Oscars 2016: Der beste Hauptdarsteller

Die Oscar-Verleihung rückt immer näher. Am 28. Februar wird im Kodak Theatre in Los Angeles die wichtigste Trophäe des Filmbusiness verliehen. Wir haben uns alle nominierten Filme angesehen. Hier stellen wir die Kandidaten in den Hauptkategorien vor und verraten, welcher Hauptdarsteller bei den Oscars triumphieren wird.

LEONARDO DICAPRIO

Diesmal scheint es wirklich klare Sache zu sein: Leonardo DiCaprio gewinnt den Oscar. Schon fünfmal war der US-Schauspieler nominiert – und doch ging er immer wieder leer aus. Vor allem für seine Rolle in „The Wolf of Wall Street“ hatten viele Fans im vergangenen Jahr fest mit einem Hauptrollen-Oscar gerechnet. Als Eddie Redmayne gewann, wahrte DiCaprio nur mühsam die Fassung (in seinen Augen sah man Tränchen glitzern).

Doch der 41-Jährige ließ sich nicht hängen. Im Gegenteil: Er stürzte sich voll und ganz in die Arbeit an seinem neuesten Film „The Revenant“. Dabei bewies er ein glückliches Händchen. Denn Alejandro Iñárritu, der „Revenant“-Regisseur, gilt als Liebling der Jury. Sein letzter Filme „Birdman“ wurde im vergangenen Jahr mit mehreren Oscars ausgezeichnet.

Aber abgesehen von der Zusammenarbeit mit einem begnadeten Regisseur – hat DiCaprio den Oscar für seine Rolle in „The Revenant“ verdient? Wir finden: Ja. Im echten Leben Vegetarier würgt der Schauspieler als Trapper Hugh Glass rohe Bisonleber herunter und beißt die Köpfe zappelnder Fische ab. Er watet stundenlang durch bitterkalte Flüsse oder klettert einen Berg mit einem nassen Bärenfell auf dem Rücken hinauf. „Das waren die schwierigsten Szenen, die ich je gedreht habe“, verrät DiCaprio in einem Interview.

Gerade Filme, die physisch stark an die Belastungsgrenze gehen, werden von der Acadamy oftmals mit Oscars belohnt. Das in Kombinantion mit Regisseur Iñárritu dürfte für den ewig Zweiten diesmal zum Erfolgsgaranten werden. Und falls es doch nicht reichen sollte, hat er immerhin den Golden Globe in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller – Drama“ schon mal auf seinem Kaminsims stehen.

MATT DAMON

Das kann aber auch Kandidat Nummer zwei, Matt Damon, von sich behaupten: Er wurde mit dem Golden Globe als „Bester Hauptdarsteller – Komödie“ für seine Rolle als Mark Watney in dem Science-Fiction-Streifen „Der Marsianer“ ausgezeichnet. Und prompt flatterte kurz darauf auch die Oscar-Nominierung ins Haus des 45-Jährigen.

Damon war bisher einmal für einen Hauptrollen-Oscar nominiert worden („Good Will Hunting“) – dies liegt mittlerweile aber 18 Jahre zurück. Danach sah man ihn vor allen in Actionfilmen wie „The Bourne Identity“ oder Komödien wie „Ocean’s Eleven“. Auch seine aktuelle Rolle steht nicht unbedingt für die personifizierte Ernsthaftigkeit. Botaniker und Astronaut Watney spart nicht an Ironie und lässt gerne mal eine Schimpftirade los. Doch trotz fehlender Seriösität darf bei all dem nicht außer Acht gelassen werden: Watney ist ganz klar die tragende Figur des Films – es geht allein um sein Überleben. Er muss sich durchbeißen und kämpfen – nicht etwa gegen eine angreifende Alienflotte, sondern viel schlichter: gegen Hunger und Einsamkeit.

Aber diese extreme Fokussierung belastet Damons Spiel nicht, sie scheint es eher zu beflügeln: Der Darsteller füllt Mark Watney mit so viel Leben, dass der Film stehts spannend und unterhaltsam bleibt und wir durchgehend mit der Figur bangen: Wird er es auf dem weiten Weg vom Mars heil zurück schaffen? Damon jedenfalls hat es mit seinem „Marsianer“ schon weit geschafft. Wir vermuten jedoch: Mehr als eine Nominierung bei den Oscars ist auch 18 Jahre nach „Good Will Hunting“ nicht drin.

EDDIE REDMAYNE

Bessere Chancen hat unserer Meinung nach der Brite Eddie Redmayne. Denn wie bereits erwähnt, honoriert die Oscar-Jury häufig physische Veränderungen für eine Rolle. Und Redmayne mutiert zu einem Meister der schauspielerischen Physis. Bereits im vergangenen Jahr gewann der 34-Jährige den Oscar für seine Hauptrolle in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Dort spielte er den an ALS erkrankten Stephen Hawking mit Bravour. Auch in seiner neuen Rolle in „The Danish Girl“ ist Redmayne kaum wieder zu erkennen: Er spielt die Transfrau Lili Elbe.

