Deutsche Sprache, schwere Sprache

Wer seine Sprache nicht achtet und liebt, kann auch sein Volk nicht achten und lieben: Dies sagte einst der deutsche Schriftsteller und Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt und hatte damit sicher recht. Doch die eigene Sprache zu achtenvor allem ihre grammatikalischen Regeln und Eigenartenist manchmal gar nicht so einfach. Schließlich heißt es über das Deutsche nicht grundlos: deutsche Sprache, schwere Sprache. Artikel, Kommasetzung und Großund Kleinschreibung sorgen bei ausländischen Deutschlernenden regelmäßig für Verzweiflung sowie den ein oder anderen Tobsuchtsanfall. Allerdings sind es nicht nur Sprachanfänger, die hin und wieder auf Kriegsfuß mit der deutschen Sprache stehen. Denn es gibt im Deutschen so einige Stolpersteine, dank derer sich auch Muttersprachler regelmäßig sinnbildlich auf die Nase legen.

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Oh du böse Kommasetzung

Beginnen wir mit etwas, das selbst die belesensten Grammatikversessenen manchmal zur Verzweiflung bringen kann, nämlich die deutsche Kommasetzung. So viele Regelungen, Sonderregelungen und Ausnahmen von besagten Regelungen und Sonderregelungen machen den armen Deutschen das Leben schwer. Manch einer macht es sich da leicht und tut es einfach den Engländern nach, diebis auf einige festgeschriebene Regelndas Komma einfach dann setzen, wenn es zu passen scheint und sich gut anhört. Merke: Wo du beim Sprechen eine Pause machst, da kann auch ein Komma hin. Im Deutschen ist das aber anders. Und das richtige Setzen von Kommata ist wichtig, denn, was viele möglicherweise nicht wissen:
Das richtige Komma kann Leben retten! Das glauben Sie nicht? Dann vergleichen Sie doch mal folgende Sätze:

1. Komm, wir essen, Oma.
2. Komm, wir essen Oma.

Der erste Satz endet hierbei damit, dass die Familieinklusive der Großmutteram Tisch Platz nimmt und gemeinsam den Sonntagsbraten genießt. Ergebnis des zweiten Satzes ist es dagegen, dass Oma selbst zum Braten verarbeitet wird und auf den Tellern landet. In diesem Fall wäre Oma wohl sehr dankbar über die richtige Kommasetzung.

Auch mit der richtigen Betonung kann über Leben und Tod entschieden werden:

1. Lass uns Oma umfahren.
2. Lass uns Oma umfahren.

Zweimal exakt derselbe Satz, der aber, je nach Betonung des Worts „umfahren“, völlig gegensätzliche Bedeutungen haben kann. In einem der Fälle spaziert Oma da fröhlich weiter über die Straße, während die Enkelkinder mit dem Auto einen weiten Bogen um die alte Dame machen. Im anderen halten die Kinder dagegen voll drauf zu und machen die arme Oma platt.

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Wenn doch der/die/das Artikel nicht wär

Womit die Muttersprachler weniger Probleme haben, die armen Deutschlernenden allerdings schwer hadern müssen, sind die bösen Artikel: der, die und das. Völlig willkürlich scheint es zu sein, dass der Stuhl männlich, die Sonne weiblich und das Haus sächlich ist.
Auch kann der Artikel vor einem Wort dessen Bedeutung gänzlich ändern: So essen wir zum Beispiel DEN Weizen und DAS Korn. Getrunken wird stattdessen aber DAS Weizen und DER Korn. Für Deutsch-Anfänger kann das nachvollziehbarerweise für allerlei Verwirrung sorgen. Ebenso haarsträubend wird es für einen armen Deutschen, der einem Ausländer erklären muss, warum denn nun DAS Mädchen im Deutschenrein sachlich gesehenweniger weiblich ist als DIE Tasse. Selbstverständlich gibt es dafür eine logische Erklärung: Das Mädchen ist ein sogenannter „Diminutiv“, also eine verniedlichende Verkleinerungsform, und die sind im Deutschen nunmal sächlich. Mag einleuchtend klingen, lässt sich aber so manchen Ausländer an die Stirn fassen.

