Oscar 2016: Der beste Nebendarsteller

Die Oscar-Verleihung rückt immer näher. Am 28. Februar wird im Kodak Theatre in Los Angeles die wichtigste Trophäe des Filmbusiness verliehen. Wir haben uns alle nominierten Filme angesehen. Diesmal stellen wir die fünf sehr unterschiedlichen Kandidaten in der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ vor und verraten, wer 2016 mit einem Oscar nach Hause gehen wird.

Christian Bale

Vor sechs Jahren gewann Christian Bale seinen ersten Oscar – ebenfalls für eine Nebenrolle – in dem Boxerdrama „The Fighter“. Nun könnte der 42-Jährige die zweite Trophäe erhalten: Er ist für seine Rolle in dem Wallstreet-Krimi „The Big Short“ nominiert. Und unserer Meinung nach stehen Bales Chancen nicht schlecht. Denn der Brite, der vor allem in Außenseiter-Rollen brilliert, zeigt auch hier wieder eine beachtliche Leistung.

Bale spielt den Nerd Michael Burry, der aufgrund seines Glasauges schon als Kind zum Außenseiter wird. Also zieht sich Burry ganz in die Welt der Zahlen zurück, was ihm später einen Job als Hedgefonds-Manager verschafft. Dort verhilft ihm seine Ziffern-Affinität zu einer Entdeckung: In der Immobilienbranche entsteht eine Blase, die droht, eine Finanzkrise auszulösen. Jedoch glaubt niemand an Burrys Theorie, er wird als Spinner abgestempelt. Er lässt sich davon aber nicht aufhalten. Selbst als seine Kunden ihm drohen, ihr Kapital abzuziehen, versucht der Manager zu retten, was zu retten ist.

Bale fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle dieses schrägen Vogels. Ohne Schuhe tapst er durchs Büro und hört dort – sehr zur Freude seiner Kollegen – Heavy Metal in volle Lautstärke. Soziale Kontakte sind ihm egal, deshalb kreisen seine Gespräche stets um ihn, ohne auch nur je auf den anderen einzugehen. Dabei ist Bales Spiel als überschnappender Nerd so überzeugend und gleichzeitig faszinierend, dass er zur heimlichen Hauptfigur von „The Big Short“ wird. Neben ihm wirken die vielen anderen großen Namen des Films eher blass, von Brad Pitt über Steve Carrell bis hin zu Ryan Gosling. Damit ist er unser persönlicher Favorit – allerdings muss er sich diesen ersten Platz mit einem seiner Konkurrenten teilen.

Tom Hardy

Tatsächlich sind wir in Sachen „Bester Nebendarsteller“ in diesem Jahr etwas unentschlossen. Denn nicht nur Christian Bale überzeugt mit seiner Darstellung. Auch Tom Hardy, ein Schauspieler, der auf der Leinwand momentan omnipräsent zu sein scheint, spielt in einem seiner aktuellen Filme so gut, dass wir uns einfach nicht festlegen können. Es geht um seine Rolle in dem Western-Thriller „The Revenant„, in dem er als Hugh Glass‘ (Leonardo DiCaprio) Antagonist John Fitzgerald agiert.

Für seine Rolle hat sich der attraktive Brite einer extremen Verwandlung unterzogen: Er erscheint mit verfiltzen Bart, fauligen Zähnen und skalpiertem Schädel auf der Leinwand. Sein nuschelnder Südstaaten-Dialekt ist kaum zu verstehen und seine Augen sind voller Rassenhass, sobald er Hugh Glass‘ Sohn – einen Halb-Indianer – erblickt. Hardy verschmilzt völlig mit seiner Rolle. Wüsste man nicht, wenn man vor sich hat, würde man den 39-Jährigen nicht erkennen.

Hardy hätte für diese grandiose Leistung einen Oscar als Nebendarsteller mehr als verdient. Aber es sieht leider nicht danach aus: Denn obwohl Tom Hardy und Christian Bale in unseren Augen die besten Nebendarsteller in diesem Jahr sind, glauben wir, dass ein Dritter das Rennen machen wird…

Sylvester Stallone

Unsere Vermutung: Ein besonders kampferprobter Kamerad wird in diesem Jahr als Sieger aus dem Ring gehen: Sylvester Stallone. Er hat für seine Rolle als Rocky Balboa (schon wieder!) in „Creed – Rocky’s Legacy“ bereits den Golden Globe als bester Nebendarsteller erhalten. Und wie schon 1977 für seinen Part im ersten „Rocky“ ist Stallone auch diesmal erneut für einen Oscar nominiert. Nur sieht es 2016 besser für ihn aus als noch 1977: Die Zeichen stehen sehr stark auf einen Oscar-Triumph.

