Oscars 2017 – Das wird der beste Film

In Hollywood steigt die Anspannung, denn am 26. Februar ist es so weit: Die Oscars werden verliehen, der wichtigste Preis der gesamten Filmbranche. Wir haben die nominierten Filme vorab angesehen und verraten, welcher Streifen die besten Chancen auf eine Trophäe hat – und welchen Film Sie unserer Meinung nach auf keinen Fall verpassen dürfen.

In diesem Jahr ist die Bandbreite der Nominierten in der Kategorie „Bester Film“ enorm. Western, Musical, Science-Fiction – kaum eine Sparte, die fehlt. Auch die Qualität der Filme ist heuer außergewöhnlich hoch. Da fällt es direkt schwer, einen klaren Favoriten zu küren. Jedoch sticht ein Film noch ein bisschen mehr hervor als seine Konkurrenten.

Oscars 2017: „Moonlight“ – Der Ästhetische

Mit einem schwierigen Thema befasst sich das Drama „Moonlight“: Es geht um die homosexuelle Liebe eines jungen Afroamerikaners, der im Ghetto Miamis lebt. Armut, Gewalt und Drogen prägen den Alltag des neunjährigen Chiron. Seine Mutter ist ein Junkie, der sich nicht um ihn schert, und die Mitschüler mobben das Kind, weil es so anders ist als sie. Das Elend ist Alltag, bis Chiron eines Tages Juan trifft. Eigentlich ist der kubanische Einwanderer ein harter Typ, der sich auf der Straße behaupten kann und seinen Lebensunterhalt mit Drogendeals verdient. Dennoch schließt dieser vermeintliche Bad Guy Chiron in sein Herz und gibt ihm gemeinsam mit seiner Freundin Teresa eine Zuflucht und einen Halt.

Und dann ist da noch Kevin – der als Einziger kein Problem mit Chiron hat, ihm sogar helfen will und immer wieder seine Nähe sucht. Als Zuschauer kann man mit ansehen, wie die beiden nebeneinander an einer emotionalen Klippe stehen und zögern. Sollen sie springen oder nicht? Ist in ihrem gesellschaftlichen Umfeld Platz für Gefühle, die aus der Reihe tanzen?

Die Antwort ist bitter. Chiron wird gequält, mit Worten und Taten. Dennoch haben all diese Grausamkeiten bei „Moonlight“ eine fast poetische Ästhetik. Geräusche werden bei den Gewalttaten ausgeblendet, Figuren bewegen sich fast tänzerisch. Schreit Chirons Mutter ihn an, hört der Zuschauer davon nichts – stattdessen erklingt klassische Musik. Auf diese Weise verpackt „Moonlight“ seinen harten Inhalt so kunstvoll, dass ein berührendes Gesamtkunstwerk entsteht. Kein Wunder also, dass der Film trotz geringem Budget und größtenteils unbekannter Besetzung bei den Golden Globes als bestes Drama ausgezeichnet wurde. Wir drücken diesem außergewöhnlichen Streifen auch für die Oscars die Daumen und empfehlen den Kinobesuch uneingeschränkt: Am 9. März läuft „Moonlight“ an.

Für Fans von: „The Imitation Game“, „Blind Side“ und „Training Day“.

Oscars 2017: „La La Land“ – Everybody’s Darling

In die Quere kommen könnte „Moonlight“ in diesem Jahr vor allem einer: das Musical „La La Land“. Kaum ein Preis, den der Film nicht gewonnen hat. Momentan sind es bereits 140 Auszeichnungen, darunter sieben Golden Globes – womit der Streifen einen neuen Rekord in der Geschichte der Globe-Verleihung aufstellte. Bei den Oscars ist „La La Land“ in 14 Kategorien nominiert (darunter die Big Five: Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller).

Ist der Film all diesen Rummel wert? Unterteilt in vier Kapitel erzählt er die Geschichte des Jazzpianisten Sebastian Wilder (Ryan Gosling) und der Schauspielerin Mia Dolan (Emma Stone). Es geht um den Traum der beruflichen Verwirklichung – und natürlich um die Liebe. Dabei stellt der Film eine Hommage an das goldene Filmzeitalter Hollywoods zwischen den 1950er und 1970er Jahren dar, was durch Gesangs- und Tanzeinlagen sowie Originalkulissen noch unterstrichen wird.

Klar ist: „La La Land“ haucht einem totgeglaubten Genre wieder neues Leben ein. Dies ist auch den Hauptdarstellern zu verdanken, die wieder einmal hervorragend miteinander harmonieren (es ist ihre dritte Zusammenarbeit). Auch die Filmmusik ist grandios gewählt und eingesetzt. Allerdings ist die Figurenzeichnung nicht vergleichbar mit anderen Filmen, was „La La Land“ im Kontrast mit der Konkurrenz oberflächlich wirken lässt. So ist das Musical zwar ein wunderschön gemachtes Unterhaltungskino für einen grauen Sonntagabend, den Oscar als „Bester Film“ hat es jedoch nicht verdient.

