Oscar 2016: Die beste Hauptdarstellerin

Die Oscar-Verleihung rückt immer näher. In wenigen Wochen, am 28. Februar, wird im Kodak Theatre in Los Angeles die wichtigste Trophäe des Filmbusiness verliehen. Wir haben uns alle nominierten Filme angesehen. Hier stellen wir die Kandidaten in den Hauptkategorien vor und verraten, wer 2016 den Oscar gewinnt.

BRIE LARSON

Welche Frau wird in diesem Jahr auf dem Podium jubelnd ihren Oscar in die Luft recken? Wir sind uns zwar nicht ganz so sicher wie bei unserer Beurteilung der männlichen Hauptdarsteller, aber dennoch haben wir auch bei den Frauen eine Favoritin: Brie Larson. Sie ist die große Unbekannte der diesjährigen Oscars, hatte meist kleine Auftritte in wenig beachteten Fernsehserien. Doch mit ihrer Rolle in „Raum“ könnte sich das nun ändern. Die 26-Jährige mimt darin die junge Frau Joy, die vor sieben Jahren entführt worden ist und seitdem von ihrem Entführer in einer kleinen Hütte gefangen gehalten und zum Sex gezwungen wird. Infolgedessen hat Joy ihrem Peiniger auch einen Sohn geboren: den fünfjährigen Jack. Mit ihm gemeinsam lebt sie in dem beengten Raum und versucht sein Leben mit viel Optimismus und Fantasie zu gestalten. Als ihr Entführer sich gegenüber dem Kind immer bedrohlicher verhält, entwickelt Joy einen Fluchtplan.

Schauspielerin Brie Larson hatte gute Chancen auf einen Oscar.

Larson gelingt in diesem Film eine Gratwanderung: Einerseits tritt Joy als liebende Mutter auf, die ihrem Kind ein glückliches, sicheres Umfeld bieten will. Dann wiederum verwandelt sie sich in eine depressive junge Frau, deren hoffnungsfrohe Zukunft zerstört wurde und die tagein tagaus in einem dunklen Bunker sitzen muss. Nacht für Nacht macht sich ihr Peiniger über ihren Körper her und dennoch muss sie jeden Morgen fröhlich aufwachen und sich liebevoll um ihren Jungen kümmern – der möglichst nichts von ihrer Frustration bemerken soll. Larson übertreibt dabei nicht, sondern schafft es auf eine sehr zurückhaltende Weise, dem Zuschauer nahezubringen, was das bedeutet. Joy ist seit Jahren auf sich allein gestellt und macht die Dinge deshalb auch mit sich alleine aus – selbst, als sie ins Leben zurückkehrt.

Trotz aller Zurückhaltung hat Larsons Spiel eine naturgegebene körperliche Präsenz: Die Kraft und die Schwäche der Figur gehen bei ihrer Darstellung Hand in Hand. Schauspielerinnen, denen so etwas gelingt, stehen hoch im Kurs der Jury. Und den Golden Globe für die beste weibliche Hauptrolle in einem Drama hat Larson bereits in der Tasche. Jetzt fehlt nur noch der Oscar.

CATE BLANCHETT

Im Grunde gibt es nur eine Frau, die noch zwischen Larson und den Oscar kommen könnte. Ihr Name tauchte in den vergangenen Jahren sehr häufig auf der Liste der Nominierten auf – und dementsprechend hat sie auch schon drei Oscars eingeheimst (zweimal beste Hauptrolle, einmal beste Nebenrolle). Cate Blanchett zählt zu den führenden Charakterdarstellerinnen Hollywoods.

Auch ihre aktuelle Rolle in dem Drama „Carol“ hat Oscar-Qualitäten: Blanchett spielt die amerikanische Society-Lady Carol Aird, die sich in den 1950ern in eine Verkäuferin verliebt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist die Gesellschaft gegenüber Homosexualität noch völlig verschlossen. Als Carol ihre Liebe zur jüngeren Therese ausleben will, droht sie, aufgrund dieses moralischen Fehlverhaltens ihr Kind an ihren getrennt lebenden, aber dennoch sehr eifersüchtigen Ehemann zu verlieren.

Zwar hat die Oscar-Jury ein Faible für Figuren, die mit gesellschaftlichen Widrigkeiten konfrontiert wird. Und Blanchett liefert auch stets ein solides Spiel. Doch das Problem bleiben die Abgründe der Figur: Was spielt sich in ihrem Kopf ab? Wie und warum trifft sie bestimmte Entscheidungen? Wie tief ist ihre Zerrissenheit? All diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Jedes Mal, wenn wir in Carol hinein sehen wollen, prallen wir an Cate Blanchetts blank polierter Fassade ab. Ihre eleganten Kleider schmiegen sich in jeder noch so schrecklichen Lage stets elegant um den schmalen Körper, Make-Up und Haare bleiben selbst bei der größten Verzweiflung perfekt. Blanchett wagt sich aus der Schublade „aus dem Ei gepellte Society-Lady“ einfach nicht heraus. Während man bei Blanchetts letzter Oscar-prämierter Rolle in dem Film „Blue Jasmin“ – der übrigens auch vom Schicksal einer Society-Lady erzählt – jede Wandlung der Figur nachvollziehen konnte, bleibt man hier außen vor. Die Rolle an sich könnte ein Oscar-Garant sein. Cate Blanchetts Spiel jedoch ist es nicht.

JENNIFER LAWRENCE

Auch Jennifer Lawrences Name taucht mittlerweile gefühlt jedes Jahr auf der Liste der Oscar-Nominierten auf. Mit gerade mal 25 Jahren kann sie bereits einen Oscar und drei Golden Globes ihr Eigen nennen. Für ihre Rolle in „Joy“ erhielt sie den Golden Globe für die beste Hauptrolle in einer Komödie. Danach ließ die Oscar-Nominierung nicht mehr lange auf sich warten.

