Sven Catello

„Ich gaukle dem Zuschauer eine Wirklichkeit vor, die nicht existiert. Ich mache etwas, von dem er nicht weiß, wie es funktioniert, deswegen ist es für ihn etwas Übernatürliches.“

Mit „Zaubern im Bus“ beginnen am Freitag und Samstag die 19. Ingolstädter Zaubertage. Ins Leben gerufen wurden sie von Sven Catello, der sie auch weiterhin organisiert und internationale Zaubererkollegen dazu einlädt.

Sven Catello ist Zauberer – und am liebsten zaubert er mit Menschen. Warum das so ist, was dabei schief gehen kann und woher er seine Inspiration nimmt, erzählt er im Interview.

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Sven Catello, der Initiator und Organisator der Zaubertage

Zauberer bringt man oft in Verbindung mit weißen Kaninchen, die aus dem Hut springen, oder Tauben, die davonfliegen. Haben Sie auch Haustiere?

Sven Catello: Tatsächlich haben wir vier Vögel zu Hause, aber mit denen wird nicht gezaubert. Ich habe mal einen Hasen geschenkt bekommen, weil die Leute dachten: Ein Zauberer braucht einen Hasen. Ich habe versucht, mit ihm zu zaubern, weil ich dachte, ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen, also auch der Hase. Ich habe ihn in Kisten gepackt, habe ihn erscheinen lassen. Ob er Spaß daran hatte, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat er sich nicht sehr kooperativ verhalten.

Was hat er gemacht?

Catello: Ich erinnere mich an eine Hochzeit. Ich habe den Hasen erscheinen lassen, setzte ihn auf den Tisch, drehe mich nur einen Moment um und er springt weg, der Tisch kippt um und ich war eine halbe Stunde lang beschäftigt, ihm hinterherzulaufen. Der Unterhaltungswert war sehr groß, glaube ich, das Staunen eher weniger. Die Vorführung ging völlig in die Hose. Ich zaubere lieber mit Menschen.

Wie sind Sie zur Zauberei gekommen?

Catello: Ich hab einen Zauberkasten gehabt mit sechs oder acht Jahren, den ich wie jedes Kind auch wieder in die Ecke geworfen habe. Mit 14 habe ich ein Buch über Kartenzauberei gekauft und durchgearbeitet. Das scheint der Auslöser gewesen zu sein, mich damit zu beschäftigen. Mit 18 oder 19 hab ich meinen ersten Zauberkongress besucht und andere Zauberkünstler kennengelernt. Da hat sich eine komplett andere Welt aufgetan, weil ich erst mal gesehen habe, was daraus werden kann. Dann habe ich mir einen Teil meines Lebensunterhaltes während des Studiums mit Zauberei verdient und irgendwann beschlossen: Das wird mein Hauptberuf.

... das ist nicht wirklich geschehen, das ist nur eine Illusion

Was wollten Sie vorher werden?

Catello: Ich bin gerne in die Schule gegangen und habe dann gemerkt: Ich möchte studieren. Es war mir nicht so wichtig, was ich studiere. Es gab zwei Dinge, die mir wichtig waren: Erstens, ich wollte nicht so weit weg, weil ich hier verwurzelt war durch Sport und Zauberei und zweitens, ich wollte einen Job kriegen – und da ist Mathematik draus geworden. Irgendwann hab ich mehr gezaubert als studiert, habe es aber zu Ende gebracht und bin Diplommathematiker.

Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie Berufszauberer werden wollten?

Catello: Das war ein schleichender Prozess, aber meine Eltern haben das neutral unterstützt. Sie haben Sachen für mich gebaut, genäht, Requisiten und so was. Und sie waren stolz, wenn sie mich haben auftreten sehen, und sie haben es nie behindert. Sie wären aber schon auch froh gewesen, wenn ich einen normalen Beruf ergriffen hätte. Natürlich waren sie unsicher: Was wird aus dem Burschen, wenn er mal Zauberkünstler wird. Das hat sich aber schnell gelegt, als sie gemerkt haben, dass es funktioniert.

Kommt es vor, dass Tricks auf der Bühne nicht funktionieren?

