Wanderfalken – der Faszination erlegen

Die Jagd mit Greifvögeln war lange ein Privileg des Adels. Heute reizt sie vor allem Menschen, die das Ursprüngliche suchen. Seit mehr als 40 Jahren züchtet Horst Bock aus Heideck Falken, die er bis nach Dubai verkauft.

Am Himmel ist der Wanderfalke nur mehr als ein kleiner schwarzer Punkt zu erkennen. So sehr fliegt er in luftiger Höhe. Plötzlich legt der Falke seine Schwingen eng an den Körper und nimmt enormes Tempo auf. Er jagt im Sturzflug in Richtung Erde. Dann greift der Vogel noch in der Luft nach einem Rebhuhn. Mit der Beute landet der Wanderfalke in einiger Entfernung zu seinem Besitzer Horst Bock am Boden. „Falken sind faszinierende Vögel und sehen einfach beeindruckend aus“, erklärt Bock. „Was mir noch mehr an den Tieren imponiert: Wie sie bei der Jagd fliegen.“ Dabei imitiert der Falkenzüchter aus Heideck mit der Hand den Flugweg eines Falken in der Luft.

„Je höher die Falken fliegen, umso dramatischer und schneller ist der Sturzflug“, erklärt Bock begeistert. „Wenn ich mit meinem Hund und dem Falken auf die Jagd gehe, werde ich Augenzeuge einer im Prinzip vollkommen natürlichen Situation. So wie sie seit Jahrhunderten auf der Welt stattfindet.“ Die Faszination für die Falkenjagd ist der Grund, warum sich Bock seit mehr als 40 Jahren mit Wanderfalken beschäftigt und sie züchtet.

Die Leidenschaft für Tiere, die „nicht unbedingt kuschelig sind wie ein Hase oder eine Katze“, hat Bock, wie er sagt, von Kindesbeinen an. Sein erstes Geburtstagsgeschenk war eine griechische Landschildkröte, mit 13 Jahren hielt Bock bereits Singvögel in einer Voliere.

Als eines Tages in Bocks Jugend ein Turmfalkenküken aus dem Nest fiel, nahm er zusammen mit einem Freund das Tier auf, zog es groß und brachte es zum Fliegen. „So bekam ich Kontakt zu einem Falkner aus Rednitzhembach, der mir zeigte, wie man einen Falken so zahm macht, dass er wieder zu einem zurückkommt und jagt.“

Der Mann von damals machte mit einem Sperber auf Rebhühner Jagd. „Für mich war das total faszinierend“, erinnert sich Bock. Es entwickelte sich eine Leidenschaft für diese Art Vögel. Sie hält bis heute an.

Beizjagd: Eine alte Kunstform

Das Zähmen und Abrichten von Falken ist eine sehr alte Kunst, die ihren Anfang wohl schon vor 3500 Jahren in Zentralasien nahm. Die Jagd mit einem Greifvogel wird in der Falknersprache als Beizjagd bezeichnet. Nach Europa kam sie wohl im Zuge der Völkerwanderung im 4. Jahrhundert. Ausgeübt wurde die Jagd aber hauptsächlich von Adeligen. Es war ein Privileg zu jagen und ein Ereignis gesellschaftlichen Ranges.

Erst ab dem 19. Jahrhundert und mit der Erfindung der Schusswaffe verlor die Beizjagd an Bedeutung – vor allem auf dem europäischen Kontinent. Ab den 1920er Jahren entdeckten die Deutschen die alte Jagdkunst wieder. Seit 2010 ist die Falknerei ein „immaterielles Kulturerbe“ der Unesco.

Wer mit Falken jagen will, der sollte sie auch züchten Horst Bock

Horst Bock pflegt zu sagen: „Wer mit Falken jagen will, der sollte sie auch züchten.“ Seit 1981 hat er regelmäßig Nachwuchs in seinen Volieren in Heideck. Die Zeit von März bis Juli ist für einen Falkenzüchter die absolute Hochzeit.

