Nach oben

Ein seltsames bernsteinfarbenes Eisengebilde schimmert in der Dunkelheit. Unwirklich und doch irgendwie fremdartig vertraut. Die vier Enden dieses mächtigen, streng symmetrischen Kolosses münden in einem kreisrunden Horizont, an dessen Rand winzig, fast marginal die Umrisse von Häusern, Bäumen und Laternen zu erkennen sind. Alles neigt sich streng dem Kern des Kreises zu. Eine Stadt steht Kopf – wie man das Bild auch dreht und wendet. 360 Grad voller irrlichternder Eindrücke. In den Ecken des quadratischen Fotos herrscht tiefe Nacht.

Dank des markant-filigranen Gerippes dürfte dem Betrachter bald ein Licht aufgehen. Hier strahlt der Pariser Eiffelturm, fotografiert auf ungewöhnliche Art: Die Kamera liegt exakt in der Mitte unter dem Wahrzeichen und ist senkrecht nach oben gerichtet. Der Fotograf hat ein extremes Weitwinkelobjektiv – Fischauge genannt – aufgesetzt und den Selbstauslöser aktiviert. Dank dieser Optik wird die Welt zur Kugel. Acht Millimeter Brennweite öffnen eine neue visuelle Dimension.

Der Ingolstädter Fotograf und Journalist Johannes Hauser hat mit diesem Konzept innerhalb eines Jahres auf drei Kontinenten berühmte Bauwerke, mondäne Stadtsilhouetten und verborgene Naturschönheiten fotografiert. Die besten Aufnahmen präsentiert er bald in einer Ausstellung in Eichstätt und anschließend in Ingolstadt. Titel: „Nach oben“.

Johannes Hauser: In der Kathedrale Notre-Dame von Reims wurden einst die französischen Könige gekrönt. Sie gilt als eine der bedeutendsten gotischen Kirchen der Welt. Seit 1991 gehört sie zum UNESCO-Welterbe und ist als Monument Historique klassifiziert. Für mein Foto durfte ich die Kamera kurz auf dem Altar ablegen. An der Fassade der Kirche wird derzeit gearbeitet, weswegen die große Rosette abgedeckt ist. Durch eine Öffnung in der Verkleidung ist sie allerdings am unteren Bildrand zu erkennen. Es könnte natürlich auch der obere oder linke Bildrand sein, schließlich gibt es bei den Bildern kein unten und oben. Man kann sie betrachten wie man will, sie sind immer „richtig“ herum.

Der Berliner Reichstag ist seit 1999 der Sitz des Deutschen Bundestages. Markantes Wahrzeichen des Gebäudes ist seit dem modernen Umbau Ende des 20. Jahrhunderts die gläserne Kuppel, die Tageslicht in den Plenarsaal lässt. Im Oktober 2015 erhielt ich vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages als erster Fotograf eine Sondergenehmigung, um im Plenarsaal für meine Serie „nach oben“ zu fotografieren. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat als einzige Bedingung gestellt, dass niemand auf dem Tisch des Präsidiums herumklettert.

Das hab ich auch nicht gemacht. Tatsächlich musste ich für das Bild eher unter dem Tisch von Claudia Roth herumkrabbeln. Der Bundestagsabgeordnete Reinhard Brandl, der mich bei meinen Bemühungen um die Erlaubnis für das Foto sehr unterstützt hat, hat die Szene mit seinem Handy festgehalten. Ob er die Bilder auch Claudia Roth gezeigt hat, weiß ich nicht. Beim zweiten Termin ging dann alles glatt.

Insgesamt waren für das Foto zwei Termine nötig. Beim ersten waren unerwarteter Weise die Fensterputzer im Plenarsaal unterwegs. Die Kanzel, mit der sie in die Kuppel hinauffahren, stand mitten im Plenarsaal, einige Stühle – ich glaube, es war die Grünen-Fraktion – war ausgebaut und viele Sitze mit einer Plastikfolie abgedeckt.

Der Eiffelturm ist mit 324 Metern das höchste Bauwerk von Paris. Die Eisenfachwerk-Konstruktion wurde 1887 bis 1889 zur Erinnerung an den 100. Jahrestag der Französischen Revolution errichtet. Der Eiffelturm ist eines der berühmtesten Städtewahrzeichen der Welt, jedes Jahr besuchen ihn rund sieben Millionen Menschen.

 

Unter dem Turm gibt es am Boden dankenswerterweise eine Markierung,  die exakt die Mitte anzeigt. So war es leicht, die richtige Position für die Kamera zu finden. Drei Wochen nach der Aufnahme trug der Eiffelturm nach den Anschlägen von Paris Trauer.

Das Bay Aquarium in Monterey, Kalifornien ist in einer ehemaligen Sardinendosen-Fabrik untergebracht. Es liegt direkt am Strand und wird mit Wasser aus dem Pazifik gespeist. In einem Wassertank über den Köpfen der Besucher dreht ein Schwarm Pazifischer Sardinen seine Runden.

Mehr Bilder von Johannes Hauser gibt es hier:
www.flickr.com/johannes-hauser

Tom Webel
Veröffentlicht von Tom Webel

Leiter Digital-Redaktion DONAUKURIER