Für Fans von: Allen Filmen von Fred Astaire, Musicals und „Crazy, Stupid, Love“. 

Oscars 2017: „Manchester By The Sea“ – Der Erschütternde

Es gibt wenige Filme, die einen so aus der Fassung bringen wie das Drama „Manchester By The Sea“. Erst nach und nach lässt uns Regisseur Kenneth Lonergan in die Abgründe seiner Figuren blicken – und schafft damit wohl einen der überraschendsten Momente der Filmgeschichte (vergleichbar mit den unerwarteten Wendungen von „Der Sechste Sinn“ oder „Die Verurteilten“).

„Manchester By The Sea“ handelt von dem Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck), der aufgrund des Todes seines Bruders Joe gezwungen ist, in seine Heimatstadt Manchester By The Sea zurückzukehren. Hier lebt Chandlers Neffe Patrick (Lucas Hedges), für den er das Sorgerecht übernehmen soll. Es gibt allerdings triftige Gründe, weshalb Lee Chandler die Stadt verlassen hat. Der Moment, in dem sie enthüllt werden, lässt einen wie vom Donner gerührt zurück.

Das Drama hat solch eine emotionale Wucht, wie man sie selten im Kino erlebt. Dabei kommt es aber ohne pathetische Musik oder große Dialoge aus. Nein, die grandiosen Darsteller schaffen es allein mit ihrer Mimik und Körperhaltung eine größere Bandbreite an Emotionen zu transportieren als die meisten anderen Filme auf der Oscar-Liste. Trotz dieser tiefgründigen Emotionalität überrascht das Drama allerdings auch immer wieder mit einem extrem trockenen Humor. Er lässt einen auflachen und direkt danach erschrocken die Hand vor den Mund schlagen.

Diese außergewöhnliche Mischung hätte einen Oscar als „Bester Film“ mehr als verdient. Aber auch wenn „Manchester By The Sea“ den Filmpreis nicht erhalten sollte (was wahrscheinlich ist), so haben Casey Affleck und Michelle Williams (als Chandlers Ex-Frau Randi) definitiv die Auszeichnungen als „Bester Hauptdarsteller“ und „Beste Nebendarstellerin“ verdient. Wer unfassbar gute Charakterdarsteller sehen möchte, darf diesen Film auf keinen Fall verpassen. Er ist bereits seit dem 19. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

Für Fans von: „The Danish Girl“, „Biutiful“ und „Brokeback Mountain“. 

Oscars 2017: „Hacksaw Ridge“ – Der Patriotische

Mit deutlich mehr emotionalem Pathos arbeitet Regisseur Mel Gibson in seinem Film „Hacksaw Ridge“. Der Kriegsfilm widmet sich der wahren Geschichte des amerikanischen Soldaten Desmond Doss. Er war ein Soldat, der den Dienst an der Waffe verweigerte und dennoch als Erster in der Geschichte der USA die Tapferkeitsmedaille „Medal of Honor“ gewann.

Sowohl Doss‘ Glaube als auch die extreme Gewalt im Krieg zwischen Amerika und Japan werden in dem Film hervorgehoben. Ähnlich wie bei anderen US-Kriegsfilmen hält sich auch „Hacksaw Ridge“ mit der Kritik am Krieg selbst zurück und hebt seine eigenen Soldaten auf ein patriotisches Podest. Das ist schade, da hier allein schon durch die pazifistische Hauptfigur mehr möglich gewesen wäre. Eine verpasste Chance, aber trotz alledem bietet der Streifen gelungene Unterhaltung – perfekt für einen spannenden Kinoabend mit einer Menge Popcorn.

Für Fans von: „Der Soldat James Ryan“, „Pearl Harbour“ und „Braveheart“.

Oscars 2017: „Lion“ – Der neue „Slumdog Millionaire“

Ähnlich spannend ist auch dieser Kandidat bei den Oscars 2017: Das Drama „Lion“ zeichnet das Leben von Saroo Brierley (Dev Patel) nach – einem Kind, das in der indischen Millionenstadt Kalkutta verloren geht und schließlich von einem neuseeländischen Ehepaar adoptiert wird. Der Gedanke an seine Familie in Indien lässt den mittlerweile erwachsenen Brierley nicht los. Mit Hilfe von Google Earth macht er sich auf die Suche nach ihnen.

In seinem Stil erinnert der Film in einigen Passagen an den Oscar-Gewinner aus 2009, „Slumdog Millionaire„. In beiden spielt der talentierte Brite Dev Patel die wichtigste Rolle. Zudem befassen sich „Slumdog Millionaire“ und „Lion“ mit den Problemen in Indien: Armut, Gewalt, Kinderhändler und -arbeit. Damit leisten sie eine wichtige Arbeit, da Indien in Hollywood thematisch sonst nicht vertreten ist. Abgesehen von dieser Thematik ist „Lion“ ein extrem gut gemachter Film mit tollen Schauspielern (neben Patel glänzen auch Rooney Mara und Nicole Kidman), beeindruckenden Bildern und einer mitreißenden Geschichte. Deshalb können wir hier eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Cineasten geben.