Catello: Es passiert oft, dass manche Dinge nicht hundertprozentig funktionieren. Da gibt es verschiedene Stufen. Die erste Stufe ist: Ich weiß, es hat nicht richtig funktioniert, aber der Zuschauer merkt es gar nicht. Der Vorteil ist, in der Zauberei kennt der Zuschauer das Ziel häufig nicht. Und dadurch kann ich es noch variieren, sodass es für ihn trotzdem überraschend ist, obwohl es für mich komplett verfehlt war. Dann gibt es den Fall wo der Zuschauer sich denkt: Das war doch komisch. Und drittens: Es klappt einfach nicht. Davor habe ich früher Angst gehabt, aber mittlerweile ist das überhaupt kein Problem mehr. Gerade wenn man Gedanken liest, da passiert es einfach, dass das nicht funktioniert. Ich kann in dem Moment die Gedanken des Zuschauers nicht lesen – und dann sage ich es einfach. Das ist für die Zuschauer vollkommen akzeptabel, wenn ich es nicht 90 Minuten lang mache und alles daneben geht.

Sind Sie schon mal enttarnt worden?

Catello: Kinder rufen häufig, sie wissen, wie es geht, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Ein Erwachsener denkt das oft, aber er ruft es nicht. Er erzählt es vielleicht seinen Freunden. Beides ist nicht gut, denn für ihn ist die Illusion zerstört und vielleicht für die Umstehenden auch. Das bedeutet, ich muss Zauberkunststücke so aufbauen, dass der Zuschauer Erklärungsmöglichkeiten, die er vielleicht hat, verwerfen muss. Das ist so ein Ziel meiner Zauberei.

Wie viel ist Übung, wie viel Talent?

Catello: Jeder muss üben, egal ob talentiert oder nicht. Talent heißt: Man muss in der Zauberei etwas finden, das man kann. Jemand, der gut sprechen kann, der wird Zauberei mit Text machen. Jemand der nicht so gerne redet, der wird seine Aufführung mit Musik unterlegen. Jemand, der Leute zum Lachen bringen kann, der bringt Komik in die Zauberei. Ich bin kein so komischer Mensch, aber meine Vorführungen haben Humor. Aber nicht so, dass dauernd Gags passieren. Sie sind humorvoll, aber sie sind nicht Comedy. Mein oberstes Gefühl, das ich hervorrufen will, wäre Staunen – und nicht Lachen. Aber Lachen ist gut, unterstützt das Staunen.

Wie kommen Sie an neue Tricks?

Catello: Das Wichtigste für mich ist Bücherlesen. Ich lese über irgendetwas – ein schwarzes Loch zum Beispiel – und finde es interessant. Im zweiten Schritt überlege ich mir dann: Wie kann ich dieses Thema mit Zauberei aufgreifen. Zum Beispiel nehme ich einen Karton, da ist ein Loch drin, ich lege einen Ball rein, er verschwindet. Wie in einem schwarzen Loch. Das passiert sehr häufig: Ich habe ein Thema, das ich interessant finde und über das ich reden möchte, und verstärke es durch Zauberei. Im Catello Zaubermenü erzähle ich sehr viele persönliche Dinge und unterstreiche die durch Zauberei.

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Alles nur Illusion? Oder doch etwas Übernatürliches?

Mit welcher Erwartung geht ein Besucher in Ihre Vorstellung?

Catello: In erster Linie ist das, dass er staunen kann. Das zweite ist, dass er gut unterhalten wird dabei.

Hat das Internet die Zauberei verändert?

Catello: Es ist mir schon passiert, dass ich auf einem Kindergeburtstag war. Der kleine Bruder hatte Geburtstag, der große sitzt die ganze Zeit an seinem Handy und macht irgendwas. Anschließend kommt er zu mir und sagt: Ich habe jetzt die ganze Zeit youtube-Videos geschaut, aber ich habe nicht rausgekriegt, wie Sie das machen. Richtig toll. Also hat er wenig von meiner Vorführung mitbekommen, er hat gesucht, wie das geht. Das verändert die Sehgewohnheiten, die Dinge sind oft schneller, und manchmal genießen die Leute die Vorführung nicht, weil sie nebenbei etwas anderes machen. Das Finden eines Tricks ist aber nicht so einfach, man muss ziemlich tief eindringen, bis man weiß, wie so etwas funktioniert. Und meine Vorstellung ist hoffentlich so gut, dass die normalen Erklärvideos gar nicht funktionieren.

Was macht für Sie einen ganz besonderen Trick aus?

Catello: Wenn da ein Elefant erscheint, sagt der Zuschauer: Kann nicht sein, aber irgendwie wird es funktionieren. Aber manchmal kann man Kunststücke kreieren, sodass der Zuschauer an den Rand dessen gelangt, wo er nicht sicher ist, ob das nicht doch etwas Übernatürliches ist. Er staunt, aber er zweifelt auch – ist das wirklich ein Trick? Und diese Grenze finde ich sehr spannend. Und wenn ich die erreiche, dann habe ich – finde ich – viel gut gemacht.

Isabel Ammer
Veröffentlicht von Isabel Ammer