ESC: Das muss man wissen

Ein Musikwettbewerb, bei dem die Teilnehmer aus ganz Europa kommen: von Aserbaidschan bis Island, von Malta bis Norwegen. Mittlerweile präsentiert sich die abendfüllende Veranstaltung mit jahrzehntelanger Tradition in modern funkelndem Antlitz. Aus dem „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ ist der „Eurovision Song Contest“, kurz ESC, geworden. Zu gewinnen gibt es Ruhm, eine Trophäe und ein  ganz besonderes Zuckerl: Das Gewinnerland wird Austragungsort des nächsten ESC. Seit mehr als 60 Jahren gibt es den Musikwettbewerb. Was muss man alles wissen?

Die teilnehmenden Länder am ESC

Teilnehmen dürfen alle Länder, die Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sind. Auch einige nichteuropäische Länder sind Mitglied der Union, so zum Beispiel Israel. Jedes dieser Länder hat ein Recht auf die Teilnahme am Wettbewerb, es besteht jedoch keine Pflicht. Nach aktuellem Stand der Regeln qualifizieren sich die Länder für das Finale über zwei Vorentscheide. Nicht ins Halbfinale müssen die sogenannten „Großen Fünf“: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. Als Länder mit dem größten Anteil am Etat der EBU ist ihre Teilnahme am Finale bereits gesetzt.

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Grafik: Ludstock

„Germany, 12 Points“

Deutschland hat den ESC bisher zweimal gewonnen. Eine Gitarre und ein Hocker haben 1982 Nicole für den Sieg gereicht. Mit „Ein bisschen Frieden“ gewann die damals 17-Jährige den Wettbewerb im englischen Harrogate. Für sie ging die Karriere nach dem ESC erst so richtig los: fast 30 Studioalben, ein Echo.

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Foto: Lehtikuva Oy, dpa

In den darauf folgenden Jahren belegten die deutschen Teilnehmer vor allem immer wieder Plätze im Mittelfeld. So Nino de Angelo 1989 Platz 14 mit „Flieger“ oder die Münchener Freiheit 1993 Platz 18 mit „Viel zu weit“. Ein kleines Comeback gab es 1998 mit Guildo Horn, der es mit „Guildo hat euch lieb“ auf Platz sieben schaffte. Der Trend setzte sich fort: Stefan Raab schaffte es 2000 mit „Wadde hadde dudde da“ auf den fünften, Schlagersängerin Michelle mit „Wer Liebe lebt“ im Jahr darauf auf den achten Platz. Eingefleischte ESC-Fans vermeiden es über die darauf folgenden Jahre zu sprechen, der Grund: Platzierungen im Tabellenkeller.

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Foto: AFP
Platz 28 wäre nicht so geil. Alles ab zehn ist okay. Lena Meyer-Landrut, vor dem Finale

Erst 2010, also fast dreißig Jahre nach Nicole, schafft die damals 19-Jährige Lena Meyer-Landrut die Sensation. Mit einem großen Punktevorsprung ist schon gegen Mitte der Punktevergabe klar: Deutschland gewinnt zum zweiten Mal den ESC. Damals verzauberte Lena in ihrem schwarzen Kleidchen, ihrem eigenartigen englischen Akzent und dem unbeholfenen Tanzstil mit „Satellite“ ganz Europa. So sehr, dass sie gleich im darauffolgenden Jahr erneut antrat. Mit „Taken by a Stranger“ schaffte sie es auf einen guten zehnten Platz. Erfolgreich ist die Sängerin noch heute.

Es gibt keinen Grund, traurig zu sein, nein wirklich nicht. Es ist eine Sensation passiert, ich bin schockiert. Stefan Raab, nach dem Sieg von Lena

Nimmt man alle Platzierungen zusammen, dann kommt Deutschland in der Gesamtwertung auf Rang zehn. Immerhin haben schon 60 mal deutsche Künstler am Wettbewerb teilgenommen, dreimal war Deutschland Gastgeber. Doch im vergangenen Jahr dann der Tiefpunkt. Ann Sophie tritt mit „Black Smoke“ für Deutschland an und erreicht den letzten Platz – mit null Punkten. Die Übersicht der Gesamtwertung zeigt, welche Länder sich bisher ein Plätzchen auf dem Podest sichern konnten.

Grafik: openstreetmap/Ludstock

In diesem Jahr tritt die 18-Jährige Jamie-Lee Kriewitz mit „Ghost“ für Deutschland in Stockholm an. Bereits 2015 gewann die Niedersächsin die Castingshow „The Voice of Germany“. Ihre Outfits und ihr Styling sind Jamie-Lee wichtig: Sie kleidet sich im sogenannten Decora-Kei-Stil, der von japanischen Mangas inspiriert ist.

Von Mr. Grandprix über Céline Dion zu anderen Kuriositäten

Ohne Ralph Siegel kein ESC: Er gilt als Mr. Grandprix. Er ist Verleger, Textdichter, Musiker, Komponist und Produzent – und hatte so allein 14 Mal seine Finger für Deutschland im Spiel. Er komponierte auch Nicoles „Ein bisschen Frieden“. Mittlerweile ist der Komponist vor allem für die europäische Konkurrenz tätig. Seit 2004 komponierte er bereits für Malta, Montenegro, die Schweiz und San Marino. Und in den deutschen Vorentscheid hat er es 2016 auch geschafft. Doch seine Komposition „Under The Sun We Are One“ von Laura Pinski konnte sich nicht durchsetzen.