Alles beginnt im Frühjahr damit, dass er seinen männlichen Falken mit einer dünnen Kanüle Sperma entnimmt. Wenn er das Röhrchen gegen das Licht hält, sieht man einzelne kleine Tröpfchen darin. „Unter dem Mikroskop untersuche ich anschließend die Vitalität und Quantität des Spermas“, sagt Bock, ehe er dann mit einem Röhrchen drei seiner Falkendamen beglückt. Zwischen drei und sieben Tage später legen die Falkendamen braun-marmorierte Eier. Vorsichtig legt Bock jedes dieser Eier in einen Brutkasten, der genau auf 37,3 Grad temperiert ist. Nach etwa 35 Tagen schlüpfen die ersten Küken. Über und über mit Flaum bedeckt sitzen sie in einer Wanne unter wärmendem Rotlicht und quäken vor sich hin. Die drei Küken kugeln auf den Kieselsteinen übereinander. Bock ist zufrieden: „Der Körperkontakt ist gut, denn das fördert ihr Sozialleben.“

Wanderfalken bestimmen Bocks leben

Nach zehn Tagen unter dem Rotlicht geht es für die Falkenbabys wieder raus zu den Weibchen, die in den Volieren schon sehnsüchtig darauf warten, Jungtiere versorgen zu dürfen. Das sind nicht unbedingt auch die Mütter, die ihre Küken füttern. Die zehnjährige Esmeralda zum Beispiel weigert sich, Eier zu brüten, „zieht aber Jungtiere mit Hingabe auf“, erklärt Bock mit einem Schmunzeln. „Sie schafft es einfach nicht, sich einen halben Tag nur mit Brüten zu beschäftigen. Sie wartet einfach, bis die Babys zu ihr kommen.“

Viermal am Tag füttert Horst Bock die Küken. Zum letzten Mal um 20 Uhr. Seinen letzten Kontrollgang zu den Tieren macht er um 1 Uhr, doch spätestens zwischen 4 und 5 Uhr am Morgen wacht er wieder auf. „Das ist meine innere Uhr, dann gehe ich zu den Küken im Brutraum und sehe nach dem Rechten.“

Bock begleitet die Tiere im Durchschnitt acht Wochen. Dann sind sie ausgewachsen und sehen nicht mehr wie Flaum- und Daunenkugeln aus, sondern die Küken haben bereits das für Wanderfalken typische edle Gefieder. Doch fliegen können sie noch lange nicht: Bock bringt die Tiere zu einem Kollegen nach Spanien, wo die Falken in einer riesigen Voliere in den Pyrenäen das Fliegen lernen. „Spielerisch bringen sich die Falken das Fliegen bei und kommen so in Topform. Denn am Berg weht immer ein leichter Wind, der die Falken antreibt.“

Viele der Tiere verkaufen Bock und sein spanischer Kollege nach Dubai. Denn bei den Arabern „gehört ein Falke – wie bei uns Hund und Katze – zur Familie“, erklärt er. Einen Falken leisten sich dabei nicht nur Reiche, sondern auch die gesellschaftliche Mittelschicht. Eingesetzt werden die Falken dort natürlich zum Jagen. Allmählich etabliert sich aber auch das Wetten auf Falken bei Wettkämpfen. „Zum Beispiel absolvieren die Falken horizontale oder vertikale Flüge“, sagt Bock. Dafür gebe es ordentliche Preisgelder bei den Arabern.

Ende Juli heißt es nun für Bock, Abschied von den jüngsten Falken zu nehmen. Wehmut überfällt ihn dabei nicht, obwohl er viel Zeit mit den Küken verbracht hat. „Ich mag sie alle gern und habe ein gutes Gefühl zu den Tieren“, erklärt er. „Aber es ist keine tiefergehende Bindung.“ Anders sei das bei den Falken, die er behält, um sie auszubilden. „Das ist eine emotionale Bindung. Und obwohl Falken eher distanziert sind, würde ich sogar von einer wechselseitigen Zuneigung sprechen.“

Stephanie Wilcke
Veröffentlicht von Stephanie Wilcke

Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über den 1. FC Nürnberg, Film/TV und liebt lokale Geschichten.