Sprachgespenster – Ein ganz persönlicher Ratgeber

Im Alltag als Journalist stolpere ich häufig über Formulierungen und Phrasen, bei denen sich mir die Zehennägel aufrollen.

Dieser Text widmet sich einigen Sprachgespenstern, die jeden Tag über unsere Bildschirme geistern und Angst und Schrecken verbreiten.

Der 1. Vorsitzende begrüßte zunächst alle Anwesenden.

Die Abwesenden hat er wohl kaum begrüßt. Und dass der Vorsitzende auch gleichzeitige der erste seiner Gattung ist, ist irgendwie auch klar, oder? Auch wenn der Saal „bis auf den letzten Platz gefüllt war“ ist höchstwahrscheinlich nicht genau ein Stuhl bei der Versammlung im Vereinsheim frei geblieben. Es gibt Floskeln, die verhalten sich wie Funktionsunterwäsche nach einem langen Skitag: Man kann sie nur schwer abstreifen.

Jeder hat Sprachmarotten. Es hat auch nicht jeder eine journalistische Ausbildung genossen; mit seiner Überheblichkeit sollte man sich also im Zaum halten. Es gibt aber auch viele ausgebildete (!) Journalisten, die getrost über Gelerntes hinwegsehen oder zu faul sind, sich um Texte zu bemühen, die man leicht versteht und dazu gerne liest. Deshalb gilt für alle Schreiber gleichermaßen: Denken Sie an Ihre Leser! Schicken Sie sie nicht auf einen Abenteuerausflug in den Sprachdschungel. 

Eine Gemeinsamkeit

Journalisten, Schriftführer, Öffentlichkeitsarbeiter, Reden- und Blogschreiber: Sie alle haben eines gemein. Sie wollen, dass möglichst viele Leute ihre Texte lesen oder den Vortrag verstehen. Das predigt Sprach-Ästhet und Journalistenschüler-Schreck Wolf Schneider gebetsmühlenartig.

„Mein Hauptthema ist, jenen Berufsschreibern, mit denen ich es zu tun habe, nämlich Journalistenschülern und Öffentlichkeitsarbeitern, klar zu machen, was für grauenvolle, unlesbare, langweilige, abstoßende, unverständliche Sätze man mit völlig korrekter Grammatik produzieren kann.“ – Wolf Schneider

Ausnahme: Wissenschaftliche Arbeiten und Tagebücher.

An der Universität gelten andere Regeln – Texte werden für ein illustres Fachpublikum geschrieben, ein eingeweihter Kreis. Hochschulbibliotheken sind wie ein Ozean aus unverständlichem Kauderwelsch – und viele Studenten leben mit der ständigen Angst, darin zu ersaufen.

Verstehen Sie Bullshit?

„Effizienzsteigerungsprogramm“, „Gewinnverwendungsvorschlag“ oder „On-Premise-Geschäftsmodell“.

Keine Ahnung? Sie sind nicht allein

Nun stelle man sich vor, es ist Aktionärsversammlung. Einer der wichtigsten Tage des Jahres für den Vorstandsvorsitzenden eines Unternehmens: Er soll den Anteilseignern erklären, wie es im Unternehmen läuft.

Es gibt jedoch kaum einen Ort, an dem der Zuhörer so nachdrücklich das Gefühl gewinnen muss, auf höchst verlässliche Art und Weise so wenig zu erfahren, wie in diesen Referaten zur ökonomischen Lage des Unternehmens.

Statt ihnen in kurzen und einfachen Sätzen zu erklären, was Sache ist, fahren die Konzernlenker schweres Geschütz auf. Fachbegriffe und Managersprech prasseln auf die schutzlosen Zuhörer nieder wie Hagelkörner eines heftigen Sommergewitters. Viel reden, wenig sagen.

Es sind also nicht unbedingt die Rechtschreibfehler oder Kommas, die die Sprache manchmal so gnadenlos unverständlich werden lassen – denn Fehler macht jeder.

Vielmehr sind es die hohlen Phrasen und Floskeln, aufgeblähte Formulierungen oder Hohlsprech, die uns das Gesicht einschläfern wie der Zahnarzt vor der Wurzelbehandlung.

