Sterben üben und den Tod zurückholen

Es wird verschwiegen und tabuisiert. Gemieden und aus dem Alltag verdrängt. Dabei passiert es jeden Tag, jede Minute irgendwo auf der Welt: Jemand stirbt. Ein Leben endet. Doch es gibt Menschen, die sich ganz offensiv mit dem Ende des Lebens beschäftigen. Darüber schreiben und sprechen, ohne Furcht, Scham oder Berührungsängste. Sie holen den Tod zurück aus der Blase des Schweigens. In mühevoller Kleinstarbeit versuchen sie, das Tabu zu zerschlagen. Zum heutigen 12. Oktober, dem Welthospiztag, stellen wir sie vor.

Jasmin Schreiber. Sterben üben

Blog: Sterben Üben

Ja, sie hat Angst vor dem Tod. Und deshalb beschäftigt sie sich mit ihm – um vorbereitet zu sein. Jasmin Schreiber, Hamburgerin und Berlinerin, Journalistin, Autorin und Biologin schreibt über den Tod und seine Begegnungen mit ihm auf dem Blog „Sterben üben“.

Leben ist ja schließlich irgendwie auch Sterben. Jasmin Schreiber

Sie hilft Betroffenen ehrenamtlich, mit dem Tod und der Trauer umzugehen und sie will ihre Erfahrungen teilen. Und die gehen unter die Haut. Zunächst engagierte Schreiber sich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder, was sie hier eindringlich schildert. Schreiber begleitete Eltern in den wohl schwersten Stunden ihres Lebens. Doch irgendwann musste sie die Trauernden alleine lassen, denn ein solcher Fototermin hat ein Ende. „Das möchte ich so nicht mehr hinnehmen, ich möchte sie und andere Familien weiter begleiten, die Hände, die nach meiner Hand greifen, nicht mehr loslassen müssen“, schreibt sie auf ihrem Blog.

Deshalb durchlaufe sie gerade mehrere Ausbildungen zum Thema Trauer, Sterben und Psychotherapie und mache Weiterbildungen mit dem Schwerpunkt auf Familien und Kindern.

„Sterben üben“ beschreibt sie als „Übung für den Ernstfall“. „Leben ist ja schließlich irgendwie auch Sterben, nur blende ich das gerne aus“, schreibt sie, „Das soll ab sofort anders werden, und diesen Prozess halte ich hier im Blog fest. Ihr könnt mir also zusehen, wie ich selbst das Sterben übe.“ Und das hat so viele Facetten. Sie schreibt über den Weg eines lebensbedrohlich kranken Kindes genauso eindrucksvoll wie über eine Begegnung auf einer Friedhofsbank. Sie gibt 40 Fragen zum Thema Tod an die Hand, liefert Buchtipps, führt Interviews, begleitet Sterbende und thematisiert Depression. Dafür bekam sie 2018 den Preis „Bloggerin des Jahres“.

Videos: Sarggeschichten

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Wie versorgt man einen Verstorbenen? Was passiert nach einem plötzlichen Todesfall? Und wie macht man eine tolle Trauerfeier? Fragen, mit denen sich viele nicht beschäftigen wollen. Außer, es gibt einen traurigen Anlass dazu. Sarggeschichten sind anders. Das Portal beantwortet diese Fragen in Videoform – informativ, leicht zugänglich und mit einer positiven Herangehensweise.

Wenn jemand noch nie darüber nachgedacht hat, einen Toten selbst anzuziehen dann ist es sehr schwierig, das in Betracht zu ziehen. Jan Möllers

