Ein Leben für den Glauben

Paul Faulhaber hat weder Fernseher noch Internet im Zimmer, er wird nicht heiraten und niemals eigene Kinder in den Armen halten. Der 22-Jährige hat sich für seine Berufung entschieden – als Frater Ignatius ist er der jüngste Mönch im Kloster Plankstetten.

Von Isabel Ammer

Seine Eltern rufen ihn manchmal noch Paul. Dann, wenn er sie in Leipzig besucht. Hin und wieder rutscht der Name, den sie ihm bei seiner Geburt gegeben haben, noch so durch, aus alter Gewohnheit. Auch seine Freunde aus Schulzeiten haben sich noch nicht alle an seinen neuen Namen gewöhnt. Doch wenn Paul Faulhaber zurückkommt ins Kloster Plankstetten, dann ist der 22-Jährige ganz Frater Ignatius.

Als ich gesagt habe, ich will ins Kloster gehen, waren alle erst einmal erschrocken. Frater Ignatius

Seine Familie hat einen besonderen Stellenwert im Leben des jungen Mönchs. „Sie hat mich sehr begleitet auf meinem Weg und mich auch zu diesem Leben hingeführt, obwohl sie sich dessen sicher nicht bewusst war. Als ich gesagt habe, ich will ins Kloster gehen, waren alle erst einmal erschrocken.“ Den Gedanken, Priester zu werden, trägt Paul Faulhaber seit der zehnten Klasse in seinem Herzen. Nach dem Abitur geht er für ein freiwilliges soziales Jahr nach Plankstetten ins Jugendhaus Schneemühle. „Ich wollte mir das alles in Ruhe überlegen“, erzählt er. Über seine Arbeit im Jugendhaus lernt der junge Mann auch die Gemeinschaft der Plankstettener Benediktinermönche kennen. Er wird oft zum Abendessen eingeladen, nimmt an den Stundengebeten teil. „Darüber habe ich entdeckt, dass Mönch zu werden, auch etwas für mich sein könnte.“

Den endgültigen Auslöser gibt aber der Vortrag eines anderen Mönchs aus dem Kloster in Niederalteich mit dem Titel: „Entdecke den Mönch in dir.“ Paul Faulhaber ist interessiert, auch wenn er eigentlich nicht mit dem Gedanken hingeht, anschließend tatsächlich Mönch werden zu wollen, wie er schmunzelnd erzählt. Doch zurückblickend kann er sagen: „Der Gedanke, dass Mönchsein heißt, ein Leben lang Gott zu suchen, war schon ein Gedanke, der mich dann ins Kloster geführt hat.“

Auf den Entschluss, Mönch zu werden, folgt eine Phase, „in der man sich beschnuppert“. Der junge Mann ist Gast im Kloster, es folgt ein halbes Jahr Postulat, in dem er aktiv in den Alltag der Plankstettener Mönche eingebunden ist. „Dann geht es seinen Gang mit Einkleidung und Ordensnamen.“ Aus Paul Faulhaber wird Frater Ignatius. Da ist er gerade einmal 19 Jahre alt.

„Den Namen kann man heute ganz gut mit dem Abt verhandeln, früher war es ein Überraschungspaket, man hat ihn vorher nicht gewusst“, verrät der junge Mönch. In seinem Fall entscheidet sich Abt Beda für seinen Wunschnamen: Frater Ignatius Maria. Drei Vorschläge muss der Jüngere für seine Namensgebung jeweils einreichen. Ein Auswahlkriterium ist, dass es keine zwei Mönche mit gleichlautendem Namen im Konvent gibt.

Ignatius von Loyola, den sich Paul Faulhaber zum Namenspatron wählt, war der Begründer des Jesuitenordens, dessen Leitspruch ist: „Alles zur größeren Ehre Gottes“. Für Frater Ignatius passt sein Namensgeber gut mit dem Heiligen Benedikt, dessen Orden er ja angehört, zusammen. „Ignatius ist eher aktiv und bedeutet der Feurige, aber das ist auch nicht ganz unpassend für mich, ich kann auch manchmal feurig werden.“ Er lacht.