Stallones neuer alter Rocky Balboa ist – wie der Darsteller selbst – sichtlich gealtert. Die Boxhandschuhe hängen schon lange am Nagel und nach einem erlittenen Hirntrauma möchte Rocky dem Ring so fern wie möglich bleiben. So richtig Spaß macht das boxfreie Leben aber nicht; vor allem, seit seine Frau gestorben ist. So zögert der ehemalige Profiboxer nur kurz, als er von einem Box-Neuling gebeten wird, dessen Trainer zu werden.

Schön sind die neuen Facetten, die wir an Stallones aktuellem Rocky entdecken können. Etwa wie er seiner Frau an ihrem Grab die Zeitung vorliest. Wie er ins Keuchen gerät, sobald er die „Rocky Steps“ vor dem Philadelphia Museum of Art erklimmen muss. Und wie er schließlich die niederschmetternde Krebsdiagnose erhält. Zum ersten Mal zeigt uns Stallone einen gebrochenen Rocky, der zumindest für kurze Zeit seinen Kampfgeist verliert. Diese Weiterentwicklung seiner Figur ist absolut gelungen und Stallone überzeugt. Klar, er hat seine Nominierung verdient. Seine Konkurrenz ist unserer Meinung nach aber stärker. Jedoch verheißen die Vorboten etwas anderes: Man darf davon ausgehen, dass sich Stallone am 28. Februar seinen ersten Oscar abholen wird.

Mark Rylance

Der Vierte auf der Kandidatenliste ist im Vergleich zu seinen Kollegen eher selten auf der Leinwand zu sehen. Der 56-jährige Mark Rylance bevorzugt die Theaterbühne. Dementsprechend überraschend kam Rylances Nominierung für seine Rolle in dem Spionagedrama „Bridge of Spies – Der Unterhändler„. Er spielt den russischen Spion Rudolf Abel, der in den USA gefangen genommen und von James Donovan (Tom Hanks) anschließend verteidigt wird.

Ob nun im Theater oder im Film, Rylance ist ein hervorragender Schauspieler. Seine Darstellung des gefangenen Spions ist sehr leise und zurückhaltend, aber gerade deswegen wird er zum Sympathieträger des Films – trotz des immer wieder anklingenden typisch-amerikanischen Helden-Topos mit Schwarz-Weiß-Sicht auf den Kalten Krieg. Rylances Figur steht sinnbildlich dafür, dass diese monochrome Sichtweise nicht immer Sinn ergibt – und dass man selbst die Motive eines Gegners mit ein bisschen Nachdenken durchaus nachvollziehen kann.

Abel bleibt stets gefasst, sowohl im Gefängnis als auch angesichts eines ungewissen und möglicherweise bedrohlichen Schicksals. Für diese Haltung wird er selbst von Donovan bewundert; er schafft es, dessen persönliche Moralvorstellungen ins Gegenteil zu verkehren. Hat man „Bridge of Spies“ erst einmal gesehen, wundert man sich nicht mehr über Rylances Nominierung. Tatsächlich ist es vielmehr so, dass der Brite für seine Leistung einen Oscar sicherlich mehr verdient hätte als sein Kollege Tom Hanks.

Mark Ruffalo

Schon im Jahr zuvor war der Nebenrollen-Oscar für Mark Rufallo zum Greifen nah. Er war damals für seine Rolle in dem biographischen Drama „Foxcatcher“ nominiert, musste sich aber J.K. Simmons ( „Whiplash“) geschlagen geben. Auch heuer sieht es nicht besser für den 48-Jährigen aus – die Konkurrenz ist einfach zu stark. Freuen kann er sich aber trotzdem, denn die Nominierung für seine Rolle in dem Enthüllungsdrama „Spotlight“ beweist, dass Ruffalo sowohl in anspruchsvollen Filmen, als auch in Streifen, die auf pure Unterhaltung getrimmt sind, (wie etwa als „Hulk“ in „The Avengers“) eine hervorragende Leistung abliefert.

Ruffalo spielt in „Spotlight“ den Reporter Michael Rezendes, der dank seiner Hartnäckigkeit einen großen Anteil an der Aufdeckung des Missbrauchsskandals der katholischen Kirche von Boston hat. Das Spiel des 48-Jährigen wirkt sehr authentisch – man kauft ihm den verbissenen Reporter ab. Doch im Vergleich zu den anderen Nominierten verschwindet Ruffalo zu stark hinter der Geschichte. In „Spotlight“ stehen eben nicht die Charaktere im Vordergrund, sondern die Handlung. Das macht es für die Schauspieler schwer, sich hervorzuheben, könnte dem Streifen aber womöglich den Oscar in der Königsdisziplin „Bester Film“ verschaffen.

Mehr dazu in der letzten Folge unseres Oscar-Specials zum Thema „Bester Film“.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.