Freie Trauung: Hochzeit ja, Kirche nein danke

Trotz hoher Scheidungsraten boomen Hochzeiten in Deutschland – nur nicht die kirchlichen. Immer mehr Menschen wollen nicht mehr unter dem Dach der katholischen oder evangelischen Kirche heiraten und entscheiden sich stattdessen für eine freie Trauung. Was sind die Gründe? Und wie läuft eine solche Zeremonie überhaupt ab?

Etwa jede dritte Ehe in Deutschland wird heutzutage geschieden. Sind Hochzeiten also ein Auslaufmodell? Von wegen: „Mein perfektes Hochzeitskleid“, „Hochzeit auf den ersten Blick“, „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ – wer einen Blick in das Fernsehprogramm wirft, erkennt schnell, dass Eheschließungen angesagt wie nie sind. Blogs erklären, wie man Dekoration und Einladungen selber bastelt, Youtube-Tutorials helfen bei der Hochzeitsfrisur und Wedding Planer bieten ein Rundum-Sorglos-Paket.

  

Auch in Ingolstadt erlebt das Heiraten einen Aufwärtstrend. Das hat das Statistikamt ermittelt. „Wenn man die letzten Jahre ansieht, kann man einen zunehmenden Heiratsboom in Ingolstadt sehen“, stellt der städtische Statistiker Ulrich Kraus fest. Mit 619 standesamtlichen Trauungen erlebte Ingolstadt im Jahr 2015 den höchsten Stand seit 24 Jahren. Ganz anders sieht es aber in der Donaustadt bei den kirchlichen Trauungen aus. Lediglich 76 Paare ließen sich 2015 in Ingolstadt katholisch trauen. Nicht besser ist es bei den Protestanten: Nur 46 Menschen heirateten 2015 evangelisch.
 

Freie Trauung: Rituale ohne Kirche

Doch nicht alle Paare, die von einer kirchlichen Trauung absehen, wollen auch auf die Rituale verzichten. Deswegen gehen immer mehr von ihnen einen anderen Weg: Sie lassen sich frei trauen.

 
 

Matthias Tschierschke ist Pfarrer, arbeitet aber auch als freier Trauredner. Er bestätigt, dass die Anfragen nach freien Trauungen zunehmen. „Gerade junge Leute sind nicht mehr die klassischen Kirchgänger“, sagt er. Sie könnten zwar mit der Kirche an sich wenig anfangen, seien aber durchaus gläubig. Tschierschke traut viele solcher Paare, hat jedoch auch kein Problem damit, Paare ohne Glauben zu verheiraten. „Wer sich liebt und zusammen den Schritt in die Verbindlichkeit durch eine Ehe gehen möchte, den sollte man unterstützen“, findet der Trauredner. „Wie sollen wir ihnen den Glauben denn nahe bringen, wenn wir auf diese Menschen nicht zugehen?“

Wer sich für eine freie Trauung entscheidet, kann diese ganz nach seinen individuellen Vorlieben gestalten. „Die meisten Paare wollen allerdings ähnliche Symbolhandlungen wie bei einer kirchlichen Hochzeit“, erzählt Tschierschke. So gäbe es bei vielen eine Ansprache, Trauzeugen, Traurede, Ringtausch, Treueversprechen und den Kuss – man könne die Rituale aber auch variieren. „Einmal hat ein Mann ein Lied für seine Frau komponiert und es statt eines Treueversprechens vorgetragen“, erinnert er sich.

  

Freie Trauung: Intensive Gespräche notwendig

Andrea und Thomas Trause sind eines dieser Paare, das sich für eine freie Trauung entschieden hat. Sie passen in das Bild, das Tschierschke von den neuen Heiratswilligen zeichnet: „Wir haben beide keinen Bezug zur Kirche. Daher wollten wir nur etwas organisieren, das uns auch zu hundert Prozent entspricht“, erklärt die 27-Jährige. Beiden war es wichtig, neben ihrer standesamtlichen Trauung nicht auf eine große Feier zu verzichten. Vor allem ein Brautkleid habe sie sich bei ihrer Hochzeit sehr gewünscht, erzählt Andrea Trause.