Ich merke es in Salzburg, da sitzt der Dämon jetzt permanent auf meinem Schreibtisch. Frater Ignatius

In den eineinhalb Jahren seines Noviziats hat Frater Ignatius kein Handy besessen – als er danach zum Theologiestudium nach Salzburg geht, „da hat sich die große digitale Welt für mich eröffnet“. Soziale Netzwerke, Internet auf dem Zimmer, Nachrichten übers Handy. „Aber es ist schon auch gut, wenn das eingeschränkt ist. Ich merke es in Salzburg, da sitzt der Dämon jetzt permanent auf meinem Schreibtisch“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Auch für den jungen Mönch stellt die Disziplin eine Herausforderung dar: Er will nicht zu viel Zeit ins Internet stecken.

Im Kloster in Plankstetten gibt es schon auch Internet und einen Fernseher, aber eben nicht in den einzelnen Zellen der Mönche. „Im Fernsehzimmer schauen viele nur Nachrichten, aber beim Finale der Fußball-WM ist sogar der Abt gekommen, da waren wir eine größere Fangemeinde“, erinnert sich Frater Ignatius. Er selbst verfolgt auch gerne mal am Sonntagabend eine „Tatort“-Ermittlung.

Schwieriger als der Verzicht auf das digitale Leben war für ihn während seines Noviziats, dass er eineinhalb Jahre lang keinen Urlaub hatte. Eine Zeit, in der er seine Familie nur sieht, wenn sie ihn im Kloster besuchen kommt. „Gerade, was das für meine Mutter bedeutet, ich glaube, das unterschätze ich immer noch.“ Nur wenn er die Mütter seiner Studienkollegen, die ebenfalls Benediktinermönche sind, trifft, meint er manchmal erahnen zu können, was es möglicherweise für sie bedeutet. „Es ist sehr emotional. Ich war vor Kurzem bei einer Diakonweihe und die Mutter hat alles rausgeheult, was sie in sich hatte. Da merkt man, wie viel Herzblut da drin steckt.“

Bei einer Hochzeit wäre das wohl genauso, vermutet Frater Ignatius. Dass es diesen Bund mit einer Frau für ihn nie geben wird, darüber denkt er auch so manches Mal nach. „Man stößt immer wieder an den Punkt und fragt sich: Kann es das jetzt sein? Ist das so richtig? Muss das so sein?“ Auch wenn er junge Eltern mit ihren Kindern sieht, werde ihm manchmal bewusst, dass es diese Vaterfreude für ihn nie geben wird. „Aber ich setze da Hoffnung in meinen kleinen Bruder“, verrät Frater Ignatius. Er hofft darauf, Onkel zu werden. Außerdem kommt für ihn das geistliche Vatertum dazu. „Das ist ein Job, auf den ich mich auch sehr freue, wenn ich Kinder taufen darf.“

Zum Zölibat hat der junge Mann eine feste Meinung: Er ist ganz entschieden dafür, gerade bei Mönchen. „Bei einer Heirat entsteht zwischen Mann und Frau eine so enge Beziehung, dass gar nichts mehr dazwischen passt. Das sollte auch das Ziel für eine Gottesbeziehung sein. Wenn ich aber eine Frau habe, ist mir der Ansporn dazu genommen“, erklärt er seine Überzeugung. Doch ihm ist für sich selbst auch klar, dass es ihm auf Dauer nur gelingen kann, diese Regel einzuhalten, wenn „ich für mich eine gute Beziehung zu Christus aufbaue und fest im Glauben verbunden bin“. Dieser Gedanke habe ihn auch unter anderem ins Kloster gezogen. „Es ist ein Schutzraum, man ist nicht auf sich alleine gestellt – und durch die Gemeinschaft herrscht auch ein positiver Gruppenzwang.“ Ein einzelner Pfarrer habe es da viel schwerer.

