 100.000 Euro stecken in dem Urquattro. Foto: Manuel Hollenbach

Der Audi quattro ist ein Sportcoupe, das zwischen 1980 bis 1991 gebaut wurde. Es war das erste Straßenfahrzeug, das einen permanenten Allradantrieb hatte. Daher nennen Kenner den Wagen auch Urquattro. Anfang der 80er Jahre kam der Audi Sport quattro auf den Markt, eine leistungsstärkere Version des Urquattros. Auf dessen Basis ist der berühmte Audi Sport quattro E2 Pikes Peak entstanden, mit dem der Rallyefahrer Walther Röhrl Motorsportgeschichte geschrieben hat. Er stellte damit beim Bergrennen Pikes Peak International Hill Climb in Colorado einen neuen Streckenrekord auf.

In einer Werkstatt bei Wolfratshausen bastelt Klaus Rath seit über 14 Jahren an dem Urquattro. Er ist gelernter Karosseriebauer und das Schrauben wurde ihm in die Wiege gelegt. Einen Audi quattro zu besitzen, war schon immer sein Traum. „Eigentlich wollte ich einen Audi 90 kaufen“, erzählt Rath, während er lächelnd auf den Wagen blickt. „Als ich den Wagen abholen wollte, habe ich unter einer Plane den Audi quattro gesehen und ich musste ihn haben.“ Doch der Besitzer wollte ihn nicht so leichtfertig hergeben. Erst als der Wagen mit einem Motorschaden liegen geblieben war, hat der Besitzer ihn verkauft. Für 1400 Euro erstand Rath den Wagen. Doch es sollte nicht nur ein Auto sein, sondern es wurde zu seinem Lebensprojekt.

Eine Urgewalt: Mit 286 Stundenkilometern über die Rennstrecke

Nach 15 Runden bin ich gerade noch so über die Ziellinie gerollt. Der Motor war zwar hin, aber ich war der glücklichste Mensch der Welt. Klaus Rath

Bis heute hat er über 2000 Arbeitsstunden und mehr als 100.000 Euro in den Urquattro investiert. Sein Ziel ist es, mit dem umgebauten Urquattro den Histo-Cup aufzumischen. Dabei handelt es sich um eine Rennserie für ältere Fahrzeuge, die Ende April ihr Saisonopening auf der Rennstrecke im österreichischen Spielberg feiert. „Früher bin ich mit einem 325er BMW an den Start gegangen, aber der Urquattro hat einfach mehr Spaß gemacht. Deshalb habe ich ihn nach und nach umgebaut“, sagt Rath. Zu Beginn belächelten die anderen Rennfahrer Rath und seinen alten quattro, doch mittlerweile hat er sie das Fürchten gelehrt. Bei den jüngsten Tests ist der Wagen mit über 286 Stundenkilometern über den Asphalt geflogen. „Die Konkurrenten fahren Porsche, BMW und es sind auch ein Haufen Amis mit dabei, die dicke V8-Motoren fahren. Denen mache ich jetzt das Leben schwer“, sagt Rath und lacht.

Vergrößern

jetzt2
Klaus Rath im Urquattro. Die rote Schutzkappe bedeckt den Schalter für die Zündung. Mit dem schwarzen Knopf darunter startet er den Motor. Foto: Manuel Hollenbach

Klaus Rath ist gelernter Karosseriebauer und Hobbyrennfahrer. Schon als 19-Jähriger fuhr er Stockcar-Rennen und ist bis heute der Rennstrecke treu geblieben. Sein umgebauter Urquattro sorgt auf der Rennstrecke immer für ziemliches Aufsehen. Er ist ein Aushängeschild für sein handwerkliches Geschick, sodass ihm der Wagen auch schon einige neue Aufträge eingebracht hat.

Um der Konkurrenz davonzufahren, hat Rath den Wagen komplett umgebaut. Die Karosserie ist ein kompletter Eigenbau und an dem Motor ist nur noch der Block im Originalzustand. Das Innenleben und die Mechanik hat Rath ausgetauscht. Neue Kolben, Nockenwellen, Pleuel: Alles hat Rath auf Höchstleistung getrimmt. Auch die ganze Elektrik ist neu. Besonders dominant ist der riesige Heckspoiler. „Der Anpressdruck des Heckspoilers ist so groß, dass der Wagen vorne bei hohen Geschwindigkeiten zu leicht wird“, erklärt Rath. „Vor Kurven muss ich immer etwas bremsen, um vorne genügend Grip zu haben. Da muss ich noch etwas optimieren.“ Die Aerodynamik ist generell eine kleine Schwachstelle des Wagens. Nicht umsonst nennt ihn Rath auch eine aerodynamische Schrankwand. „Güterzug gegen ICE. So kann man sich das Verhältnis vorstellen“, erklärt Rath während er den Heckspoiler zärtlich streichelt.

Es gab Momente, da hätte ich ihn mit dem Hammer zusammenschlagen können. Klaus Rath

Urquattro belegt dritten Platz trotz Motorschaden

So zärtlich ist die Beziehung der beiden nicht immer. Es ist eher eine Hassliebe: „Es gab Momente, da hätte ich ihn mit dem Hammer zusammenschlagen können“, sagt Rath. „Aber dann gibt es wieder Situationen, in denen sich die ganze Arbeit einfach lohnt.“ So war es vor drei Jahren. Als er auf dem dritten Platz beim Histo-Cup über die Ziellinie gefahren ist, hatte der Urquattro plötzlich einen Motorschaden. „Nach 15 Runden bin ich gerade noch so über die Ziellinie gerollt. Der Motor war zwar hin, aber ich war der glücklichste Mensch der Welt.“

Vergrößern

Motor
Das Herzstück des Urquattros: der Motor. Ein Audi S2 20V Turbo. Rath hat ihn komplett überarbeitet, nun leistet er 750 PS und über 900 Newtonmeter. Foto: Manuel Hollenbach

Ein Leben ohne das Biest, wie seine Freunde den Boliden nennen, kann sich Rath wohl kaum mehr vorstellen. Auf die Frage hin, wie lange er noch an dem Urquattro basteln und Rennen fahren wird, antwortet er ohne zu zögern: „So lange es geht. Das Auto wird mit mir sterben.“

Veröffentlicht von Alexander Stiehle