Ein Leben mit dem Herzschrittmacher

Philipp Glossner ist ein aufgeweckter Drittklässler, spielt in der U 9 beim SV Kasing Fußball und geht fröhlich durchs Leben. Dennoch ist der Achtjährige etwas Besonderes: Wenige Wochen nach der Geburt bekam er einen Herzschrittmacher.

Konzentriert führt Philipp Glossner den Ball um drei gelbe Hütchen. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, zieht um das letzte Hindernis, holt aus und schiebt den Ball in die linke obere Ecke des Torkastens. „Super“, ruft Trainer Jens Thirmeyer. Dass Philipp das einmal kann, Fußbälle durch die Gegend schießen und ganze Turniere der U 9 durchstehen, das hätte vor acht Jahren niemand gedacht: Er kam mit einem Herzfehler zur Welt und trägt seitdem einen Herzschrittmacher. Davon merkt man heute nichts: Der dunkelblonde drahtige Fußballer grinst seinen Trainer, der ihn gerade so gelobt hat, über beide Ohren an und startet zur nächsten Runde. Es ist Mittwochnachmittag. Am Fußballplatz des SV Kasing läuft die F-Jugend zum Wochentraining auf. Maria Glossner sitzt mit ihrem Mann Jakob am Rande des Spielfelds und beobachtet die Szene. Hätten sie sich das träumen lassen? Nein.

Kaum auf der Welt,
schon am Herzen operiert

An jenem 15. Januar schon gar nicht. Für Glossners steht der Kaiserschnitt ihres zweiten Sohnes in der Köschinger Klinik an – und ein Tag, der ihr Leben komplett verändern soll. Oder doch nicht? Philipp kommt mit einer „Transposition der Großen Gefäße“ zur Welt, Aorta und Lungenschlagader entsprangen der falschen Herzseite. Eine Hiobsbotschaft für die Familie. „Herzfehler, Herzfehler, wir kennen niemanden mit so etwas“, erinnert sich die Mutter. Damals. Heute ist das anders. Man tauscht sich aus.

Die anatomischen Probleme sind längst repariert. Es war ein kleiner Eingriff, Routine für die Ärzte am Münchner Herzzentrum, dort, wo jedes Jahr rund 550 Kinder herzchirurgisch behandelt werden, mehr als 200 im ersten Lebensjahr. Aber die Operation hat große Folgen für Philipp. Bei dem Eingriff wenige Wochen nach seiner Geburt verletzen die Ärzte ein Gefäß, der erst wenige Wochen alte Säugling braucht einen Herzschrittmacher. „Des is a Gerät, das schickt so Impulse an mei’ Herz, damit’s schlogt“, erklärt der leidenschaftliche FC-Bayern-Fan heute, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, und hält ein silbernes Gerät in die Höhe. Es hat die ersten Monate seines Lebens seinen Herzrhythmus bestimmt. Mittlerweile schickt das dritte Gerät in seinem Brustkorb elektrische Impulse in sein Herz.

Siebenmal im OP-Saal

Vor vier Jahren, als wir den den Buben zum ersten Mal besucht haben, war es seine Mama, die Rede und Antwort stand, die seine Geschichte und die aktuelle Situation erzählt hat. Jetzt, nach dem Training zurück am Kaffeetisch der Familie in Kasing bei Kösching (Kreis Eichstätt), grinst Philipp wie ein Honigkuchenpferd, als Maria Glossner das Erzählen über die letzten Jahre beginnen will. Bevor er sich die Erdbeere von der Kuchenschnitte mopst, unterbricht er sie und winkt ab. „Lass’ nur, das kann ich schon alles selber.“ Selbstbewusst ist er geworden, kein bisschen reserviert. Merkt er etwas von seinem Schrittmacher? „Naaaaa“, sagt er. „Ich schwitz’ halt schneller als die anderen und muss mal zwischendurch a’ Pause machen.“

„Des is a Gerät, das schickt so Impulse an mei’ Herz, damit's schlogt“ Philipp Glossner

Philipp ist eines von 7000 Kindern, die jedes Jahr in Deutschland mit einem Herzfehler zur Welt kommen. Und die sich teilweise lebenslang den Ärzten, den Krankenhäusern und den Operationen stellen müssen. „Sechsmal haben wir schon…“, setzt Mutter Maria an und wird sofort energisch von ihrem Sohn unterbrochen. „Mama, sieben waren es, sieben Operationen!“ Das alles gehört zu seinem Leben. Und begleitet den Alltag. Da bleibt es auch nicht aus, dass besondere Lebensabschnitte mit solchen Erinnerungen verbunden sind, wie jene erste Schulwoche. Kaum war der frisch gebackene Abc-Schütze stolz mit Schulranzen und Schultüte in die Köschinger Rudolf-Winterstein-Schule getippelt, lag er schon wieder im Münchner Herzzentrum, weil am Schrittmacher etwas nicht stimmte. Aber „mei, ist halt so“, sagt er lapidar.

