Immer mehr Menschen leiden unter Schlafstörungen

Schichtdienst, Stress oder Lärm: Etwa jeder Dritte in Deutschland leidet unter einer Schlafstörung. Ein Viertel der Erwachsenen kommt nicht auf die empfohlenen sechs Stunden Schlaf pro Tag – das verdeutlicht die Studie „Schlaf gut, Deutschland“ der Techniker Krankenkasse (TK). Dabei ist Schlaf für die Gesundheit wichtig. „Im Schlaf sortiert das Gehirn seinen Zwischenspeicher. Dafür muss das System herunterfahren, das ist im laufenden mentalen Betrieb nicht möglich“, so Jans Baas, Vorstandvorsitzender der TK.

Schlafstörungen steigen deutlich an

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Unter welcher Schlafstörung leiden Sie?
Ich wache in der Nacht auf - das heißt, ich habe eine Durchschlafstörung. Ich wurde regelmäßig um eins wach und konnte dann nicht mehr einschlafen. Das zog sich über Monate durch. Man hält immer durch und sagt sich: 'Du kannst nicht fehlen, das wird schon irgendwie wieder.' Irgendwann merkte ich, dass es nichts mehr wird.

Wann haben Sie den Punkt erreicht, an dem Sie dachten, dass Sie etwas aktiv gegen Ihre Schlafstörung unternehmen müssen?
Viel zu spät. Wenn ich so zurückdenke, begannen die Schlafstörungen bei mir Anfang 2015. Zirka Mitte 2016 dachte ich mir, dass irgendetwas nicht stimmt. Man schläft mal schlecht, aber dann fiel mir auf, dass ich höchstens einmal im Monat durchschlafe.

Haben Sie den Schlaf nicht als wichtig erachtet?
Ja, bestimmt hab ich das ignoriert. Ich dachte mir immer, dass es irgendwann wieder besser wird - aber es ist einfach immer schlimmer geworden. Man achtet nicht wirklich auf sich. Und man denkt immer: Es geht noch und das wird schon wieder, aber man rutscht dann einfach in die Situation rein. Man sollte da rechtzeitig Hilfe suchen.
Es fühlt sich alles wieder viel lebenswerter an, wenn man ein paar Nächte gut schläft. Ich war total glücklich, als ich durchschlafen konnte. Aber bei mir ist das immer noch nicht in Ordnung.

Sie wachen immer noch nachts um eins auf?
Nein, im Augenblick ist es bei mir drei Uhr - komischerweise. Es hat bis Anfang des Jahres gut geklappt. Dann kam der Stress zurück und das Wetter vielleicht. Jetzt ist es wieder extrem: Ich gehe um halb elf ins Bett, lese noch ein bisschen, schlafe ab elf und wache um drei auf. Da kann man fast die Uhr danach stellen. Und dann kann ich nicht mehr einschlafen. Es ist ein Teufelskreis. Man muss rechtzeitig schauen, dass man sich irgendwie fängt. Es gibt leider kein allgemeingültiges Rezept und man darf nicht den Mut und die Hoffnung verlieren.

Wie hat sich die Schlafstörung auf Ihren Alltag ausgewirkt?
Man kann sich absolut nicht mehr konzentrieren. Man ist einfach fertig. Das Leben besteht nur noch aus funktionieren. Aufstehen, morgens sich irgendwie ins Büro schleppen. Abends kommt man nach Hause, isst vielleicht noch was und legt sich aufs Sofa und schläft dann ein.

Welche Schritte haben Sie unternommen, als Sie gemerkt haben, dass es so nicht mehr weitergeht?
Bei mir war es so schlimm, dass ich merkte: Wenn ich jetzt nichts tue, passiert etwas Schlimmes. Dann falle ich um oder bekomme einen Herzinfarkt. Ich wurde krank geschrieben. Man fühlt sich alleine. Dann googelt man natürlich, liest Bücher. Sucht überall nach Hilfe, aber man findet sie nicht unbedingt. Ich war in einer Klinik - für Burn-out. Da haben alle Probleme mit dem Schlafen. Dort versucht man es mit Schlafmitteln und anderen Psychopharmaka. Aber innerhalb der sieben Wochen bekommt man das nicht in den Griff. Man ist auch ziemlich enttäuscht, weil man doch hofft Hilfe zu bekommen. Dann wurde ich auf die Schlafambulanz in Ingolstadt aufmerksam. Im Herbst begann die Therapie - das war unheimlich wichtig.

Wie hat Ihr Umfeld die Schlafstörung aufgenommen?
Das Verständnis fehlt, wenn man es nicht selber erlebt. Man ist teilweise an dem Punkt, dass man so verzweifelt ist, dass man einfach nur noch schlafen will. Die Umwelt kann sich das nicht vorstellen. Es ist ganz schwer Verständnis zu bekommen. Man sitzt am Anfang da mit dem Problem und braucht jemanden, der hilft. Man möchte sich austauschen.