Dennoch begegnen wir im Redaktionsalltag immer wieder Formulierungen, die ohne jeden Kompromiss falsch sind. Eine Auswahl.

Falsch. Keine Diskussion.

  • „Einzigster“: Weniger als einzig geht nicht
  • „Bis auf den letzten Platz gefüllt“: Das bedeutet, dass genau ein Stuhl frei geblieben ist
  • „Völlig unklar“: Ursachen sind immer „völlig“ unklar. Unklar ist unklar.
  • Der sogenannte Deppenapostroph. Klingt gemein und meint Apostrophen, die falsch sind: „Beate‘s Nagelstudio“ oder „WC‘s“. Seien Sie sicher: Apostrophen gibt es im Deutschen nur selten. Dennoch trifft man immer wieder auf Auswüchse des Apostroph-Wahns. Einfacher Tipp: ein Apostroph zeigt an, dass in einem Wort ein oder mehrere Buchstaben weggelassen worden sind. Er zeigt keinen Plural und keinen Besitz an. Nie.

  • Inflation der Anführungszeichen: Alles mögliche in An- und Abführung zu setzen, ist eine bekannte Volkskrankheit. Anführungszeichen zeigen das Gesagte oder Geschriebene an. Auch wenn viele Menschen dazu tendieren, in ihren Erzählungen ständig beide Zeige- und Ringfinger zu imaginären Anführungszeichen zu krümmen: im geschriebenen Wort bitte nicht. Im Gespräch ist es übrigens auch albern – das nur nebenbei bemerkt.

Die Augenroller

Nicht falsch, aber schrecklich: Die angesprochenen Phrasen geistern durch Vereinsberichte, Pressemitteilungen, Nachrichtenportale, Intranets, E-Mail-Postfächer, und Facebook-Gruppen. Einzig das Ausmaß der Grausamkeit variiert. Seien Sie deshalb wie die Ghostbusters und gehen auf Geisterjagd.

Das heißt: Die sprachlichen Schreckgespenster aus den Texten zu verjagen. Streifen Sie den khakifarbenen Overall über und schnappen sich die Protonenkanone.

Wenn Sie eine der folgenden Formulierungen durch Ihre Texte geistern sehen, Feuer frei:

Floskeln aus anderen Sportarten in Sportberichten „Zurückrudern“, „Sparringspartner“, „Schützenfest“, „auf Hochtouren“, „die erste Hürde nehmen“, die Hängepartie“ (stammt übrigens aus dem Schach) oder die „Rolle rückwärts“: Viel zu oft gelesen, und häufig auch unpassend.

Wenn es ums Essen geht, kennen wir keinen Spaß. Bei Festen gehört schließlich etwas Ordentliches auf den Tisch. „Für das leibliche Wohl ist (bestens) gesorgt“, „kulinarische Köstlichkeiten“ oder: „Speis‘ und Trank“ (Nein!). Ohnehin gilt es zu hinterfragen: Interessiert es den Leser wirklich, dass sich alle schamlos den Bauch vollgeschlagen haben?

Schiefe Sprachbilder

Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, warnte einmal etwas unglücklich:

„Sonst hätten wir einen Klotz am Bein, an dem sich auch der FC Bayern verschlucken kann.“

Auch Journalisten sind gegen diese Sprachkrankheit der schiefen Bilder nicht immun.

Das neue Jahr steckt noch in den Kinderschuhen Ostsee-Zeitung
Das Hotel bietet Komfort zu Spitzenpreisen Aus einer Werbebroschüre

Solche schiefen Sprachbilder gibt es zu Hauf. Wenn Sie beim Leser ein Bild im Kopf erzeugen wollen, sollte es auch passen.