Andrea und Thomas Trause entschieden sich für eine freie Trauung. Foto: Frau Herz Fotografie, Forchheim

Deshalb entschied sich das Paar aus Zuchering für eine freie Trauung mit einer sehr persönlichen Zeremonie. Durch ihre Arbeit als Fotografin war Andrea Trause schon bei vielen Hochzeiten dabei und wusste, was sie wollte: Die großen Posten waren schnell entschieden. Und bald fand das Paar auch die richtige Traurednerin. Das war wichtig, denn schon drei Wochen nach dem Antrag musste der Soldat Thomas Trause aus beruflichen Gründen für ein halbes Jahr ins Ausland. Thomas Trause erzählt, dass Sympathie bei der Wahl der Rednerin am wichtigsten war. „Man will an seinem besonderen Tag niemanden dabei haben, den man nicht riechen kann.“ Das Paar telefonierte mit der Rednerin, schrieb E-Mails und traf sich zu mehreren Gesprächen. Zudem kontaktierte die Rednerin Freunde und Verwandte der beiden und sprach mit ihnen über die Verlobten.

  

Freie Trauung: Persönliche Geschichte, große Emotionen

''Es sind unglaublich viele Tränen geflossen.'' Andrea Trause

Diese intensiven Gespräche waren es offenbar wert. Fragt man Andrea Trause nach ihrem großen Tag, gerät sie heute noch ins Schwärmen: „Der Bräutigam hat ganz klassisch bei der Rednerin auf mich gewartet. Ich wurde zu wunderschöner Livemusik von meinen Papas nach vorne begleitet. Dann übernahm die Rednerin das Ruder.“ Sie erzählte die persönliche Geschichte der Trauses. Danach trugen beide ihre selbst verfassten Eheversprechen vor. „Wir hatten nur Augen für uns zwei. Ich kann mich tatsächlich nur vage an die ganze Zeremonie erinnern, da ich so auf meinen Mann fixiert war. Es sind unglaublich viele Tränen geflossen und wir haben jeden Moment mit der tollen Musik und unseren Emotionen genossen.“

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Frisch vermählt: Thomas und Andrea Trause nach ihrer freien Trauung. Foto: Frau Herz Fotografie, Forchheim
Frisch vermählt: Thomas und Andrea Trause nach ihrer freien Trauung. Foto: Frau Herz Fotografie, Forchheim

   

Während Andrea Trause und ihr Mann sich eher klassisch trauen ließen, gibt es auch ungewöhnliche freie Trauungen, erzählt Hochzeitsredner Tschierschke. Einmal habe ein Paar seine Heiratsfeier als Grillfest getarnt. Als die Gäste zum erwarteten Barbecue eintrafen, wurden sie von der Hochzeit völlig überrascht. „In dem Fall hat das so gut zu den beiden gepasst, dass ich mitgemacht habe“, sagt Tschierschke. Prinzipiell sei es ihm wichtig, dass er immer authentisch bleiben könne.

Auch Andrea und Thomas Trause sind froh, dass sie dank ihrer freien Trauung authentisch bleiben konnten. Die beiden hatten Glück: Ihre Familien akzeptierten den Wunsch nach einer nicht-kirchlichen Hochzeit. „Es wurde interessiert nachgefragt, was man sich darunter vorstellen kann. Alle waren sehr gespannt. Ein Teil der Großeltern konnte es erst nicht ganz so gut nachvollziehen. Aber dann waren sie doch überrascht, wie schön so eine Zeremonie außerhalb der Kirche sein kann.“ Deswegen kann Andrea Trause eine freie Trauung nur weiterempfehlen: „Man kann alles unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen gestalten. Lasst Euch nicht von Einwänden der Familie oder Freunden beirren. Denn es ist Eure Hochzeit – und jeder, der eingeladen ist, sollte sich freuen, dabei sein zu dürfen.“

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.