Was würden Sie jemanden raten, der davon betroffen sein könnte?
Jedenfalls auf sich zu achten. Klar hat mir jeder geraten, Stress zu vermeiden - das ist aber schwierig. Man sollte sich körperlich bewegen und sich Rituale angewöhnen. Und wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt, zum Arzt gehen. Man darf sich nicht abwimmeln lassen. Es gibt auch ein Buch, das mir geholfen hat:

Viele Menschen kümmern sich nachts um volle Akkus bei ihren Smartphones, aber sie können ihre eigenen Batterien nicht mehr aufladen. Andreas Storm, Vostandsvorsitzender der DAK-Gesundheit.

„Die zunehmenden Schlafstörungen in der Bevölkerung sollten uns wachrütteln“, sagt Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit. „Viele Menschen kümmern sich nachts um volle Akkus bei ihren Smartphones, aber sie können ihre eigenen Batterien nicht mehr aufladen.“ Prof. Dr. Thomas Pollmächer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Ingolstadt, relativiert solche Aussagen: „Wenn man die Häufigkeit solcher Erkrankungen misst, sind diese in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht mehr geworden.“ Vielmehr sei es die Wahrnehmung und der Umstand, dass Patienten tatsächlich mehr Hilfe suchen. Das liege auch daran, dass sich die Akzeptanz bei psychischen Krankheiten geändert habe. „Diese Erkrankungen, die früher eher so ein bisschen Scham besetzt waren, sind nun tatsächlich mehr in der Öffentlichkeit“, betont Pollmächer. Die Akzeptanz sei durch prominente Fälle gestiegen. „Man ist auch in der breiten Bevölkerung der Meinung, dass man so etwas durchaus haben kann. Ohne gleich als verrückt oder merkwürdig zu gelten“, fügt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie hinzu.

Immer mehr schlucken Schlafmittel

 Zahlreiche Betroffene nehmen die Symptome einer dauerhaften Schlafstörung nicht ernst genug. Nur wenige lassen ihre Schlafstörung ärztlich behandeln. Lediglich eine Minderheit meldet sich beim Arbeitgeber krank – heißt es in einer DAK-Studie. Zudem unterscheidet Pollmächer vom Klinikum Ingolstadt zwischen Männer und Frauen. „Männer tendieren eher dazu, Beschwerden nicht ernst zu nehmen. Männer kommen ins Schlaflabor oder zum Schlafmediziner typischerweise auf Betreiben der Ehefrau und nicht aus eigenen Antrieb“, erklärt Pollmächer. Frauen hingegen nehmen ihre Gesundheit in allen Bereichen ernster.

Die Folgen: Fast die Hälfte ist bei der Arbeit müde (43 Prozent), ein Drittel regelmäßig erschöpft (31 Prozent) und immer mehr schlucken Schlafmittel. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport 2017 hervor. Im Vergleich zu 2010 nahmen 2017 fast doppelt so viele der 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer Schlafmittel. Die Zahl der Betroffenen stieg von 4,7 auf 9,2 Prozent (2017). „In der Tat nehmen Menschen langfristig Schlafmittel ein. Wir wissen von einer Vielzahl von Studien. dass Schlafmittel nicht die vernünftige Lösung auf Dauer sind wenn man gerade eine ernsthafte Insomnie hat“, betont Pollmächer vom Klinikum Ingolstadt. Der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie fügt hinzu: „Es ist kein Problem, gelegentlich wenn Leute frei verkäufliche pflanzliche Mittel einnehmen. Wie Baldrian oder Hopfen – wohlgemerkt Hopfen in Tablettenform.“

Jobstress als Hauptursache bei Schlafstörung

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Knapp 40 Prozent der befragten Teilnehmer sehen Jobstress als Hauptursache für ihre Probleme. „Viele Beschäftigte treibt nachts das Gedankenkarussell um“, erklärt Peter Wendt, bei der TK für die Studie „Schlaf gut, Deutschland“ zuständig. Ist eine Person von einer akuten Schlafstörung betroffen, erstellen die Fachärzte ein umfassendes Krankheitsbild. Schließlich gibt es neben Jobstress zahlreiche andere Ursachen. Im Video erklärt Pollmächer vom Klinikum Ingolstadt, wie man eine Schlafkrankheit behandeln kann.