Wie kommt man darauf, Videos zum Thema Sterben, Abschied nehmen, Beerdigen und Trauern zu produzieren? „Wir sind beide familiär vorbelastet“, sagt Jan Möllers, Mitinitiator des Projekts. „Mein Vater starb als ich elf war“, erzählt er offen. Sarah Benz, seine Projektpartnerin, verlor früh einen Freund. So sind beide in Berührung mit dem Thema Tod gekommen. Möllers Erfahrungen aus dieser Zeit seien schwer gewesen. „Wir hatten einen blöden Bestatter“, erzählt er, „Sarahs Erfahrungen hingegen waren positiv, ihr Freund durfte im Hospiz sterben.“ Heute ist Möllers nicht nur Dozent, sondern auch selbst Bestatter. Er hat viel mit Menschen zu tun, die in einer Krise stecken. Er sagt, dass Selbstbestimmung vielen Trauernden hilft. Doch der Spielraum der Menschen, selbst etwas zu tun, sei sehr klein. Alles ist professionalisiert. Von der Totenwäsche bis zur Bestattung selbst. Dabei sei es für viele hilfreich, Dinge selbst zu tun. „Wenn jemand noch nie darüber nachgedacht hat, einen Toten selbst anzuziehen dann ist es sehr schwierig, das in Betracht zu ziehen.“ Möllers und Benz geht es um Selbstbestimmung. Deshalb entschieden sich beide 2015, Informationen über YouTube leicht zugänglich zu verbeiten.

Wir wollten keine klassischen Klischees mit Bildern von nebelverhangenen Alleen. Jan Möllers

Was als erstes auffällt, wenn man sich Clips wie „Was ist ein Hospiz“ oder „Was passiert, wenn wir sterben“ ansieht: Die Bilder sind hell und freundlich, nie verbreitet ein Clip eine schlechte, traurige Stimmung und die Erklärungen sind frei von Tabus oder Angst, ohne anstößig zu werden. „Wir wollten keine klassischen Klischees mit Bildern von nebelverhangenen Alleen“, sagt Möllers. „Wir vermeiden angstbesetzte Bilder“, erzählt er.

Fast wirken die Videos wie ein Erklär-Video aus dem Kinderfernsehen – nicht, weil sie so simpel wären, sondern weil sie so unaufgeregt und neutral gehalten sind. Möllers und Benz wollen alle Altersstufen ansprechen – von Grundschule bis Senioren. Sie wissen, dass viele Pädagogen ihre Clips im Unterricht nutzen. Denn in Möllers Augen kann Sterben kindgerecht besprochen werden. „Natürlich wünschen wir unseren Kindern eine Welt ohne Verlust“, sagt er. Doch man müsse mit der Spannung zurechtkommen – das Leben kann zu Ende sein. „Die Fähigkeit zu trauern haben auch Kinder“, ist er überzeugt.

Überhaupt erlebe er, dass die Tabus und Berührungsängste beim Thema Tod kleiner werden. Doch das passiere nicht einfach so. Sie würden in mühevoller Arbeit von vielen Engagierten weggemeißelt, sagt Möllers. Es gebe eine Bewegung von Betroffenen, sich den Tod zurückzuholen.

Instagram: littlebrvlyliongirl

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T-Zellen die Zweite. Es wird wieder hart. Aber ich kämpfe. Für das Leben. Für Zeit. Für Island. #fuckcancer #bucketlist # #

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Claudia hat etwas im Kopf. Das merkt man schnell, wenn man ihren Posts auf Instagram folgt.

Ich kämpfe. Für das Leben. Für Zeit. Claudia

Die Wahl-Schwäbin hat Träume und will die Welt sehen, brennt für Musik und Tanzen und die Natur und sie hält ihre Erlebnisse in ästhetischen Fotos fest und wählt ihre Worte dazu sorgsam. Sie schreibt von Liebe, von Sehnsucht und Freude. Aber auch von Angst und Verzweiflung und manchmal auch von Wut.

Denn Claudia hat noch etwas im Kopf: Karlhorst. Einen Tumor. Der sie krank macht. Sehr krank. Auch darüber schreibt sie auf Instagram. Wie schlecht es ihr gehen kann, wenn sie sich einer Behandlung unterziehen muss. Wie gut es ihr gehen kann, wenn sie sich Dingen voll widmen kann, die sie liebt. Wie die Leute ihr begegnen, wenn sie einen Mundschutz trägt oder nicht ganz fit ist.