Vor der Verleihung der Oscars 2017 bleiben noch ein paar Tage Zeit, den Film anzusehen: Er läuft diesen Donnerstag, 23. Februar, in den deutschen Kinos an.

Für Fans von: „Slumdog Millionaire“, „Life Of Pi“ und „12 Years A Slave“

Oscars 2017: „Hell Or High Water“ – Der Neo-Western

Seit dem Wahlsieg Donald Trumps steht der kleine, vergessene Mann wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Menschen, die einst als klassische Industriearbeiter ihr Brot verdienten, heute allerdings den Anschluss an die globalisierte Welt verloren haben. Diesen Menschen widmet sich auch „Hell Or High Water“. Seine Hauptfiguren sind zwei Bankräuber, die mit wenig aufwuchsen und durch die Weltwirtschaftskrise dieses Bisschen auch noch verloren. Es sind keine klassischen Bösewichte, sondern gescheiterte Existenzen. Man empfindet Mitleid mit den Brüdern Tanner (Ben Foster) und Toby Howard (Chris Pine). So sehr, dass man hofft, der Ranger Marcus Hamilton (klassisch besetzt: Jeff Bridges) möge sie nicht erwischen.

Anders als bei den meisten Western liegt der Fokus hier nicht auf massenhafter Gewalt und Action, vielmehr stehen stark ausgearbeitete Charaktere und eingehende Dialoge im Mittelpunkt. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch; es beweist nur, wie wandelbar dieses Genre ist.

Für Fans von: „Django Unchained“, „True Grit“, „No Country For Old Men“.

Oscars 2017: „Hidden Figures“ – Der Feministische

Kommen wir zu den Außenseitern bei den Oscars 2017. „Hidden Figures“ erzählt die wahre Geschichte dreier NASA-Wissenschaftlerinnen. Daneben kritisiert der Film Sexismus, die Rassenkämpfe zwischen Schwarz und Weiß und lässt auch noch etwas Kalten Krieg einfließen. Das ist ein wenig viel auf einmal – und so bleibt eine klare Botschaft auf der Strecke.

Auch die Figuren des Dramas erreichen nicht die Tiefe, die möglich gewesen wäre. Das ist schade, denn die Geschichte an sich ist spannend. So ist „Hidden Figures“ zwar ein solider, aber kein grandioser Film. Mit seiner starken Konkurrenz kann er in diesem Jahr nicht mithalten und wird daher vermutlich leer ausgehen.

Für Fans von: „The Help“, „Precious – Das Leben Ist Kostbar“ und „Dreamgirls“.

Oscars 2017: „Arrival“ – Der Sciene-Fiction

„Arrival“ ist wohl der außergewöhnlichste Alien-Film, der es in den letzten Jahren in die Kinosäle geschafft hat. Darin geht es um die Ankunft von Außerirdischen auf der Erde. Statt Gewalt setzen die Aliens auf Kommunikation – und die Menschen versuchen, deren merkwürdige Sprache zu lernen. Gerade in die heutige Zeit passt dieser Film perfekt: Er betont, wie wichtig der Zusammenhalt und die Einheit unter den Menschen ist. Schließlich kann man gemeinsam viel mehr erreichen als alleine.

Es ist eine schöne Botschaft, die hier transportiert wird. Und keine Frage, „Arrival“ hat für einen Sciene-Fiction eine interessante Herangehensweise – hier heißt es Semantik statt Action. Das Gesamtpaket kann im Vergleich mit den anderen Nominierten jedoch nicht punkten. Einen Oscar für den „Besten Film“ wird es nicht geben. Aber eine Auszeichnung für das „Beste Adaptierte Drehbuch“ oder ein Technik-Oscar (Kamera, Ton, Schnitt) kann durchaus drin sein.

Für Fans von „Gravity“, „Avatar“ und „Interstellar“. 

Oscars 2017: „Fences“ – Der Theatrale

Das Drama „Fences“ basiert auf einem Theaterstück, und das merkt man dem dem Film auch an: Er hat wenig Handlung, aber viele Dialoge. Das funktioniert nur, weil Denzel Washington in seiner Rolle als Troy Maxson voll aufgeht. Vor seiner Darstellung muss man wieder einmal den Hut ziehen. Dennoch hat der Film einige Längen.

Es ist ein Film von Cineasten für Cineasten. Wer nicht gerade Filmwissenschaft studiert hat, wird hier nicht unbedingt viel Freude haben. Ein Oscar als „Bester Film“ ist mehr als unwahrscheinlich. Besser stehen die Chancen in Sachen „Bester Hauptdarsteller“ – hier könnte Washington tatsächlich punkten.

Für Fans von: „Whiplash“ und „Birdman“. 

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.