Oscar 2016: Die beste Nebendarstellerin

Die Oscar-Verleihung rückt immer näher. In der Nacht auf kommenden Montag wird im Kodak Theatre in Los Angeles die wichtigste Trophäe des Filmbusiness verliehen. Wir haben uns alle nominierten Filme angesehen. Diesmal stellen wir die fünf sehr unterschiedlichen Kandidaten in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ vor und verraten, wer die besten Chancen auf einen Oscar hat.

Jennifer Jason Leigh

Es sind sehr unterschiedliche Figuren, in die die diesjährigen Nebendarstellerinnen schlüpfen. Die unweiblichste von ihnen ist aber ganz klar die Rolle von Jennifer Jason Leigh. Sie spielt in Quentin Tarantinos Film „The Hateful Eight“ die Gefangene Daisy Domergue – eine Frau, die abstoßender kaum sein könnte. Ihre Sätze triefen vor Boshaftigkeit, ihre Mimik ist verschlagen, das Gesicht blutverkrustet, Haar und Kleidung voller Dreck. Sie ist die personifizierte Niedertracht und wohl die wichtigste Säule des Films: Ohne Leighs starke Leistung würde der Western völlig seinen Drive verlieren. Dadurch wird die 54-Jährige zur heimlichen Hauptfigur von „The Hateful Eight“.

Erfreulicherweise hat das Oscar-Komitee dies erkannt und Leigh zum ersten Mal in ihrer Karriere für einen Oscar nominiert. Zuvor sahnte die 54-Jährige vor allem bei Independent-Filmfestivals Preise ab. Nun stehen ihre Chancen auf einen Triumph in der Oscar-Nacht nicht schlecht, was an zwei Faktoren auszumachen ist: Zum einen ist das die physische Veränderung. Die Schauspielerin ist als verlotterte, sich männlich gebärdende Domergue kaum widerzuerkennen. Zum anderen ist da der Oscar-Macher Tarantino. Der Regisseur hat mit seinen interessanten Figuren und knackigen Dialogen schon so manchem Darsteller zum Goldjungen verholfen (zuletzt gewann Christoph Waltz den Oscar für seine Nebenrolle in „Django Unchained„). Wir hoffen jedenfalls, dass Leighs erstes Tarantino-Engagement ihren Weg zum Academy Award geebnet hat.

Kate Winslet

Allerdings ist Leighs Konkurrenz extrem stark. Anders als bei den weiblichen Hauptdarstellerinnen ist der Ausgang der Oscar-Nacht für die Nebendarstellerinnen absolut unklar. Gute Chancen hat sicherlich auch Kate Winslet – immerhin erhielt sie für ihre Rolle in „Steve Jobs“ bereits den Golden Globe. Wer die Regeln der sogenannten „Award Season“ kennt, weiß, dass ein Globe-Gewinner oftmals auch einen Oscar absahnen darf. Winslet hat es am eigenen Leib erlebt, als sie nach ihrem Globe-Gewinn 2009 obendrauf noch den begehrten Goldjungen für „Der Vorleser“ erhielt.

Gewinnt sie einen Oscar? Kate Winslet ist für ihre Nebenrolle in Steve Jobs nominiert.

Den Oscar hätte die 40-Jährige auch diesmal verdient. Sie brilliert in der Rolle der Joanna Hoffmann, der langjährigen Assistentin des verstorbenen Apple-Masterminds Steve Jobs (Michael Fassbender). Winslets Figur ist die Sympathieträgerin des Films. Mit ihrem resoluten Auftreten schafftt sie es als einzige, dem eigenbrötlerischen Genie die Grenzen aufzuzeigen. Wunderbar passt die Britin ihre Rolle an die Fassbenders an und wird so mal zu seinem Sidekick, dann wieder zu seinem Antagonisten. Ihre größte Leistung? Ohne Winslets Wärme wäre der Film voller Kälte – und Jobs‘ moralische Wandlung unglaubwürdig.

Rooney Mara

Schon einmal war der Oscar für die 30-jährige US-Amerikanerin zum Greifen nah: 2012 war sie als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in dem Thriller „Verblendung“ nominiert, musste sich aber Meryl Streep („Die eiserne Lady„) geschlagen geben. Mit dem Drama „Carol“ hat es Mara nun erneut auf die Liste der Nominierten geschafft.

