Fukushima – Fünf Jahre nach dem Unglück

Es ist auf den Tag genau fünf Jahre her: Am 11. März 2011 wurde Japan von einer schweren Nuklearkatastrophe im Kraftwerk Fukushima-Daiichi erschüttert. 600 Menschen starben, 10.000 verloren auf einen Schlag ihre gesamte Existenz und werden wohl nie mehr in ihre verstrahlte Heimat zurückkehren können. Die gesundheitlichen Spätfolgen, die durch das freigesetzte radioaktive Material verursacht worden, sind noch nicht absehbar. Während die japanische Regierung nach dem Unglück wenig unternahm, zog die deutsche Bundesregierung die Notbremse und beschloss den Atomausstieg bis 2022. Doch laut einer Studie könnte das vielleicht zu spät sein.

Fukushima - die Chronologie des Unglücks

In Japan ist es 14.46 Uhr als das Meer vor Japan bebt. Die Erschütterung ist so stark, dass sie einen Tsunami auslöst, der an einigen Stellen eine Höhe von 15 Metern erreicht. Die Flutwelle tötet mehr als 18.000 Menschen, 375.000 Gebäude werden zerstört. Das Wasser umspült auch das Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi und zerstört die Meerwasserpumpen, die Wärme an das Wasser abgeben sollen. Die Hälfte der Notstromaggregate fällt aus. Der Betreiber Tepco schickt 400 Mitarbeiter zum Notfalleinsatz los. Doch das reicht nicht aus. Durch die Überhitzung dringt Wasserstoff in den ersten Reaktorblock. Dieser bildet zusammen mit Sauerstoff Knallgas – und Reaktorblock 1 explodiert. Auch die Blöcke 3 und 4 werden von Explosionen erschüttert, aus Block 2 dringt verseuchtes Wasser, Block 4 brennt.

Schließlich tritt der Super-GAU ein:  In den Reaktoren 1, 2 und 3 kommt es zur Kernschmelze. Die Strahlenbelastung auf dem Gebiet steigt um ein Vielfaches. Doch die japanische Regierung lässt nicht zu, dass die Betreiberfirma Tepco ihre Mitarbeiter abzieht und das Kraftwerk aufgibt. Erst nach einer weiteren Wasserstoffexplosion werden die Einsatzkräfte vorübergehend evakuiert. Nur nach und nach ist eine Kühlung des Kraftwerks wieder möglich, bis dahin entweichen jedoch laufend radioaktiver Dampf und kontaminiertes Wasser. Die Bewohner werden von der Regierung angehalten, das Gebiet im Umkreis von 20 Kilometern zu verlassen. Danach wird die Zone zum Sperrgebiet erklärt. Bis heute lebt ein Großteil der evakuierten Menschen in winzigen Notunterkünften. Sie haben keine Chance, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren.

Fukushima - davor und danach

Unsere Bildergalerie zeigt die Tage nach dem Unglück, erzählt Geschichten von der zerstörten Gegend und den Schicksalen der Opfer. Man sieht aber auch, was sich in der Zwischenzeit getan hat: Die oberen Bilder wurden am 27. Februar 2016 aufgenommen und zeigen, wie sich die Region seither verändert hat.

Fukushima - Konsequenzen in Japan

Das Tragische: Eigentlich hätte der Super-GAU gar nicht geschehen müssen: Ursprünglich hatte die japanischen Regierung den landesältesten Reaktor Anfang 2011 endgültig stilllegen lassen wollen – im Februar verlängerte man die Laufzeit jedoch erneut entgegen aller Sicherheitsbedenken.

Seit der Katastrophe befindet sich die japanische Regierung auf einem Zickzack-Kurs: Erst wurde ein möglichst schneller Ausstieg angekündigt. Doch nachdem die Atomindustrie Druck auf die Regierung ausübte, zog diese ihre Ausstiegspläne zurück. Immerhin sank der Anteil von Atomenergie am Energiemix in Japan von einem Drittel auf 22 Prozent. Aber obwohl sich der Großteil des japanischen Volkes für einen Atomausstieg ausspricht, ging kurz vor dem fünften Jahrestag des Unglücks ein bereits abgeschalteter Reaktor wieder ans Netz.

Die atomfreundliche Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe versucht, den Unmut der Bevölkerung unter der Decke zu halten. Um das zu erreichen, erließ sie ein Gesetz zum „Schutz besonders gekennzeichneter Staatsgeheimnisse“ – laut Kritikern ein Versuch, die Fukushima-Nachberichterstatter über Krankheitsfälle oder Suizide zum Schweigen zu bringen.

Eine japanische Mutter und ihr Sohn werden auf radioaktive Strahlung untersucht. EPA/Shimbun

Fukushima - Konsequenzen in Deutschland

Erst Ende Oktober 2010 hatte die Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke beschlossen. Dieser Schritt wurde nach dem Unglück in Japan jedoch schnell wieder rückgängig gemacht. Nach einem dreimonatigen Moratorium für die sieben ältesten Kraftwerke, wurde im Juni die sofortige Abschaltung von acht Kraftwerken beschlossen sowie ein stufenweiser Ausstieg bis 2022. Aktuell sind noch acht Reaktoren am Netz: Gundremmingen B soll Ende 2017 vom Netz gehen, Philippsburg 2 Ende 2019, Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C Ende 2021. Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland werden Ende 2022 als letzte abgeschaltet.

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Das Atomkraftwerk Isar 2 wird vermutlich erst 2022 stillgelegt. Isar 1 ist hingegen schon vom Netz. Foto: Weigel/dpa

Laut einer Studie des Bundes für Naturschutz (BUND) ist das aber vielleicht nicht schnell genug. Der Grund? Der Studie zufolge ist in jedem deutschen Atomkraftwerk jederzeit ein schwerer Unfall möglich. Denn die Betreiber kümmern sich aufgrund der kurzen Restlaufzeiten kaum noch um Sicherheitsüberprüfungen oder dringend nötige Nachrüstungen der alten Reaktoren. Erdbeben, Flugzeugabstürze oder Terroranschläge könnten aber auch in Deutschland einen Super-GAU auslösen. Für einen solchen Fall gibt es keinen umfangreichen Katastrophenschutzplan.

Zwischenlager wie Gorleben oder Ahaus sind ebenfalls nicht gegen solche Vorfälle abgesichert. Deswegen fordern die Experten des BUND einen beschleunigten Atomausstieg – und eine umfangreiche Diskussion zur Endlagerung des Atommülls. Denn wie es damit weitergeht, ist nach wie vor noch immer nicht geklärt.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch

Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.