Tore, Titel und Triumphe: kleine EM-Geschichte seit 1992

Das Fieber steigt: In weniger als einer Woche startet die Europameisterschaft in Frankreich. In der Geschichte des Turniers gab es schon etliche große Überraschungen, unvergessliche Triumphe und Anekdoten, die im Gedächtnis bleiben. Wir erinnern uns zur Einstimmung an die EM-Turniere seit Beginn der 1990-er Jahre.

EM 1992 in Schweden: Danish Dynamite bezwingt den amtierenden Weltmeister

Fußball im Zeichen politischer Spannungen: Bei der EM 1992 in Schweden wird Jugoslawien wegen des Balkankonflikts trotz erfolgreicher Qualifikation vom Turnier ausgeschlossen. Das Team der ehemaligen Sowjetunion geht unter dem Namen GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) an den Start. Insgesamt ist die Europameisterschaft Anfang der 1990-er Jahren noch eine überschaubare Angelegenheit: Acht Nationen, zwei Gruppen, Halbfinale, Finale, fertig.

Als Ersatzmannschaft für die ausgeschlossenen Jugoslawen rückt der Zweite der Qualifikationsgruppe nach: Dänemark. Dänemark? Ja, Dänemark, der spätere Europameister. Der Mannschaft von Trainer Richard Møller Nielsen gelang im Sommer 1992 eine der größten Sensationen der EM-Geschichte.

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Weissbrod/dpa Flankiert von Stürmer Brian Laudrup (l.) und Torhüter Peter Schmeichel (r.) hebt Abwehrspieler Kim Christofte den EM-Pokal in die Höhe.

Danish Dynamite spielte sich bis ins Endspiel und bezwang dort Deutschland, den Weltmeister von 1990, mit 2:0. Für die Dänen war das der bisher einzige EM-Titel und ein nicht für möglich gehaltener Triumph. Teile der Mannschaft, die ja für die Endrunde sportlich gar nicht qualifiziert war, reisten nämlich direkt aus dem Urlaub nach Schweden an. Eine gemeinsame Vorbereitung gab es nicht. Auch während des Turniers waren die Dänen als Big-Mac-Truppe verschrien. Ihnen wurde nachgesagt, sie würden sich vorwiegend von Burgern und Cola ernähren. Ob all das wirklich stimmt, oder ob die Geschichten über den krassen Außenseiter sich nach dem Titelgewinn verselbstständigt haben, sei einmal dahingestellt. Sicher ist jedenfalls, dass die Dänen das Endspiel gegen den klaren Favoriten für sich entschieden haben. Die Treffer erzielten John Jensen (18.) und Kim Vilfort (78.).

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Startaufstellung des EM-Finals 1992 zwischen Dänemark und Deutschland. Die Überraschungsmannschaft Dänemark gewann mit 2:0. (Grafik: pz)

EM 1996 in England: Oliver Bierhoff und das Golden Goal

Erstmals gingen bei der Europameisterschaft 1996 16 Mannschaften in vier Gruppen an den Start. Vier Jahre nach der Finalniederlage gegen Dänemark sicherte sich die deutsche Nationalmannschaft auf der Insel den Titel – der bisher letzte deutsche EM-Triumph. Bis zum Titelgewinn hatte das Team von Trainer Berti Vogts allerdings einige zum Teil hoch dramatische Partien zu absolvieren. Noch relativ mühelos holte sich die deutsche Mannschaft Platz eins in der Gruppe C. Nach dem 2:0-Auftaktsieg gegen Tschechien (Tore: Ziege, Möller) und dem klaren 3:0 gegen Russland (Tore: Sammer, zweimal Klinsmann) genügte ein 0:0 gegen Italien zum Gruppensieg.

