Diabetes – Auf dem süßen Weg zur Volkskrankheit

In Deutschland leiden sieben Millionen Menschen an Diabetes Typ 2, weltweit sind es sogar 350 Millionen. Und die Zahl wird weiter rasant ansteigen: Bis 2030 werden in Deutschland rund 1,5 Millionen mehr Deutsche Diabetes haben als noch 2010. Wie konnte es soweit kommen? Auf der Suche nach Ursachen und Lösungen für eine Volkskrankheit, die nicht nur die Gesundheit der Betroffenen belasten wird – sondern die gesamte Gesellschaft.

Seit 28 Jahren lebt Elisabeth Göbel nun schon mit ihrem Diabetes. Ganz schleichend kam die Krankheit, als die Ingolstädterin gerade 50 Jahre alt geworden war. „Ich habe immer so viel Durst gehabt“, erinnert sie sich.

Als sie schließlich zum Hausarzt ging, erhielt sie die schockierende Diagnose: Diabetes Typ 2. Seitdem muss Elisabeth Göbel morgens, abends sowie zu jeder Mahlzeit Tabletten einnehmen. Diese verhindern, dass die Durchblutung der Beine und Füße durch den Diabetes gestört wird. Würde die Rentnerin ihre Medikamente weglassen, hätte sie bald Geschwüre und chronische Wunden an den Beinen – und im schlimmsten Fall müssten ihre Füße sogar amputiert werden. Dennoch ist die 78-Jährige vergleichsweise gut dran: Sie kommt bislang ohne Insulinspritzen aus und kann sich normal ernähren.

Warum Elisabeth Göbel erkrankt ist, wurde zur Zeit der Diagnose nicht hinterfragt. „Man hat mir nicht erklärt, warum ich krank geworden bin“, erzählt die Rentnerin. Im Nachhinein ist sie sich aber ziemlich sicher, dass es wohl vor allem mit ihrem hohen Zuckerkonsum zu tun hatte. „Ich hätte nicht so viele süße Sachen essen sollen“, meint sie heute.

Zucker gilt als eine Hauptursache für Diabetes 

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Michael Hiebl ist Berater für Diabetes und hat im Mai das Diabetes-Geschäft 'Zückerli' in Ingolstadt eröffnet.
Michael Hiebl arbeitet als Diabetes-Berater und hat im Mai dieses Jahres den Diabetes-Laden 'Zückerli' in Ingolstadt eröffnet. - Foto: Jessica Roch

Michael Hiebl ist überzeugt, dass hoher Zuckerkonsum einer der wichtigsten Auslöser für Diabetes Typ 2 ist. „Bei der Krankheit sind zwar 20 bis 40 Prozent vererbbar – aber, wenn man den Zucker in der Ernährung reduzieren würde, könnte man der Entstehung von Diabetes sicherlich entgegenwirken“, erläutert er. Das sei allerdings leichter gesagt, als getan: „Bei unserem Lebensstil ist es sehr schwierig, Zucker zu meiden. In vielen Lebensmitteln, vor allem in Fertigprodukten, ist Zucker enthalten, ohne dass wir es merken.“

Anders als Diabetes Typ 1 tritt Typ 2 meist erst im fortgeschrittenen Alter auf (wobei die Anzahl junger Erkrankter in der letzten Zeit steigt). Man geht davon aus, dass die Krankheit durch einen ungesunden Lebenswandel begünstigt wird. Wer also an Übergewicht leidet, sich ungesund ernährt und sich zu wenig bewegt, erhöht sein Risiko durch Diabetes Typ 2.

Die Symptome sind am Anfang recht unscheinbar: Man ist durstig und muss häufig auf die Toilette. Zudem können trockene Haut, Müdigkeit und ein schlechtes Immunsystem ein Anzeichen für die Erkrankung sein. Ein einfacher Bluttest kann hier für Gewissheit sorgen.

Der Vorteil bei dieser Diabetes-Form: Man kann die Krankheit mit gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung so in den Griff bekommen, dass man die Medikamente auf niedrige Dosis herunterschrauben oder manchmal sogar ganz weglassen kann.

Genau das prangert auch die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch an. So berichtet Foodwatch von einer Studie der Harvad School of Public Health aus dem Jahr 2010. Das Ergebnis dieser Studie: Erwachsene, die ein bis zwei Dosen zuckerhaltiger Softdrinks am Tag konsumieren, haben ein um 26 Prozent höheres Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken als Erwachsene, die seltener Softdrinks trinken.

Susanna Hofmann, die am Münchner Helmholtz Institut zum Thema Diabetes forscht, kann das bestätigen. „Diabetes Typ 2 hat in unserer Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Das hängt definitiv mit der westlichen Ernährung zusammen“, sagt sie.