Nun spielt Mara neben der Oscar-erfahrenen Cate Blanchett. Und während sich Blanchett nicht immer leicht mit ihrer Rolle tut, findet Mara mühelos in ihre Figur hinein: Sie spielt die junge, naive Therese Belivet, die sich in die erfahrene Uper-Class-Lady Carol Aird (Cate Blanchett) verliebt. Anfangs noch sehr schüchtern, lässt Mara ihre Figur mit der Zeit immer selbstbewusster auftreten – bis sich schließlich sogar das Kräfteverhältnis wandelt: Therese wird zur starken Figur, der Carol restlos verfallen ist. Und während man bei Carol diesen Wandel nicht nachvollziehen kann, gewährt uns Mara trotz weniger Worte und zurückhaltendem Mienenspiel tiefen Einblick in die Gedankenwelt ihrer Figur.

Es ist keine schlechte Leistung, die Charakterdarstellerin Blanchett schauspielerisch so abzuhängen. Dennoch ist es eher unwahrscheinlich, dass es für Rooney Mara einen Oscar geben wird. Der Grund? Ihr Konkurrenz ist schlichtweg zu stark.

Alicia Vikander

Denn nicht nur Tarantino-Star Jennifer Jason Leigh und die stets brilliante Kate Winslet schmälern Maras Chancen – auch eine weitere Nominierte könnte ihr den Oscar vor der Nase wegschnappen: Die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander noch relativ unbekannt, doch ihr aktueller Film „The Danish Girl“ dürfte das ändern. In dem Drama schlüpft sie in die Rolle der dänischen Malerin Gerda Wegener, deren Mann Einar Wegener (Eddie Redmayne) plötzlich seine transsexuelle Seite entdeckt und sich mehr und mehr in eine Frau verwandelt.

Der Zuschauer erlebt die geschlechtliche Verwandlung durch Gerda Wegeners Augen. Und die authentische Vikander lässt uns die Entwicklung ihrer Figur fast durchgehend nachvollziehen: Anfangs geht sie noch spielerisch mit den Vorlieben ihres Mannes für Kleider, Strümpfe und hochhackige Schuhe um, zieht ihm sogar den Lidstrich und den Lippenstift nach. Als jedoch ein anderer Mann sich für „Lili Elbe“, das weibliche Alter Ego ihres Gatten, interessiert, ist für sie die rote Linie überschritten.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät. Einars Verwandlung ist unumkehrbar: Er wagt sich ohne Frauenkleider nicht mehr aus dem Haus, und an Leidenschaft zwischen den Laken ist nicht mehr zu denken. Erst versucht die Malerin noch, dagegen anzukämpfen und ihren Mann zu „heilen“, doch irgendwann siegt die Akzeptanz. Gerda Wegener versucht, ihre Sorgen hintanzustellen und ihren früheren Ehemann bei seiner Geschlechtsumwandlung zu unterstützen.

Die 27-Jährige demonstriert, dass sich Schwäche und Stärke nicht ausschließen müssen, und schafft so eine der wunderbarsten Figuren der Filmgeschichte. Sollte Jennifer Jason Leigh aller Erwartung nach doch keinen Oscar erhalten, ist zu hoffen, dass Vikander am 28. Februar mit einem Oscar in der Hand triumphieren darf.

Rachel McAdams

Die letzte im Bunde ist Rachel McAdams – und die 37-Jährige kommt nicht ohne Grund an letzter Stelle: Ihre Chancen auf einen Oscar sind am geringsten. Die 37-Jährige ist für ihre Rolle in dem grandiosen Drama „Spotlight“ nominiert. Und genau wie ihr Filmkollege Mark Ruffalo hat McAdams ein Problem: Der Film und dessen Handlung sind so stark, so dominant, dass sämtliche Schauspieler darin in den Hintergrund gedrängt werden.

Dennoch sollte das kein Grund zur Traurigkeit sein: Schließlich beweist McAdams, dass man sie nicht nur für Teeniekomödien („Girls Club“) und Hollywood-Schlager („Sherlock Holmes“) engagieren kann, sondern auch als ernsthafte Schauspielerin wahrnehmen muss. Wenn sie auf diesem Pfad bleibt, könnte ihr wohl bald die nächste Nominierung ins Haus flattern.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.