Eddie Redmayne spielt in seinem aktuellen Film die Transfrau Lili Elbe. Foto: Universal Pictures/dpa

Dabei lässt uns der Brite die Verwandlung Stück für Stück miterleben: Am Anfang ist er ein schlemischer junger Mann, schüchtern im Alltag, aber voller Leidenschaft für seine Frau. Schon als er das erste Mal als Frau posieren soll (zu dem Zeitpunkt noch ein Jux seiner Frau), sieht der Zuschauer wie Redmayne elektrisiert über den edlen Stoff streicht. Bald werden Mimik, Gestik und Körperhaltung immer weiblicher: Der Brite trippelt vorsichtig auf Zehenspitzen durch den Saal, streicht sich verlegen die rote Haarsträhne hinter das Ohr und presst beim Sitzen damenhaft die Beine aneinander. Erst wirkt das noch komisch, doch sobald sich die Figur vollkommen mit Kleidern und Make-Up ausstaffiert, ist sie kaum noch von anderen Frauen zu unterscheiden.

Redmaynes Figur schreckt nicht davor zurück, sich von ihrer weiblichsten Seite zu zeigen und gewährt uns stellenweise Einblicke in ihre verwundete Seele – aber leider nicht oft genug. Nicht immer kann man Lilis Verhalten nachvollziehen. Es wäre schön gewesen, mehr von ihren Beweggründen und Gedankengängen zu erfahren. Jedoch ist dies mehr dem Regisseur als dem Darsteller anzulasten. Redmayne gibt sein Bestes, um die perfekte Verwandlung zu Lili Elbe zu vollziehen. Diese Leistung beschert ihm Platz 2 in unserer Wertung. Wäre DiCaprio nicht, hätte Redmayne den Oscar wohl in der Tasche.

MICHAEL FASSBENDER

Michael Fassbender hat Grund zur Dankbarkeit – an die Liste seiner vielen Preise und Nominierungen reiht sich jetzt auch eine Nominierung in der Königsdisziplin des Schauspiels: Er darf auf einen Oscar als bester Hauptdarsteller hoffen. Nominiert ist er für die Titelrolle in dem Biopic „Steve Jobs„.

Wie es der Name bereits verrät, schlüpft der 38-Jährige hier in die Rolle des Apple-Gründers Steve Jobs. Wir sehen ihn kammerspielmäßig in lediglich drei Szenen: Jeweils vor einer wichtigen Produktpräsentation, die den Apple-Kosmos und auch Jobs persönliche Laufbahn nachhaltig prägen werden. Fassbender tritt dabei als unmenschlicher Visionär auf, der sein Unternehmen leiten möchte wie ein Dirigent sein Orchester. Stets umhüllt ihn seine kühle Ausstrahlung, die sämtliche Menschen (einschließlich seiner kleinen Tochter) auf Distanz hält. Schnell offenbart Fassbender das Genie seiner Rolle und lässt den Zuschauer stets auf eine Spur Menschlichkeit hoffen. Wir erleben wie Misserfolge Jobs Leben prägen und wie der Erfolg schließlich zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung führt.

Fassbenders authentisches Spiel und seine enorme Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Jobs lassen den Zuschauer ganz und gar vergessen, dass er nicht den einstigen Apple-Chef vor sich hat. Mit der Intensität der Rollen DiCaprios und Redmaynes kann es Fassbender jedoch nicht aufnehmen: Seine Gewinnchancen bleiben dementsprechend gering.

BRYAN CRANSTON

Für Serienfans ist Bryan Cranston ein alter Bekannter: Er ist der Protagonist des Serienhits „Breaking Bad“ und wandelte sich damit vom seichten Fernsehgesicht zum international beachteten Charakterdarsteller. Nun vollzieht Cranston den nächstlogischen Schritt und mimt endlich auch auf der Leinwand eine tiefgründige Figur.

In „Trumbo“ schlüpft der 59-Jährige in die Rolle des Drehbuchautors Dalton Trumbo, einem der wichtigsten Namen im Goldenen Zeitalter Hollywoods. Durch seine Aktivitäten als bekennender Kommunist gerät Trumbo während des Kalten Krieges ins Visier der Justiz, wird verhaftet und landet auf der Schwarzen Liste, die mit einem Arbeitsverbot einhergeht. Trotzdem schreibt Trumbo unter Pseudonymen weiter und gewinnt mehrere Oscars.

Cranston lebt seine Rolle sehr physisch aus: Der Rücken seines Trumbos ist von dessen jahrelanger Schreibtätigkeit gebeugt, sein Blick geprägt von an Überheblichkeit grenzender Selbstsicherheit. Mit spitzen Fingern hackt er im Stakkato auf die Schreibmaschine ein, ohne Pause – selbst in der Badewanne.

Sogar in der Haft verliert Cranstons Figur nicht an Haltung. Der Kampf um Gerechtigkeit geht weiter, das machen Mimik und Körpersprache unmissverständlich klar. Doch nach und nach verrennt sich Trumbo in seinem Widerstand, unter dem auch seine Familie leidet. Nach und nach verschwindet sein einst starkes Auftreten und die Zerrissenheit der Figur offenbart sich: Familie oder Beruf? Frieden oder Gerechtigkeit? Es scheint sicher: Auch wenn Cranston in diesem Jahr bei den Oscars noch nicht triumphieren wird, müssen wir uns seinen Namen für die Zukunft merken.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.