Schon der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, bekannt für Werke wie „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ und „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ beschwerte sich im Jahr 1880 über die „schreckliche deutsche Sprache“ ( „The Awful German Language“). In seinem satirischen Essay verkündet er, es gäbe keine Sprache, die so ungeordnet und unsystematisch sei wie die deutsche. Zu jeder Regel in der deutschen Sprache gäbe es mehr Ausnahmen als Beispiele für sie. Und auch an den bösen deutschen Artikeln lässt er kein gutes Haar. In dem Versuch, die Absurdität der Verteilung deutscher Artikel auch einem Englischsprachigen zu verdeutlichen, übersetzte er kurzerhand einen deutschen Text ins Englische. Dabei übernahm er aber neben der deutschen Groß- und Kleinschreibung auch die Geschlechter der Artikel.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus seinem „Tale of the Fishwafe and its sad Fate“ (Die Geschichte des Fischweibs und seinem traurigen Schicksal). Dieses klingt auf Deutsch noch völlig logisch:

Ah, das arme Fischweib, es steckt im Sumpf fest; es hat seinen Korb mit Fischen fallen lassen; und seine Hände haben sich an den Schuppen geschnitten, als es einige der fallenden Kreauren packte; eine Schuppe ist sogar in seinem Auge gelandet, und es kriegt sie nicht mehr raus. Es öffnet seinen Mund um nach Hilfe zu rufen, doch sollte irgendein Laut aus ihm hervorkommen, geht er im Wüten des Sturms unter.

Klingt doch alles einleuchtend. Hier jetzt aber die „denglische“ Übersetzung von Twains kleinem Märchen:

„Ah the poor Fishwife, it is stuck fast in the Mire; it has dropped its Basket of Fishes; and its Hands have been cut by the Scales as it seized some of the falling Creatures; and one Scale has even got into its Eye, and it cannot get her out. It opens its Mouth to cry for Help; but if any Sound comes out of him, alas he is drowned by the raging of the Storm“

Hä? Wer steckt jetzt wo fest? Und was kriegt wer nicht wo raus? Und wer ertrinkt im wütenden Sturm? Ein Wunder ist es, dass wir Deutschen bei den vielen Artikeln den Durchblick behalten können.

Groß- und Kleinschreibung

Und von der Groß- und Kleinschreibung wollen wir gar nicht erst anfangen. Denn auch diese hat so ihre Tücken, kann sie doch den Sinn eines Satzes komplett verändern:

1. Der Gefangene floh.
2. Der gefangene Floh.

So stellt man sich beim ersten Satz einen Gefängnisausbruch vor, während einem beim zweiten das Bild eines armen, eingesperrten Insekts vor Augen kommt.
Auch bei der folgenden Aussage entscheidet die Groß- und Kleinschreibung über den Sinn, nämlich darüber, ob eine Gartenliebhaberin das grüne Gras bewundert, oder ob ihr Lover am Fenster vorbeiflitzt:

1. Draußen sah sie ihren geliebten Rasen.
2. Draußen sah sie ihren Geliebten rasen.

Doch das alles sind Eigenarten der deutschen Sprache, die von einem großen Teil der Deutschen mehr oder minder vernünftig umgesetzt werden. Dagegen gibt es einige Dinge, die viele Deutsche, egal in welchem Alter, immer wieder gern und oft falsch machen.

Alle lieben Englisch

Denn zum Einen sind wir Deutschen offensichtlich große Fans der englischen Sprache. Anglizismen gehören mittlerweile fest zu unserem täglichen Sprachgebrauch: Wir geben Feedback, surfen auf Social Media Seiten und finden Dinge cool oder neuerdings auch mal nice. An allen Ecken und Enden gibt es außerdem Grußkarten oder Accessoires, die mit deutschen Weisheiten bedruckt sind, welche wortwörtlich ins Englische übersetzt wurden. Diese sind zwar grammatikalisch in der Regel so falsch, dass es jeden englischen Sprachkenner gruselt, aber witzig sind sie dennoch. Allerdings scheint es den Deutschen auch das englische Apostroph angetan zu haben. So juckt es hin und wieder den ein oder anderen Deutschen in den Fingern, bei Pia’s Haus vorbeizuschauen, und zwar mit Papa’s Auto, obwohl sich da bei jedem halbwegs grammatikversessenen Sprachliebhaber sämtliche Haare sträuben. Klar, Kneipen und andere Läden verwenden das Apostroph heutzutage fast schon inflationär, bei Silke’s Schmuckladen und Peter’s Bäckerei. Theoretisch ist die Verwendung eines Apostrophs aber nur dann sinnvoll, wenn es sonst zu Verwirrungen bezüglich der Frage käme, wem denn jetzt das Ganze gehört. Da sich der Kunde bei „Andreas Friseursalon“ also vielleicht wundern könnte, ob der Ladenbesitzer nun ein Mann oder eine Frau ist, betritt er stattdessen eben „Andrea’s Friseursalon“. Zumal ein Friseurladen von einem Herrn Andreas übrigens eigentlich „Andreas‘ Friseursalon“ heißen müsste. Aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Man kann es aber auch so sehen:


Auch andere Dinge werden aus dem englischen Sprachgebrauch übernommen. Doch auch wenn die Deutschen gerne wollen, dass die Dinge Sinn „machen“, können sie bei uns eigentlich nur Sinn „ergeben“ oder „haben“. Und wenn ein Deutscher etwas für seine Freundin tut, dann macht er es nicht „wegen ihr“, sondern „ihretwegen“.

Im Steigerungswahn

Doch kehren wir nun dem Englischen den Rücken. Denn auch ohne dessen Hilfe gibt es genug Kuddelmuddel im deutschen Sprachgebrauch.
So steigern die Deutschen zum Beispiel gern Wörter, die man eigentlich gar nicht steigern kann oder aber wir steigern Wörter gleich doppelt, einfach weil es so viel Spaß macht. Wenn eine Frau aber beispielsweise allein in einem Raum steht, ist sie dort als Einzige, und nicht als Einzigste. Auch erzielen Unternehmen nicht den größtmöglichsten Gewinn, sondern den größtmöglichen.
Allerdings fühlt man sich vielleicht gleich besser bei dem Wissen, dass auch mit Autoren großer deutscher Klassiker manchmal das Ego durchgegangen ist und diese meinten, die Steigerung der Steigerung gefunden zu haben. So schrieb schon Goethe im späten 18. Jahrhundert in „Faust“: „Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!“.
Dennoch sollte man solche Fehler nicht weitestgehenst, sondern besser weitestgehend vermeiden.

Das Problem mit der falschen Steigerung beschäftigt aber übrigens nicht nur uns Deutsche. Selbst Genie und Publikumsliebling Sheldon Cooper aus der US-amerikanischen Sitcom The Big Bang Theory fühlt sich in der 20. Folge der zweiten Staffel dazu gezwungen, seinen Freund und Comicladenbesitzer Stuart darüber zu belehren:

„Sheldon, da liegst du mehr als falsch“, teilt da Stuart seinem Freund Sheldon im Streit mit.

„Mehr als falsch?“ entgegnet dieser daraufhin. „‚Falsch‘ ist ein absoluter Zustand und kann daher auch nicht gesteigert werden.“

Stuart ist da allerdings anderer Meinung: „Na klar geht das. Ein bisschen falsch ist zu sagen, die Tomate sei ein Gemüse, mehr als falsch wäre zu sagen, sie sei eine Hängebrücke.“

Dies mag in der Theorie zwar ganz logisch klingen und für den Zuschauer durchaus amüsant sein. Letztenendes hat Sheldon aber recht. Denn falscher als falsch kann etwas nunmal nicht sein, auch wenn es einem manchmal so vorkommen mag.

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Aber wir Deutschen brauchen uns keine Sorgen zu machen. Im Durchschnitt sind wir nämlich nicht dümmer als andere Nationen. Denn auch dort haben die Menschen immer wieder Schwierigkeiten mit der eigenen Sprache. Und so regen wir uns alle überall hin und wieder über scheinbar sinnlose und unnötig komplizierte Regelungen auf und möchten am liebsten laut herausbrüllen: I understand only trainstation! Letztenendes kann man seine Sprache aber auchin Gedanken an Arndtlieben und achten und trotzdem hin und wieder keinen Sinn „machen“ mit dem geringstmöglichsten Aufwand.

Wie gut sind Ihre Grammatikkenntnisse? Testen Sie sie hier im Quiz!

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Veröffentlicht von Charlotte Schmiegel