Darum schlafen Leute immer schlechter

Laut DAK-Gesundheitsreport leidet jeder zehnte Arbeitnehmer (9,4 Prozent) in Deutschland unter einer Insomnie, schlechter Schlafqualität, Tagesmüdigkeit und Erschöpfung. Frauen sind mit 11 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer (8 Prozent). Seit 2010 stieg der Anteil der von Ein- und Durchschlafproblemen betroffenen 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer um 66 Prozent an. Schwere Schlafstörungen nahmen seit 2010 um 60 Prozent zu. Betroffene können viel dazu beitragen, dass sie gut durch die Nacht kommen. Gewohnheiten und Umstände, die den gesunden Schlaf fördern, bezeichnen Experten als Schlafhygiene. 41 Prozent beklagen die Zimmertemperatur, 23 Prozent essen vor dem Schlafen deftige Mahlzeiten und 15 Prozent trinken koffeinhaltige Getränke. Bei 7 Prozent der Erwachsenen liegt das Smartphone auf dem Nachttisch oder unter dem Kopfkissen. Besonders hoch ist der Anteil bei den unter 30-Jährigen: Hier stört das Handy bei jedem Fünften den Schlaf. 54 Prozent leiden unter Muskelverspannungen und Rückenschmerzen – das geht aus einer Statistik der TK hervor.

Seit 2010 stieg der Anteil der von Ein- und Durchschlafproblemen betroffenen Arbeitnehmer um 66 Prozent an.

Was ist eine Insomnie?

Eine Insomnie ist eine akute Schlafstörung. Dabei handelt es sich nicht nur um fehlenden Schlaf, sondern auch um Störungen beim Ein- und Durchschlafen, in deren Folge die Betroffenen morgens nicht ausgeschlafen haben. Laut dem Schlafmedizinischen Zentrum München erkennt ein Betroffener eine Insomnie daran, wenn die folgenden vier Diagnosekriterien der Weltgesundheutsorganisation erfüllt sind:

  •  Einschlafstörungen oder schlechte Schlafqualität
  •  wenigstens drei mal pro Woche Schlafstörungen
  •  Schlafstörungen bestimmen den Alltag
  •  tagsüber deutlicher Leidensdruck und Auswirkungen auf die soziale und berufliche Leistungsfähigkeit

Schichtarbeiter leiden besonders unter Schlafstörung

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Die Herausforderung ist, ein Verhältnis zu finden zwischen dem Bedürfnis der Beschäftigten nach Erholung und einem Sozialleben auf der einen und den betrieblichen Erfordernissen auf der anderen Seite. Jans Baas, Vorstandvorsitzender der TK.

Der Anteil der sogenannten Flex-Beschäftigten in Deutschland liegt mittlerweile bei 30 Prozent. „Die Herausforderung ist, ein Verhältnis zu finden zwischen dem Bedürfnis der Beschäftigten nach Erholung und einem Sozialleben auf der einen und den betrieblichen Erfordernissen auf der anderen Seite“, sagt Baas, Vorstandvorsitzender der TK. Denn: 40 Prozent der Flex-Beschäftigten, die an der Umfrage der TK teilgenommen haben, klagen über schlechte Schlafqualität.

Die Hälfte schläft höchstens fünf Stunden. Das Problem liegt meistens in den wechselnden Schichtplänen. Hinzu kommen die Nachtschichten, die laut TK mehr als 56 Prozent mehr Energie kosten. „Wer nachts arbeiten muss, liegt über Kreuz mit seinem natürlichen Biorhythmus. Gegen die innere Uhr zu arbeiten, kostet zusätzlich Energie und wirkt sich negativ auf die Schlafqualität aus“, erklärt Utz Niklas Walter vom Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung. Pollmächer vom Klinikum Ingolstadt sieht das anders: „Es kommt darauf an, welche Form von Schichtarbeit man durchführt. Zum Beispiel wird eine Dauernachtschicht oft recht gut vertragen. Und zwar deswegen, weil Schichtarbeit sich auf die innere Uhr auswirkt.“ Schließlich habe man eine innere Uhr, die den Schlaf-Wach-Rhythmus regelt. Diese könne sich bei den meisten Menschen auf viele unterschiedliche Dinge einstellen. „Sehr kurze Wechselschichten sind auch noch besser zu vertragen, als mittlere. Am schlimmsten ist es bei der Polizei, die einen völlig abstrusen Wechsel von Dienst und Frei ausgesetzt sind. Dann wird das immer schwieriger und schlechter verträglich für den Körper“, fügt Pollmächer hinzu.

Tipps für einen guten Schlaf

Albträume, ständiges Drehen im Bett oder nicht einschlafen können: Jeder hat einmal eine schlechte Nacht hinter sich. Allerdings ist das in den meisten Fällen harmlos. „Wirklich interessant wird es dann, wenn die Schlafstörungen über mehrere Wochen auftreten – man spricht typischerweise von vier Wochen“, erklärt Pollmächer. Hinzu kommt, dass der Tag durch die Schlafstörungen beeinträchtigt wird. Dann soll sich die betroffene Person Hilfe suchen. Im Video gibt Pollmächer Tipps für einen guten Schlaf:

Veröffentlicht von Samantha Meier