Vor allem stark verarbeitete Lebensmittel, wie Fertiggerichte und Softdrinks enthielten viele Kalorien durch Zucker – und damit komme unser Körper nicht mehr klar. „Unsere Bauchspeicheldrüse produziert Insulin. Damit können wir den Zucker aus unserer Nahrung verwerten und in unsere Zellen transportieren. Dort wird er in Energie umgewandelt.“

Das Problem dabei: Unser Verdauungssystem ist die Kost von vor hunderten Jahren gewohnt. Ein Apfel ist daher für ihn kein Problem – ein halber Liter Limonade aber schon: „Da ist so viel Zucker enthalten, dass unser Blutzucker sofort nach oben schnellt. Um ihn wieder auf Normalniveau zu bringen, muss unsere Bauchspeicheldrüse sehr viel Insulin ausschütten. Auf Dauer ist das Organ daher so gestresst, dass dieses System nicht mehr funktioniert“, erklärt Hofmann.

Softdrinks enthalten sehr viel Zucker - das kann vor allem bei Kindern Diabetes fördern. Foto: dpa

Da nicht nur in Softdrinks, sondern in zahlreichen Lebensmitteln Zucker versteckt ist, nehmen wir immer mehr davon auf, ohne es zu merken. „Studien haben gezeigt, dass man mehr isst, wenn in einer Speise Zucker enthalten ist. Und genau das will die Lebensmittelindustrie ja erreichen – deshalb fügt sie den Speisen Zucker zu“, berichtet Hofmann. Aus diesem Grund befürwortet sie die Einführung einer Zuckersteuer: „Man sollte nichts unversucht lassen, um die Menschen zu einem gesünderen Verhalten anzuleiten.“

Denn Diabetes sei nicht nur fatal für die Gesundheit des Einzelnen, vielmehr belaste sie auch immer mehr das Gesundheitssystem. Die Kosten für Beratung und Behandlung Erkrankter sind enorm. Sie müssen jedoch von der gesamten Bevölkerung getragen werden – auch den Menschen, die auf gesunde Ernährung und genügend Bewegung achten. Und die Kosten werden nicht weniger werden: Täglich erhalten rund 700 Deutsche die Diagnose Diabetes Typ 2.

Widerstand gegen Einführung einer Zuckersteuer

Foodwatch kämpft ebenfalls für die Einführung einer Zuckersteuer. Der Vorschlag der Verbraucherschutzorganisation: Man könnte eine Steuer auf Zucker einführen und im Gegenzug gesundes Essen steuerlich besser stellen. So käme es insgesamt nicht zu einer Verteuerung von Lebensmitteln. Doch der Widerstand gegen eine solche Steuer in der Politik ist groß.

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Eine Zuckersteuer würde Süßigkeiten teurer machen - aber gesunde Lebensmittel dafür günstiger. Foto: dpa
Eine Zuckersteuer würde Süßigkeiten teurer machen - aber gesunde Lebensmittel dafür günstiger. Foto: dpa

Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) – der übrigens auch das Ministerium für Landwirtschaft leitet – hält nichts von einer Zuckersteuer. „Das ist der falsche Weg. Mein Ziel ist es, die Menschen von einem gesunden Lebensstil zu überzeugen und nicht zu zwingen“, stellt er klar. Auch behauptet er, dass die Einführung einer solchen Steuer nichts bringe. Doch diesem Argument widerspricht Foodwatch vehement. „Erfahrungen aus anderen Ländern belegen die Lenkungswirkung. In Mexiko, Frankreich oder in der US-amerikanischen Stadt Berkeley ging der Zuckergetränke-Konsum nach Einführung einer Sondersteuer auf zuckerreiche Getränke zurück“, berichtet Foodwatch-Experte Oliver Huizinga. 

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält es für wissenschaftlich bewiesen, dass eine Sonderabgabe in Höhe von 20 Prozent des Verkaufspreises den Konsum der Produkte um etwa 20 Prozent reduzieren würde. Damit könne man laut WHO der Entstehung von Diabetes vorbeugen.

Diabetes vorbeugen mit gesunder Lebensweise

So lange aber keine Zuckersteuer kommt, gibt es nur ein Rezept gegen die Krankheit: Gesunde Ernährung und Bewegung. „Man sollte so nah wie möglich an der Natur bleiben“, rät die Diabetes-Forscherin Susanna Hofmann. Das heißt: Keine Fertigprodukte, Süßigkeiten oder Softdrinks – stattdessen mehr Gemüse, Obst und Wasser. Je weniger Zutaten beziehungsweise Inhaltsstoffe ein Lebensmittel hat, desto besser.

Zudem rät die Expertin dazu, die benötigten Kalorien von einem Kalorienrechner berechnen zu lassen und diese nicht zu überschreiten. Daneben ist Bewegung essentiell. „Mindestens eine halbe Stunde am Tag muss das schon sein“, sagt Hofmann. Ob man nun einen ausgiebigen Spaziergang im herbstlichen Wald macht oder morgens und abends eine intensive Einheit mit 100 Hampelmännern, bleibt jedem selbst überlassen. Hauptsache, man gerät dabei ein wenig ins Schwitzen.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch
Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.