Im Viertelfinale setzte sich Deutschland mit 2:1 gegen Kroatien durch. Jürgen Klinsmann hatte die DFB-Elf in Führung gebracht (21.), Davor  Šuker erzielte den zwischenzeitlichen Ausgleich (51.). Doch Matthias Sammer gelang wenig später der Siegtreffer (59.). Im Halbfinale traf das deutsche Team auf Gastgeber England. Dieser war mit großen Ambitionen in das Turnier gestartet. Im eigenen Land sollte mit Stars wie Alan Shearer und Paul Gascoigne unbedingt der EM-Titel her. Im Vorfeld der Partie hatte die englische Boulevardpresse ihre Leser in gewohnt martialischer Art und Weise auf das Spiel gegen Deutschland eingestimmt. So verkündete Paul Gascoigne mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, dass das Turnier für die DFB-Auswahl nun beendet sei.

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dpa Das Bild zeigt die Titelseiten der englischen Boulevardblätter Mirror und Star vor dem EM-Halbfinale Deutschland gegen England.

Und tatsächlich: Zunächst sah es für die Engländer gut aus in Sachen Finaleinzug. Bereits nach drei Minuten schoss Alan Shearer die EM-Gastgeber in Führung. Doch schon kurz darauf gelang Stefan Kuntz der Ausgleich (16.). Weitere Tore fielen nicht mehr, auch nicht in der Verlängerung. So fiel die Entscheidung im Elfmeterschießen, bekanntermaßen nicht die Lieblingsdisziplin der Briten… Die ersten fünf Schützen beider Mannschaften trafen allesamt. Beim Stand von 6:6 trat Gareth Southgate an den Punkt und scheiterte an Andreas Köpke. Andreas Möller traf im Anschluss und brachte die Deutschen ins Finale. Die Engländer hätten allerdings in der Verlängerung das für sie wieder einmal tragische Elfmeterschießen vermeiden können, als Paul Gascoigne in der 99. Minute eine Riesenmöglichkeit vergab. Da seit dem Turnier 1996 die Golden-Goal-Regel galt, wären die Engländer im Finale gewesen.

Auch das Endspiel gegen Tschechien verlief kaum weniger dramatisch. Nach der tschechischen Führung durch Patrik Berger (59.) und dem Ausgleich durch den erst vier Minuten zuvor eingewechselten Oliver Bierhoff ging es erneut in die Verlängerung. In der 95. Minute schoss wieder Bierhoff die Deutschen per Golden Goal zum EM-Titel.

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Berg/dpa Moment der Entscheidung: Oliver Bierhoff trifft in dieser Szenen per Golden Goal im Finale gegen Tschechien und sichert der deutschen Nationalmannschaft den EM-Titel.

EM 2000 in Belgien und den Niederlanden: Deutsche Enttäuschung und französischer Triumph

Das Turnier in Belgien und den Niederlanden war aus Sicht der deutschen Mannschaft eine einzige Enttäuschung: Der Titelverteidiger schied in der Vorrunde aus und erzielte in den drei Gruppenspielen genau einen Treffer. Bereits im Vorfeld der EM war es zu deutlichen Unstimmigkeiten im deutschen Team gekommen. Es bildete sich eine offene Oppositionsgruppe gegen Trainer Erich Ribbeck. Das Fazit nach dem frühen Ausscheiden: Ribbeck verlor seinen Job. Das letzte Gruppenspiel gegen die B-Elf Portugals (0:3), das schon für das Viertelfinale qualifiziert war,  war gleichzeitig das unrühmliche Ende der Nationalmannschaftskarriere von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (150 Einsätze).

Europameister wurde Frankreich, das sich im Viertelfinale durch Tore von Zinediné Zidane und Youri Djorkaeff mit 2:1 gegen Spanien durchsetzte. Auch im Halbfinale setzten sich die Franzosen mit 2:1 durch. Es trafen Thierry Henry und Zidane per Elfmeter. Für Portugal war Nuno Gomes erfolgreich. So traf der Weltmeister von 1998 im Finale auf Italien. Im Endspiel stand es nach der regulären Spielzeit 1:1. Marco Delvecchio hatte die Italiener in Führung gebracht. Der französische Ausgleich durch Sylvain Wiltord fiel erst in der vierten Minute der Nachspielzeit. Wie schon vier Jahre zuvor wurde das Endspiel durch ein Golden Goal entschieden. David Trezeguet traf in der 103. Minute. Frankreich wurde mit dem EM-Titel die erste Mannschaft überhaupt, die nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft auch die darauffolgende Europameisterschaft für sich entschied. Zwei Titel in Folge waren bis dato nur der deutschen Nationalmannschaft gelungen  (1972/1974). Eine Übersicht aller EM-Gewinner finden Sie hier:

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Liste aller Europameister seit 1960 (Grafik: pz)

EM 2004 in Portugal: König Otto und die griechische Sensation

Große Turnier leben von großen Überraschungen. Der Außenseiter, der plötzlich die unerwartete Chance auf den Titel hat, begeistert das Fußballerherz. Und nie in der Geschichte der Europameisterschaft war die Sensation größer, als beim Gewinn der griechischen Nationalmannschaft 2004. Angetreten mit einem Kader, dessen Großteil der Spieler bis dato nur der Fachwelt ein Begriff waren, spielten sich die Hellenen bis ins Finale. Wobei spielen fast schon übertrieben ist. Nationaltrainer Otto Rehhagel setzte auf ein gewaltiges Abwehrbollwerk und war sich auch nicht zu schade, die längst verstaubte Position des Liberos wieder aufleben zu lassen. Vorne hatten die Griechen neben einer Portion Glück vor allem Angelos – Euro-Harry – Charisteas. Zunächst für seine altbackene Taktik belächelt, schuf sich Rehhagel mit dem Titelgewinn in Griechenland ein Denkmal für die Ewigkeit.

Gerade einmal vier Punkte genügten den Griechen für Platz zwei in ihrer Vorrundengruppe. Erster wurde Portugal, Spanien schied – punktgleich mit den Griechen – schon in der Gruppenphase aus.  In den drei Vorrundenbegegnungen kassierte der spätere Europameister vier Gegentore. Was dann aber folgte, war eine defensive Meisterleistung und eine K.-o.-Runde ohne einen einzigen Gegentreffer. Im Viertelfinale besiegte Rehhagels Team den amtierenden Europameister und klaren Favoriten Frankreich mit 1:0. Den einzigen Treffer der Partie erzielte Charisteas in der 65. Minute. Schon nach diesem Erfolg wurde die griechische Nationalmannschaft in der Heimat frenetisch gefeiert.

Auch im Halbfinale hielt das hellenische Bollwerk gegen die tschechische Offensive um Milan Baros, Jan Koller, Tomáš Rosický und Pavel Nedvěd stand. Die Entscheidung fiel in der Verlängerung – und zwar mit dem einzigen Silver Goal der EM-Geschichte, das Traianos Dellas in der 105. Minute gelang. Die Silver-Goal-Regelung besagte, dass bei einem Tor in der Verlängerung noch die Halbzeit der Verlängerung zu Ende gespielt wird. Das Silver Goal sollte das ungeliebte Golden Goal ersetzen. Da aber auch die neue Regelung auf Kritik stieß, war auch das Silver Goal nach der EM 2004 wieder Geschichte.

Im Endspiel trafen die Griechen, wie schon in der Vorrunde, auf Gastgeber Portugal. Für beide war es die erste EM-Finalteilnahme überhaupt. Wieder hieß es am Ende 1:0 für die Griechen. Wieder war der Torschütze Angelos Charisteas, damals in Diensten von Werder Bremen. Er traf in der 57. Minute nach einer Ecke per Kopf – sein einziger Torabschluss der gesamten Partie. Luis Figo, Christiano Ronaldo und Co. rannten bis zum Schluss vergeblich an. Am Ende hatte Portugal mehr als 20 Torchancen, doch Europameister wurde Griechenland. Eine Zusammenfassung des griechischen EM-Turniers bis zum Titelgewinn sehen Sie hier:

EM 2008 in Österreich und der Schweiz: Beginn der spanischen Ära

Die EM in Österreich und der Schweiz war der Beginn der großen Dominanz der spanischen Nationalmannschaft, die zwischen 2008 und 2012 den Weltfußball beherrschte und gleich drei Titel in Folge gewann (EM 2008, WM 2010, EM 2012). Bester Spieler des Turniers wurde Xavi, bester Torschütze David Villa (vier Treffer). Für die Spanier war es der erste EM-Titel seit 1964. Auch Deutschland musste sich der Mannschaft von Luis Aragonés im Endspiel geschlagen geben. Während Spanien sich den Nimbus der Unbesiegbarkeit erarbeitete, scheiterte das deutsche Team nach dem WM-Aus 2006 im Halbfinale gegen Italien zum zweiten Mal in Folge spät im Turnierverlauf. Auch bei der WM 2010 in Südafrika und bei der EM 2012 sollte für die Mannschaft von Jogi Löw jeweils im Halbfinale Schluss sein.

Die Spanier marschierten mit drei Siegen durch die Gruppenphase. Deutschland setzte sich in Gruppe B hinter Kroatien und vor Österreich und Polen durch. Unvergessen bleibt der Fehlschuss von Mario Gómez gegen Österreich, der den Ball aus drei Metern nicht im Tor unterbrachte. Eine Szene, die Gómez den (unberechtigten) Ruf des Chancentods einbrachte.


Im Viertelfinale setzten sich die Spanier nach 120 torlosen Minuten im Elfmeterschießen gegen Italien durch, Deutschland gewann 3:2 gegen Portugal. Auch im Halbfinale setzte sich das DFB-Team mit 3:2 durch, diesmal gegen die Türkei. Spanien hatte beim 3:0 gegen Russland keine Mühe. In einem engen Endspiel genügte den Spaniern ein Treffer von Fernando Torres zum EM-Titel, der sich in der 33. Minute gegen Philipp Lahm und Jens Lehmann durchsetzte.

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Startaufstellung des EM-Finales 2008 zwischen Spanien und Deutschland (Grafik: pz).

EM 2012 in Polen und der Ukraine: Eine Urgewalt namens Balotelli

Die Europameisterschaft 2012 war das vorerst letzte EM-Turnier mit 16 Mannschaften. Europameister wurde wie schon vier Jahre zuvor Spanien. Zum ersten Mal in der EM-Geschichte gelang damit einer Nation die Titelverteidigung. Das Finale war eine Demonstration der spanischen Überlegenheit: Mit 4:0 jagte die Mannschaft von Trainer Vincente del Bosque die Italiener vom Feld – ein neuer Torrekord in einem EM-Endspiel.

Die Szene des Turniers spielte sich allerdings in der Halbfinalpartie zwischen Deutschland und Italien ab. Nach dem bisherigen Turnierverlauf ging die Löw-Elf als Favorit in das Spiel gegen den Angstgegner. Doch dann kam ein gewisser Mario Balotelli, damals 21 Jahre jung, und zerstörte mit seinem Doppelpack in der 20. und 36. Spielminute jäh die deutschen Titelträume. Die Jubelpose des extrovertierten Stürmers ging um die Welt:

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Brandt/dpa Szene mit Symbolcharakter: Mario Balotelli schoss die deutsche Nationalmannschaft um Philipp Lahm im EM-Halbfinale 2012 im Alleingang aus dem Turnier.

Bereits nach dem ersten Gegentor verfiel das deutsche Team in eine kollektive Schockstarre, vom 0:2 erholte sich die DFB-Elf bis zum Schlusspfiff nicht mehr.  Nach der Partie geriet auch Bundestrainer Löw für seine Taktik in die Kritik. Lange wurde in Deutschland über seinen Rücktritt spekuliert. Doch Löw machte weiter und führte Deutschland 2014 zum WM-Titel. Den Italienern indes konnte bei der deutlichen Finalpleite gegen Spanien auch die Urgewalt Mario Balotelli nicht mehr helfen. Sein Jubelbild aus dem Halbfinale allerdings wurde zum Internet-Hit:

Philipp Zimmermann
Veröffentlicht von Philipp Zimmermann

Philipp Zimmermann ist Volontär des DONAUKURIER.