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Stand der Dinge. Blutwerte so schlecht wie schon lange nicht mehr. Und. Dieses Foto kostet mich Überwindung. Ich soll mich für die nächsten 2-3 Tage am besten daheim verbarrikadieren. Und wenn ich raus muss. Dann eben nur so. Allerdings gibt das Anlass zu glotzen. Menschen glotzen. Weil sie neugierig sind. Das liegt leider in unserer Natur. Jedoch wenn man Anstand. Feingefühl. Die Fähigkeit zur Empathie besitzt. Sieht man darüber hinweg. Man darf schauen. Aber nicht glotzen. Leute. Wenn ihr jemanden wie mich seht. Egal welche Geschichte. Welcher Grund dahinter steckt. Geht weiter. Und wenn ihr tuschelt. Dann so. Dass man euch nicht hört. #fürmehrrealitätanderkrebsfront #BraveBrightBeautiful

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Man kann sehen, wie sie kämpft, Stichwort #fuckcancer. Und wie zwischen all diesen Gedanken Träume entstehen, die sie umsetzen kann. Nach Island reisen zum Beispiel. Oder Pilgern.

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Tag 7. 57 km bis Santiago de Compostela. Es ist schon was Wahres dran. Wenn man sagt: „Der Camino nimmt Dir alle Kraft und gibt sie Dir dreifach zurück.“ Vielleicht auch sogar fünffach? Spätestens abends – wenn Du im Bett Deines Hostels oder Hotels oder Bungalows liegst, frisch geduscht, die Füße eingecremt – und Du Revue passierst, was Du heute geleistet hast. Kilometer für Kilometer geschrubbt hast. Wir heute alle übrigens bei strömendem Regen.☝Aber man ist dem Ziel schon wieder ein Stück näher… Seit heute erschüttert mich der Weg bis ins Innerste. Weil mich das alles grade so glücklich macht. Und weil es einfach so unendlich Spaß macht. Voranzukommen. Zu sehen und zu erleben. Aber weil er auch so viel hervorruft und aufwühlt. Und weils schon wieder fast vorbei ist… Wer bin ich? Auf dem Weg treffe ich tatsächlich immer wieder nur auf mich. Auch wenn ich von zahlreichen Pilgern umgeben bin. Aber während ich so laufe und laufe und endlich ankommen will, wird die innere Stimme in mir immer lauter… Gedanklich laufe ich diesen Weg u.a. für Menschen, die grade nicht bei mir sind oder nicht mehr bei mir sind. Weil ich gerne hätte, dass sie da sind. Für Verstorbene und Lebende gehe ich diesen Weg. Und. Natürlich für mich. Und weil diese Menschen in meinem Herzen alle zu mir gehören führen sie automatisch zu mir. (Weil diese Menschen mich ausmachen. Wie sie mich prägen. Wachsen sehen und wachsen lassen. Zumindest fühlt es sich so an.) Nicht zum Pilger oder der Pilgerin vorne oder hinten. Die haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Aber denen geht’s bestimmt genauso. Und dann schaut man sich aber gegenseitig an und grüßt sich freundlich. Lächelt. Scherzt über das Schietwetter. Weil alle auf dem gleichen Weg sind. Alle wollen wir ankommen. Vorankommen. Etwas bewältigen. Jeder hat einen anderen Grund diesen Weg zu gehen. Aber egal welcher Grund es ist. Am Ende muss es ein wahrhaftiges Gefühl sein es geschafft zu haben und angekommen zu sein. Ich werde diese Erfahrung auch machen, aber für mich behalten. #pilgerliongirl #callvouge #fürmehrrealitätaufdemjakobsweg #dancingintherain #hallohiersprichtmeinherz #makemoments #happyme

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Ihrer Geschichte zu folgen inspiriert Tag für Tag und erinnert im besten Sinne daran, wie wenig Zeit jedem bleibt. Sie macht klar, dass etwas wie eine tödliche Krankheit keinen Halt vor dem Alter macht. Und dass es wenig Ausreden dafür gibt, zu hadern und seine Träume nicht zu erfüllen.

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Veröffentlicht von Sophie Schmidt