  • Auch der Paukenschlag ertönt in viel zu vielen Texten: Man muss sich nur eine Person vorstellen, die kräftig auf einen kesselähnlichen Resonanzkörper schlägt und dabei ordentlich Lärm erzeugt. Nicht alles gleicht einem Paukenschlag!
  • „Leuchtende Kinderherzen“
  • Krankheiten: Ist man wirklich im Fieber, wenn man sich auf etwas freut?
  • Überhöhungen, die absolut fehl am Platz sind: Der Minigolf-Papst, die AH-Legende oder auch gerne genommen: der Tempo-Sünder.
  • Viel zu oft gehört: „Den Kopf in den Sand stecken“, „Katerstimmung“, „Wundenlecken“.
  • Das Wort „grinsen“ wird tatsächlich enorm häufig als Synonym für „lächeln“ verwendet. Das ist falsch. Grinsen meint etwas Höhnisches, Schadenfrohes oder Boshaftes. Schwierig wird es auch einen Satz zu „grinsen“. Das neutralste Wort, um eine Äußerung kenntlich zu machen, ist und bleibt „sagen“: Mut zur Wiederholung, das fällt niemandem auf.
Fahrtüchtiger Filius Schwiegertochter gesucht
Bajuwarischer Blauhemdenträger Bauer sucht Frau
  • Alliterations-Wahnsinn: Es ist die Leidenschaft vieler Journalisten, Überschriften in Alliterationen zu verpacken. Ab und zu sicher nett, äußerst anstrengend jedoch, wenn das zur Marotte wird. Die RTL-Formate „Bauer sucht Frau“ und „Schwiegertochter gesucht“ gleichen einem Polterabend für alberne Alliterationen: „Lediger Liebesanwärter“, „Bajuwarischer Blauhemdenträger“, „Patenter Pfälzer“, „Fahrtüchtiger Filius“

Abgedroschener geht‘s kaum

Nicht unbedingt falsch, kein schiefes Sprachbild, aber dennoch lästig wie eine Stallfliege. Wiederkehrende, abgedroschene Floskeln:

  • „Setzen, sechs“
  • „Auftakt nach Maß“
  • Seit neuestem vor allem auf Social Media gern verwendet: „Genau mein Humor!“, „Kannst du dir nicht ausdenken“
  • „Schluss mit lustig“, „Ende Gelände“, „aus die Maus“, und so weiter: tausendfach gehört.
Setzen, sechs!
Ende Gelände!
  • „Die Seele baumeln lassen“: Wie geht das?
  • „Was macht das mit einem?“ puh.
  • „Am Ende des Tages“ – Was da nicht immer alles passiert.
  • Alte Redensarten, die im Zweifelsfall keiner versteht: „Den Gärtner zum Bock machen“ oder einen „Besen fressen“ beziehungsweise „bis in die Puppen“ weggehen. Das Schöne an Redewendungen ist, dass man sie oft vor sich hin plappert, aber nie einen Gedanken daran verschwendet, wo sie eigentlich herkommen, und vor allem: Wie absurd es wäre, wenn man tatsächlich einmal das tun würde, was man da sagt. Also: Nachdenken, ob die Redensart wirklich gerade passt. Wir kennen unsere Pappenheimer.

Absolute No-Gos

  • Einstiege à la: „Zu Beginn begrüßte der Vorsitzende“ … und dann folgt eine lange Aneinanderreihung von Namen. Meist interessiert das nur diejenigen, die in dieser Reihe auftauchen.
  • Der Drahtesel: Es ist ein Fahrrad! Das darf man gerne auch öfter so nennen.
  • Der Wettergott. Nein, auch wenn die Sonne scheint hatte der Wettergott kein Einsehen – „Die Sonne schien“ reicht.
  • „Alter Schwede“ … auf gar keinen Fall!

Korrekturlesen hilft

Bevor Sie auf den Absenden-Button klicken oder Ihre Botschaften in die weite Welt hinausposaunen: Nochmal lesen, was Sie geschrieben haben – am besten laut.

Idealerweise auch noch eine zweite Person lesen lassen. Außerdem: Kurze Sätze, aktive Sprache und viele Verben. 

Gutes Gelingen!

Julian Bird
Veröffentlicht von Julian Bird
Jahrgang 1989. Schreibt seit 2016 für den DK, seit 2018 Vollzeit. Geboren und aufgewachsen in Ingolstadt, Politik- und Anglistikstudium in Regensburg und Eichstätt. Interessiert sich für Politik, Fußball und vor allem: seine Heimat. Derzeit in der Online-Redaktion.