Nur der Sonntag ist Ausschlaftag, da ist die Vigil um 5.45 Uhr. Frater Ignatius

Dabei geht es ihm nicht nur um Enthaltsamkeit, sondern auch ums frühe Aufstehen beispielsweise. Der Tag der Mönche im Kloster Plankstetten beginnt mit der Vigil, dem ersten Stundengebet des Tages um fünf Uhr morgens. Der Wecker von Frater Ignatius klingelt um 4.30 Uhr. Alleine würde er es wohl nicht schaffen, täglich so früh aufzustehen, vermutet er. „Nur der Sonntag ist Ausschlaftag, da ist die Vigil um 5.45 Uhr.“ Der 22-Jährige muss selber schmunzeln, wenn er die immer noch sehr frühe Uhrzeit nennt, bekräftigt aber: „Der Wecker klingelt da zwar nur eine halbe Stunde später, aber es ist psychologisch sehr entscheidend, ob eine vier oder eine fünf auf dem Ziffernblatt steht. Das fühlt sich gleich ganz anders an.“

Zwischen den fünf Gebetszeiten gibt es für die Plankstettener Mönche – getreu dem Motto der Benediktiner, „ora et labora“, bete und arbeite – viel Arbeit. Frater Ignatius hat noch keinen eigenen Bereich, für den er zuständig ist. Solange er nicht durchgehend im Kloster lebt, sondern während des Semesters viel Zeit in Salzburg verbringt, hilft er da mit, wo gerade Not am Mann ist. „Da bringt es auch nichts, wenn man auf die Zelle geht und die Türe zusperrt, weil dann dauert es nicht lange und es klingelt das Telefon“, erzählt er. Schließlich sei er der Einzige ohne feste Aufgabe und damit der, von dem alle denken: Der muss ja Zeit haben. Und Frater Ignatius hilft gerne, auch wenn er im Kloster – entgegen aller Erwartungen – kaum Zeit für seine Seminararbeiten und Prüfungsvorbereitungen fürs Studium findet. Immer gibt es etwas zu tun.

Besonderen Spaß macht Frater Ignatius die Landwirtschaft. Auch als Kind hat er mit seinem jüngeren Bruder schon von einem Bauernhof in Bayern geträumt. Im Kloster Plankstetten hat er etwas Ähnliches gefunden. Jetzt fehlt nur noch sein Bruder – der plant momentan, Landarzt zu werden. „Ich durfte auf dem Bulldog einen Acker eggen, das ist als Stadtkind schon beeindruckend“, schwärmt Frater Ignatius vom weiten Aufgabenspektrum in den Klosterbetrieben rund um Plankstetten. Auch in der Gärtnerei gefällt es ihm sehr gut.

Doch neben der körperlichen Arbeit wünscht sich Frater Ignatius auch die seelsorgerische Tätigkeit in seinem Leben. Theologie studiert er, um in gut vier Jahren zum Priester geweiht zu werden. Auch die anderen Benediktiner in Plankstetten freuen sich schon auf einen weiteren Priestermönch in ihrer Mitte. Eine eigene Pfarrei reizt Frater Ignatius allerdings nicht besonders, „bei der heutigen Größe der Pfarreiengebiete ist das nicht vereinbar mit dem klösterlichen Tagesrhythmus und auch für praktische Tätigkeiten bleibt da keine Zeit“, erklärt er. Besser könnte sich der 22-Jährige seinen Aufgabenbereich im Gästehaus des Klosters vorstellen. „Da könnte ich mich seelsorgerisch richtig austoben, aber auch praktisch im Klausurgarten oder in der Landwirtschaft etwas tun“, sinniert er. Bis es so weit ist, dauert allerdings noch. Frater Ignatius hat gerade erst mit dem zweiten Semester seines Theologiestudiums in Salzburg begonnen.

