Glück am laufenden Band

Der Mann wirkt wie ein Ausrufezeichen: pink-kariertes Hemd, Brille mit orangen Bügeln und rote Schiebermütze auf dem Kopf. Dazu trägt er, schön bajuwarisch, eine grün-braune Weste. Es fällt schwer, Ralph Schäfer, den Inhaber der Bavarian-Lucky-Keks-Fabrik, zu übersehen. Eigentlich ist man auf dem Weg zum Glücksbäcker noch beschäftigt, den betörenden Duft von Vanille zu orten, der vor der Tür umherzieht. Da wirbt Schäfer schon mit den Vorzügen seines Produkts. „Im Sommer biegen oft Radfahrer hierher ab, weil es so gut riecht.“ Und dazu lächelt er wie jemand, der weiß, dass das Glück auf seiner Seite ist.

Wobei man das Glück nicht im Industriegebiet des niederbayerischen Bad Abbach vermuten würde. Eher nüchtern als beschaulich wirkt der Ortsteil. Aber selbst das Model Naomi Campell hatte sich 1986 dahin verirrt, als es für Unterwäsche und Dessous mit dem Markennamen „Be happy“ warb. Über eine Million Glückskekse wurden dabei verteilt, Schäfer kümmerte sich um den Vertrieb. „Da wusste ich, dass das Produkt läuft“, erzählt Schäfer heute, 30 Jahre später. Er ging auf die Suche nach einer Maschine, die die Kekse in großen Mengen produzieren konnte, und war nun nicht mehr nur Werbefachmann, der Süßigkeiten und Gummibärchen verpackt, sondern Bäcker von Glückskeksen.

Sehnsucht nach Fortuna

Manch einer hätte damals vielleicht auf Unterwäsche gesetzt. Aber nicht Schäfer. Er entdeckte das Potenzial, das in den Glücksverheißungen steckt. Intuitiv erkannte er, wie man damit die Löcher in den Herzen der Menschen füllen konnte. „Glück ist ein ganz großes Thema unserer Gesellschaft, der Input ist gigantisch. Jeder Mensch sehnt sich nach einem Stückchen Glück. Und das befriedigen wir quasi mit dem Glückskeks.“ Und dann bittet der Werbefachmann darum, die Augen zu schließen, und sagt diesen märchenhaften Satz: „Jede Frau, die einen Glückskeks aufbricht, wünscht sich doch, dass der kleine Frosch drinsitzt, den sie küssen kann, und dass dabei der große Prinz herauskommt.“ Will heißen: Keiner lässt den Keks unausgepackt liegen. Schäfer verlässt sich auf die Neugier der Menschen. Und die lässt sein Unternehmen wachsen. Zehn Millionen Glückskekse produziert der Unternehmer pro Jahr. „Die Richterskala ist nach oben noch ganz weit offen“, sagt Schäfer.

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Keks
Ralph Schäfer Ralph Schäfers Backanlage ist mit 6,5 Metern Länge die größte ihrer Art in Europa. In der Bavarian-Lucky-Keks-Fabrik in Bad Abbach werden jedes Jahr zehn Millionen Glückskekse produziert.

Schon als er mit den Glückskeksen anfing, sei ihm aufgefallen, dass kaum einer den Keks isst, sobald er den Zettel mit den Sprüchen herausgeholt hat. „Die schmeckten nach Pappe“, erinnert sich Schäfer. Doch dann beschloss der selbst ernannte „Vater der Glückskekse“, ihnen einen besseren Geschmack zu geben. 2002 tüftelte er zusammen mit einem Bäcker an einem optimalen Rezept. Mehl, Zucker, Wasser, Aromen und eine Portion Glück waren die perfekten Zutaten. Der Glückstreffer für den Unternehmer.

Jeder will wissen, was in seinem Keks steckt. Ralph Schäfer

Heute besitzt Schäfer eine Backanlage mit 6,50 Metern Länge, die größte in Europa. Ein Schlauchsystem spritzt im Sekundentakt einen Teigfladen auf eine Förderkette, dann drehen die kleinen Fladen bei 145 Grad eine Runde durch die Backanlage. „Am besten schmeckt es, wenn der Teig noch nicht ganz durch ist“, sagt Schäfer und nimmt sich einen von der Förderkette, schiebt ihn in den Mund und genießt. Wenn das Glück einen Geschmack hätte, dann wären dies heute wohl Vanille und Zitrone.

Wie der Zettel in den Keks kommt

Am Ende des Förderbands lüftet sich das Geheimnis, wie der Zettel in den Glückskeks kommt. Ein kleiner Greifarm saugt die Zettel mit den Sprüchen von einem Stapel an und drückt einen nach dem anderen in den noch warmen, biegsamen Teig. Dann wird die Teigtasche zusammengedrückt. Daher die charakteristische Schiffchenform der Glückskekse. Wenn sie abgekühlt sind, werden sie aromafest verpackt.

Die bayerischen Glückskekse schmecken nach Vanille, Zitrone, Zimt und Cappuccino, es gibt sie in allen möglichen Geschmacksrichtungen, sogar mit Schokoladenüberzug. Immer wieder lassen sich der Firmenchef und sein Sohn Raphael, der Firmennachfolger, etwas Neues einfallen. Es gibt Glückskekse mit Herzchen obendrauf, es gibt XXL-Kekse, in die man einen Liebesbrief oder sogar einen Ehering stecken kann. Demnächst wollen die Schäfers eine Backmischung herausbringen, mit der man selbst Glückskekse backen kann.

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Glückskekse-die-schmecken-
Florian Jaenicke Bad im Glück: Ralph Schäfer hat mit sich mit seiner Idee, Glückskekse als Werbemedium zu nutzen, in weniger als 15 Jahren ein festes Standbein aufgebaut. Ein Grund für den Erfolg: die Neugierde der Menschen.
Ich habe immer mein Diktiergerät dabei. Ralph Schäfer

Für Schäfer ist der Keks „das perfekte Werbemedium“. Während Prospekte und Flyer oft ungelesen im Papierkorb landen, mache der Glückskeks die Menschen neugierig. „Jeder will wissen, was in seinem Keks steckt“, sagt er. Das sei sogar messbar. „Wenn Sie am Eingang einer Messe 2000 Kekse verteilen, in denen steht, dass es in Halle sieben ein Glas Prosecco gratis gibt, dann sind am Schluss 1786 Menschen an den Messestand gekommen.“ Seine Kekse verkauft er an Apotheken, Banken, Versicherungen, Parteien, Fast-Food-Restaurants, an Lotteriegesellschaften und sogar an die Kirche. Den Werbeinhalt geben die Unternehmen zum Teil selbst vor.

Vor ein paar Jahren hat Schäfer angefangen, eigene Glückskeksserien zu produzieren.  Wenn er mit Freunden zusammensitzt, auf dem Motorrad unterwegs ist oder wenn beim Schafkopf jemand etwas sagt, das man verwenden könnte. „Ich habe immer mein Diktiergerät dabei“, sagt er. Seine drei Lieblingssprüche sind: „Ein Wort ist ein Tropfen, ein Buch ist ein Meer. – Die glücklichsten Stunden im Leben sind die, in denen wir geliebt haben. – Für die Welt bist du irgendjemand, aber für irgendjemand bist du die Welt.“ Man hat schon Unsinnigeres aus Glückskeksen gefischt.

Von Gabriele Ingenthron

Kathrin Schmied
Veröffentlicht von Kathrin Schmied