Doch die gewinnerprobte Jennifer Lawrence sollte schon einmal ihr bescheidenes Verlierer-Lächeln üben, denn ihre Chancen auf einen Gewinn sind heuer verschwindend gering. Zwar spielt sie die Selfmade-Millionären Joy Mangano voller Verve und Authenzität – doch die Rolle an sich hat nur geringes Oscar-Potenzial. Vielschichtigere, schwierigere Figuren waren es, die Lawrence zu ihren vorherigen Nominierungen und schließlich sogar zum Oscar-Triumph verhalfen.

Joy Mangano ist eine unterhaltsame Figur in einem Hollywood-Popcorn-Film. Der Film will unterhalten, aber nicht in die Tiefen und Abgründe seiner Figuren eintauchen. Das Thema ist zwar interessant, aber man darf davon ausgehen, dass es der Juy zu seicht sein wird. Für die junge Darstellerin dürfte das aber kein Rückschlag sein: Sie hat nach der erfolgreichen „Tribute von Panem“-Serie mit dem bald anlaufenden Blockbuster „X-Men Apocalypse“ schon den nächsten Kassenschlager in ihrem Portfolio.

SAOIRSE RONAN

Die irische Schauspielerin Saoirse („Sierscha“ ausgesprochen) Ronan befindet sich ebenfalls auf der Erfolgsspur. Bereits mit 13 Jahren ergatterte sie ihre erste Oscar-Nominierung für ihre Nebenrolle im Drama „Abbitte„. Nun folgt ihre erste Hauptrollen-Nominierung für ihren Auftritt in dem Auswanderer-Drama „Brooklyn„. Ronan liefert als junge Emigrantin Eilis Lacey zwar einen soliden Auftritt ab, doch angesichts der starken Konkurrenz stehen die Gewinn-Chancen der 21-Jährigen nicht besonders gut.

Man muss es Ronan lassen, sie hängt sich wirklich rein: Die Zerrissenheit zwischen den zwei Welten Amerika und Irland, zwischen Heim- und Fernweh, zwischen Angst und Hoffnung – all das spielt sich auf ihrem Gesicht ab. Nicht jedes Gefühl wird ausgelebt, nicht jeder Gedanke wird ausgesprochen, und doch wissen wir genau, was in Eilis Lacey gerade vorgeht. Jeder Schritt in der Entwicklung ihrer Figur vom schüchternen Mädchen zur selbstbewussten jungen Frau ist für den Zuschauer nachvollziehbar.

Warum es dennoch nicht reichen wird? Blickt man auf die vergangenen Entscheidungen der Oscar-Jury wird deutlich: Ronans Figur ist zu glatt, ist nicht schwierig genug. Oscars hingegen gibt es oftmals gerade für anstrengende Figuren, an denen man sich reiben kann. Ein bisschen mehr Kratzbürstigkeit hätte der süßen Eilis Lacey gut getan. Allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis der talentierten Saoirse Ronan eine noch interessantere Charakterrolle zufliegt.

CHARLOTTE RAMPLING

Die letzte der fünf Kandidatinnen ist gleichzeitig auch die Älteste: Charlotte Rampling hat Anfang Februar ihren 70. Geburtstag gefeiert. Obwohl ihre lange Karriere mit ernsthaften und interessanten Rollen gespickt ist, ist die Oscar-Nominierung dennoch ein Novum für die Britin. Sie gewann viele europäische Filmpreise, von Hollywood wurde ihr Schauspiel bis dato aber nicht wirklich gewürdigt.

Mit „45 Years“ hat Rampling nun der Sprung auf die Nominierten-Liste geschafft. Sie gilt zwar als Underdog bei der Verleihung am 28. Februar, jedoch ist ihre Nominierung absolut gerechtfertigt. Denn es ist eine starke Leistung, die die 70-Jährige in dem Ehedrama als Kate abliefert. „45 Years“ erzählt wie eine kleine Nachricht zu großen Verwerfungen in einer langjährigen stabilen Ehe führen kann. Das Interessante an diesem Film: Es fliegen keine Teller durch den Raum, es gibt kein Gezeter, keine Gewalt und keine Tränen. Die Veränderungen erfahren wir nur durch Rampling.

Charlotte Rampling ist ebenfalls unter den Nominierten.

Kate und ihr Mann Geoff erfahren, dass die Leiche der einstigen großen Liebe Geoffs gefunden wurde. Während ihr Mann – völlig aus der Bahn geworfen – sich in Tagträumereien darüber verliert, was hätte sein können, sehen wir zu, wie sich Kates Verhalten gegenüber ihres Mannes im Laufe der Zeit verändert. Mimik und Körperhaltung geben uns einen Einblick in den Kampf, der in ihrem Inneren wütet. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, zerfrisst ihre Seele, während ihr verletzter Stolz dagegen hält. Die stärkste Szene: Kate findet alte Aufnahmen ihrer Vorgängerin. Beim Abspielen scannt sie wie besessen deren Gesicht und Körper, sucht nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen kann. Ein Kampf gegen einen Geist.

Auch den Kampf um den Oscar wird Charlotte Ranpling vermutlich nicht gewinnen – dafür wurden Film und Darstellerin einfach zu wenig Beachtung zuteil. Das mag daran liegen, dass das britische Drama ganz in der Tradition des europäischen Films steht: Der Fokus liegt nicht auf der Handlung, sondern auf den Figuren. Sie werden bis in alle Ecken ausgeleuchtet, um ihr Handeln zu verstehen. Das Publikum in Hollywood mag davon gelangweilt sein. Wir jedoch ziehen unseren Hut vor Charlotte Ranplings Leistung.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch

Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.