Einige große Namen des Showgeschäfts haben schon am ESC teilgenommen. Teilweise wurden sie so sogar bekannt. So gewann 1965 Udo Jürgens für Österreich mit „Merci Chérie“ den damals noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ genannten Wettbewerb. Dass Abba 1974 mit „Waterloo“ nicht nur in Brighton gewann, sondern so auch eine Weltkarriere ins Rollen kam, dürfte den meisten bekannt sein. Eher vergessen dürfte mittlerweile sein, dass Céline Dion 1988 für die Schweiz an den Start ging – und in Dublin gewann. Auch in Deutschland bekannte Künstler waren schon beim ESC dabei, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. So vor einigen Jahren die No Angels oder Cascada.

Die vergangenen Jahre waren vor allem von Kuriositäten geprägt. Den Anfang machten aus deutscher Sicht sicherlich Guildo Horn und Stefan Raab. An die halbnackten Damen rund um Ruslana kann sich wohl auch noch jeder erinnern, die 2004 für die Ukraine im Kriegerinnen-Style den Sieg holten.  Oder wer erinnert sich nicht auch noch an die Grusel-Schock-Rocker von Lordi, die für Finnland 2006 mit „Hard Rock Halleluja“ gewannen. Der Wettbewerb bewegt. Nicht zuletzt durch Conchita Wurst, die 2014 den Titel nach Österreich holte: Mit Abendkleid und Bart.

Unter Fans gibt es immer wieder die Theorie, dass viele Länder gerade in den Anfangsjahren des Wettbewerbs erfolgreich waren, weil sie in ihrer Landessprache gesungen haben. Der Grund: Von 1966 bis 1972 und von 1977 bis 1998 galt die Regel, dass jeder Künstler in seiner Landessprache singen muss. Die These: Gerade deswegen hätten in diesen Jahren vor allem Künstler aus Irland, Großbritannien und Frankreich oft gewonnen. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Seit 1999 darf jeder wieder in der Sprache seiner Wahl singen. In den ersten Jahren haben davon auch tatsächlich die meisten der Gewinner Gebrauch gemacht. Doch es gab auch Ausnahmen: So 2007, als Marija Šerifović für Serbien gewann, mit serbischem Text.

Die perfekte Vorbereitung für den ESC am Samstagabend

Wer am Samstag den kompletten Durchblick haben will, muss sich mit der Punktevergabe beschäftigen, da es in diesem Jahr Änderungen gibt. Jede nationale Jury präsentiert zunächst ihre Wertung für einen Künstler. Wie bisher auch, geschieht das mit den Punkten von eins bis acht, sowie den Punkten zehn und zwölf. Bei der Punktevergabe verkünden die Sprecher der jeweiligen Ländern – live dazu geschaltet – diese dann. Das war bisher schon so. Auch die Zuschauer stimmen ab und vergeben diese Punkte. Alle Punkte der Zuschauer werden addiert und vom Moderator verkündet – beginnend mit dem Land, das die wenigsten Punkte erreicht hat. Das Land mit den meisten Punkten erhält zuletzt seine Punkte. So soll der Gewinner erst im letzten Moment des ESC bekannt werden. Anders als in den Vorjahren – da stand teilweise schon recht früh fest, wer gewinnt.

Zusammengefasst: Jedes Land kann künftig 24 Punkte verteilen, 12 durch die Jury, 12 durch die Zuschauer. Diese werden dann getrennt verkündet. Was hat sich geändert? Zuvor wurden beide Wertungen verrechnet und als kombiniertes Ergebnis bekannt gegeben. Das Besondere: Die Zuschauer erfahren so nicht, aus welchem Land die einzelnen Punkte kommen. Das ist nun erst nach der Sendung möglich.

In der deutschen Jury sitzen übrigens Sarah Connor, Anna Loos, Namika und die Jungs von The BossHoss.

Im Liveblog dabei sein

Gezeigt wird das Finale des Eurovision Song Contest am Samstag ab 21 Uhr in der ARD. Wer noch überzeugt werden muss, sich diese bunte und unterhaltsame Show anzusehen: Justin Timberlake tritt auf. Wer wissen will, welche Auftritte gut ankommen, welche Outfits durchfallen und welche Lieder überzeugen, sollte sich den Live-Blog auf donaukurier.de nicht entgehen lassen.

Melissa Ludstock
Veröffentlicht von Melissa Ludstock

Hat im Oktober 2015 ihr Volontariat beim Donaukurier begonnen, ist seit April 2017 Online-Redakteurin. Dreht und schneidet am liebsten Videos, mag lokale Geschichten und ist gerne vor Ort, um zu berichten. Ihre Geschichten findet die Neu-Ingolstädterin nicht nur auf Twitter, Youtube und Co., sondern auch unterwegs.