Kommissar Pascha – ein türkisch-bayerischer Stenz

Kurz vor der Praterinsel spült die Isar eine männliche Leiche an den Kiesstrand, der das arabische Wort für „Teufel“ mit Reißnägeln in die Brust gestanzt ist. Ein Fall für den türkisch-bayerischen Kommissar Zeki Demirbilek, genannt auch Kommissar Pascha und seines Zeichens Leiter der „Migra“-Abteilung. Weil, so sein Kollege von der Münchner Kripo: „Ihr seid’s doch die Spezialisten für alles Tote, was nicht hiesig ist.“

Tim Seyfi
Cornelia Hammer Prädestiniert für die Rolle des Kommissar Pascha: Tim Seyfi.

Das ist der Auftakt einer neuen, gemeinsamen Produktion von ARD und Bayerischem Rundfunk, die zunächst auf zwei Filme angelegt ist – und die bei guter Quote in loser Reihenfolge fortgesetzt werden soll (fünf Bücher gibt es bisher). Es ist die Verfilmung von Su Turhans gleichnamigem Romandebüt, die mit dem in der Türkei geborenen und seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebenden Tim Seyfi genial besetzt ist.

„Ich hab‘ seine Bücher gelesen schon lange, bevor sie verfilmt werden sollten“, sagt der 45-Jährige, „und habe mich sehr in der Rolle wieder erkannt“. Wie Seyfi ist auch der Filmkommissar „ein türkischer Münchner und ein Münchner Türke, ein Fenerbahçe-Istanbul- und FC-Bayern-Fan und ein eleganter Typ“. Seyfi gerät regelrecht ins Schwärmen: „Die Begeisterungsfähigkeit eines Südländers und dessen Temperament, gleichzeitig die bayerische Gelassenheit und die deutsche Gründlichkeit – das bin ich auch. Je nach Situation bin ich bayerisch oder türkisch – das entscheidet sich in Sekundenbruchteilen.“

Ein Stenz wie der „Monaco Franze“

Seyfi, aufgewachsen mit sieben Geschwistern in einer Hochhaussiedlung in München-Aubing, ist ein Bewunderer von Helmut Dietl und Helmut Fischer, bezeichnet den „Monaco Franze“ als Helden seiner Kindheit. Die beiden Helmuts hätten die Münchner Lebensart sehr gut widergespiegelt, sagt er, „und unser Pascha macht das auch“. Außerdem sei der von ihm gespielte Kommissar auch ein Stenz wie der Monaco, fügt er mit einem breiten Grinsen hinzu.

Nach sieben Minuten rutscht dem genervten Kommissar zum zweiten Mal ein „Kruzefix“ raus. Zu Beginn läuft gleich mal alles schief. Er tritt in einen Hundehaufen, lässt seine neue Kollegin Jale (Almila Bagriacik) irrtümerlicherweise festnehmen und kommt zu spät zur eigenen Scheidung. Immer, wenn sein Handy klingelt, ist er genervt – vor allem, wenn er am dienstfreien Sonntag im Biergarten sitzt, eine Sportzeitung liest und gerade einen frischen Schweinebraten serviert bekommt und ihn genau dann seine urbayerische Assistentin mit dem rustikalen Namen Vierkant (Theresa Hanich) anruft. Die von ihm geleitete „Migrantenbrigade“ wird später ausgerechnet durch den verhassten Kollegen Leipold (Michael A. Grimm) komplettiert, der nach einem Puffbesuch mit Folgen strafversetzt wird.

Obstler und Raki nacheinander runtergekippt

Genau genommen ist „Kommissar Pascha“ ein weiterer Lokalkrimi, der in München und in Istanbul spielt. Um den eigentlichen Mordfall herum erzählt Regisseur und Drehbuchautor Sascha Bigler (der Sohn der Schauspielerin Christiane Hörbiger) die Geschichte des türkisch-bayerischen Kommissars Demirbilek, der – O-Ton Tim Seyfi – „die ganze Arbeit den Kollegen machen lässt, aber sich die Rosinen selber packt“.

Der charmant ist und aufbrausend, als Absacker Obstler und Raki hintereinander runterkippt, ein Gebet spricht, wann immer er eine Leiche vor sich hat, in die Moschee geht, türkischen Mokka und eine bayerische Mass Bier gleichermaßen zu schätzen weiß und überhitzte Gemüter zum Teambuilding in den Biergarten schickt.

Seyfi wollte „diese traumhafte Rolle“ unbedingt. Er fragte Romanautor Su Turhan, ob dieser beim Schreiben der Bücher ein Foto von ihm auf dem Schreibtisch stehen hatte, „weil es so viele Parallelen zwischen der Romanfigur und mir gibt“. „Demütig und dankbar“ sei er, den Kommissar Pascha spielen zu dürfen. Oder, um es mit den Worten seiner Schwester zu sagen: „Das war mal leicht verdientes Geld. Du hast Dich ja nur selber gespielt.“

Die Pascha-Filme sind kein Kandidat für den Grimme-Preis, bieten aber reichlich Lokalkolorit und Laissez-faire. Die Spannung hält sich bei den beiden bisher abgedrehten Krimis in Grenzen, der Humor dagegen wird großgeschrieben. Vor allem auch im zweiten Fall, wenn die Hauptfigur – sämtlichen Genüssen zugeneigt – beim Ramadan sichtlich leidet und von Gelüsten aller Art nur so umzingelt wird. Dieser türkisch-bayerische Stenz sollte in Serie gehen!

Tim Seyfi, geboren 1971 in der türkischen Provinz Sivas, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten in rund 100 Produktionen mitgewirkt, darunter in sieben „Tatort“-Filmen und den Kinoerfolgen „Wer früher stirbt ist länger tot“ und „Gegen die Wand“. Der 45-Jährige ist ein Sprachtalent: Er hat Rollen in zehn verschiedenen Sprachen gespielt, fünf davon spricht er fließend (Türkisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch). Zusammen mit seiner Frau und seinen elf und neun Jahre alten Kindern lebt er in München.

„Aah, aus Ingolstadt kommen Sie – die Schanzer!“ So hat mich Tim Seyfi beim Interview begrüßt. Der Schauspieler ist Mitglied beim FC Bayern und kennt natürlich auch den FC Ingolstadt. Darüber hinaus ist er glühender Patriot. Er drückt stets den bayerischen Mannschaften die Daumen, egal um welche Sportart es geht. Wenn er eine emotionale Szene spielen muss, greift er auf sein ganz persönliches „Method Acting“ zurück. Er erinnert sich an das Champions-League-Finale 2013 zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Seyfi war damals live dabei in London und blieb nach dem 2:1-Sieg der Münchner noch lange im Wembley-Stadion sitzen, verließ es als einer der Letzten. Das Glücksgefühl, das er damals verspürte, treibt ihm noch heute die Tränen in die Augen. „Der Fernsehzuschauer weiß ja nicht, dass ich in einer hochemotionalen Szene an Fußball denke“, sagt er und lacht dabei. 

Uwe Ziegler
Veröffentlicht von Uwe Ziegler

Seit 2001 in der Digital-Redaktion des DK mit einem Faible für Film, Musik, Fußball, Literatur, Digitales und allem, was Bayern ausmacht. Mag besonders gern Interviews mit Menschen jeglicher Coleur.