Der nächstjüngere Mönch ist so alt, wie mein Vater. Frater Ignatius

Im Kloster Plankstetten ist er mit Abstand der Jüngste. „Der nächstjüngere Mönch ist so alt, wie mein Vater. Aber wenn ich hier bin, merke ich nicht, dass mir etwas fehlen würde. Ich verliere das aus den Augen.“ Erst wenn er nach Salzburg kommt und die fünf anderen jungen Benediktiner trifft, die mit ihm studieren, „da merke ich, dass es schon etwas anderes ist, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, da spüre ich, was mir fehlt“.

Am liebsten wäre es Frater Ignatius gewesen, wenn gleich nach ihm wieder ein junger Mann das Noviziat im Kloster Plankstetten begonnen hätte. Noch ist es allerdings verwaist. „Aber die kommen schon noch“, zeigt er sich zuversichtlich. Es gebe immer wieder Neue im Kloster – allerdings würden viele auch wieder gehen. „Das Noviziat ist ja eine Erprobungszeit und nach der zeitlichen Profess hat man ausdrücklich die Möglichkeit, zu sagen: Das geht nicht. Das ist besser, als verbitterte Leute dazuhaben.“

Doch nicht nur die jungen Mönche in den Klöstern werden weniger, auch die Zahl der Gläubigen in Deutschland sinkt. Die Kirchenaustritte nehmen immer mehr zu. „Es gibt große Probleme. Viele Kinder werden nicht mehr im Glauben erzogen“, weiß Frater Ignatius. Die Kirchenaustritte selbst sieht er als äußere Schritte von langen inneren Prozessen bei den Menschen. Schließlich seien viele von denen, die aus der Kirche austreten, schon weit von Glauben und Kirche entfernt. „Es nützt nichts, wenn sie auf dem Papier in der Kirche sind – das Entscheidende ist, ob sie auch wirklich in die Kirche gehen, weil es ihrem Glauben Energie gibt. Alle anderen können von mir aus gerne austreten. So wissen wir wenigstens, woran wir sind.“ Das Entfachen eines neuen missionarischen Eifers sieht Frater Ignatius, wie auch Papst Franziskus, als große Herausforderung der heutigen Zeit.

Es soll dieser Ort sein. Gott hat mich hingeführt, wo er mich haben will. Frater Ignatius

Der junge Mönch selbst will in Zukunft zu einem Umfeld beitragen, in dem Kinder wieder im Glauben erzogen werden. Dass seine neue Heimat Bayern werden würde, war ihm schon als Kind klar. Den Bauernhof hätten sich er und sein Bruder auch stets in Bayern erträumt. Woher die Liebe zu dem Bundesland stammt, ist nicht ganz klar: „Meine Großmutter kommt aus der Oberpfalz, vielleicht sind da die Bayerngene übergesprungen“, vermutet Frater Ignatius mit einem Augenzwinkern.

Es ist also kein Zufall, dass er sich für ein freiwilliges soziales Jahr im Süden des Landes entschieden hat. „Ich habe gedacht, ein Kloster wäre ein guter Ort, um zur Ruhe zu kommen. Einzige Bedingung war, es darf keine Schule betreiben.“ Von der Schule wollte der Abiturient nämlich erst einmal nichts mehr hören und sehen. Der Abt von Plankstetten meldete sich sehr nett auf seine Anfrage hin, und so ging der junge Mann für sein soziales Jahr in den Landkreis Neumarkt.
Und dort will er auch bleiben, nicht nur weil es bei den Benediktinern die „stabilitas loci“, die Ortsgebundenheit an ein Kloster, gibt. „Wenn ich aus Salzburg zurück bin, komme ich sehr gerne hierher“, sagt Frater Ignatius und fügt hinzu: „Es soll dieser Ort sein. Gott hat mich hingeführt, wo er mich haben will.“

Isabel Ammer
Veröffentlicht von Isabel Ammer