„Ein verlässlicher Junge“

Wenn er dann von einem der Krankenhausaufenthalte zurückkommt in die Schule, dann sind die Kameraden neugierig. „Da muss ich dann schon erzählen was los war.“ Er ist halt doch etwas Besonderes. Aber „ein zugänglicher und verlässlicher Junge“, wie ihn seine Lehrerin Sabine Demmelmeier beschreibt. „Man merkt nichts, er ist wie andere Kinder auch.“ Und er wisse, wann er sich seine Auszeit nehmen muss.

„Was habe ich Gedanken gehabt“, erinnert sich Maria Glossner. Dass Philipp keine Freunde findet, weil er nicht so mitkommt, dass ihn keine Familie ’mal zum Spielen mit nach Hause lässt, weil die anderen Mütter Angst haben. „Und? Was ist heute? Nichts!“ Ein ganz normales Leben. „Da gibt es nichts, wo man den Kopf in den Sand stecken muss“, sagt sie. Philipp lebt mit seiner „Bauchmaschine“, wie sein älterer Bruder Felix (11) den Herzschrittmacher immer bezeichnet hat, ein nahezu normales Leben.

An der OP-Schleuse

Felix legt dem Jüngeren die Hand auf den Arm und streichelt ihn. „Ich pass immer gerne auf ihn auf“, sagt er. Dem sonst so wackeren Kerl schießen Tränen in die Augen, greift fester zu. Vielleicht kommt ihm gerade jener Moment in Erinnerung, den er nur aus einer Erzählung kennt. Als seinem Bruder vergangenes Jahr die bislang letzte OP bevorsteht, will der ihn unmittelbar vor der OP-Schleuse im Herzzentrum noch einmal sehen, aber Felix ist in der Schule. „Ich habe ihm das erklärt, warum das jetzt nicht geht“, weiß Maria Glossner. Aber der sonst so aufgeweckte, fröhliche Junge lässt nicht locker und sagt den Satz, vor dem jedes Elternpaar in so einer Situation am meisten selbst Angst hat. „Wenn ich jetzt aber nicht mehr aufwache, sehe ich ihn nie mehr wieder…“ Was willst du da noch groß sagen, außer dein Kind drücken, ihm dein eigenes Gottvertrauen mit auf den Weg geben und sich dessen bewusst werden, was Philipp so auszeichnet: seine unendlich große Fröhlichkeit.

„Ich pass immer gerne auf ihn auf“ Felix Glossner

Der Starke

Philipp ist keiner, der leidet, der mit dem Ganzen hadert. „Er ist der starke in unserer Familie“, sagt die Mama. Wenn es dunkel ist, wenn die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte einmal wieder für kurze Zeit den Alltag bestimmen. „Er holt uns wieder raus, er sagt uns, dass es weitergeht.“ Dass er Radlfahren kann wie der große Bruder, von der Köschinger Schule bis heim nach Kasing – für Philipp eine leichte Übung, denn erst bei der jüngsten Untersuchung im Münchner Herzzentrum vor einigen Wochen bescheinigten ihm die Ärzte: „Ich bring’ die gleiche Leistung wie ein Junge, der koin Herzfehler hat“, sagt Philipp, stolz und verlegen zugleich. Das Belastungs-EKG hat gezeigt, sogar ein bisschen besser.

Mit gutem Schuss

„Für uns ist das überhaupt kein Thema“, sagt U-9-Trainer Jens Thirmeyer. Eigentlich würde der kleine Nachwuchsfußballer, der ein leidenschaftlicher Anhänger von Philipp Lahm und Jérôme Boateng ist, gerne im Sturm spielen. Aber, „ich setze ihn als Libero ein, weil er einen unwahrscheinlich starken Schuss hat“.

Marco Schneider
Veröffentlicht von Marco Schneider
Marco Schneider ist Redakteur beim EICHSTÄTTER KURIER