Der kleinste Herzschrittmacher der Welt

Die Beine der zierlichen Frau stecken in warmen Hausschuhen. Apollonia Grages lässt sie unbeschwert in der Luft baumeln, als wäre sie ein Kind. „Ich bin wie neu geboren“, sagt Apollonia Grages und lacht. Die 81-Jährige ist die erste Patientin, der in Ingolstadt der kleinste Herzschrittmacher der Welt implantiert wurde. Er ist ungefähr so groß wie eine Vitamintablette.

„Ich konnte mir das gar nicht vorstellen“, sagt die Frau aus Beilngries. Immerhin ist ein gewöhnlicher Schrittmacher fast zehnmal so groß. Grages deutet auf ein Informationsblatt. Darauf abgebildet ist der gewöhnliche Herzschrittmacher, daneben das kleinere Modell. Stolz erklärt sie: „Bei dem herkömmlichen Gerät ist ja die Elektrode noch extra dran mit einem Schlauch, der die Impulse ans Herz abgibt.“ Dann zeigt sie auf das Bild des neuen Geräts: „Das ist jetzt alles nicht mehr nötig. Die Elektrode ist in dem kleinen Gehäuse drin, das will man gar nicht glauben.“

Eine Kapsel für Impulse

„Unser Herz pumpt eigentlich erst, wenn es elektrisch erregt ist“, erklärt Professor Karlheinz Seidl, Direktor der Medizinischen Klinik I im Klinikum Ingolstadt. Dafür verantwortlich sei ein elektrisches Leitungssystem, so Seidl. Die elektrischen Impulse entstehen im Herzen selbst. Und erst wenn der elektrische Strom durch das Herz geflossen ist, fängt es an zu pumpen. „Ich sage immer: Ohne Elektrik geht es nicht“, erklärt Seidl. Ist dieser Impuls gestört, muss ein Schrittmacher nachhelfen. Der hilft dabei, einen langsamen oder unregelmäßigen Puls anzuheben. Davon betroffen sind viele Menschen in Deutschland: Im Schnitt werden laut Deutschem Herzschrittmacher-Register mehr als 75 000 Geräte pro Jahr implantiert.

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Der herkömmliche Herzschrittmacher im Vergleich mit der kleineren Kardiokapsel. Foto: Cornelia Hammer

Herkömmliche Schrittmacher bestehen aus einer Batterie, die unter der Haut unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt wird. Über eine Sonde, die über die Schlüsselbeinvene zum Herzen vorgeschoben wird, wird der Impuls abgegeben. Das Einschieben der Sonde entfällt beim kleineren Schrittmacher: Denn der ist eigentlich eine Kapsel. Deswegen ist auch keine große Operation mehr nötig. Denn diese Kapsel wird über die Leiste mit einem Katheter direkt ins Herz geschoben, dort platziert und verankert.

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Der kleinste Herzschrittmacher der Welt wird mit einer Sonde direkt im Herzen platziert. Foto: Cornelia Hammer

Dazu wird sie mit winzigen Titanärmchen in der Herzwand befestigt. Die Elektrode ist ganz vorne in der Kapsel untergebracht. Auch die Batterie ist so klein, dass sie in die Kapsel passt. „Diese Batterie gibt Impulse ab und überträgt sie an die Elektrode“, sagt Seidl. Wie herkömmliche Geräte auch reagiert der Schrittmacher auf Belastungen und passt seine Impulstätigkeit an. „Dieser Schrittmacher kann eigentlich alles, was der herkömmliche auch kann, und ist trotzdem um ein Vielfaches kleiner“, sagt Seidl.

Kleiner Herzschrittmacher: Keine Narbe, weniger Risiken

Für die Patienten hat die neue Technologie Vorteile. „Der Eingriff geht deutlich schneller vonstatten und das bei weniger Risiken und ohne Operationsnarbe“, sagt Seidl. Da für den Schrittmacher keine Tasche unter der Haut mehr geschaffen werden muss, gibt es keine sichtbare Narben im Brustbereich. Und die Batterie hält genauso lange, wie beim Vorgängermodell: rund zehn Jahre. „Das ist die modernste Schrittmachertechnologie, die momentan weltweit zur Verfügung steht“, sagt Seidl.

Der erste Herzschrittmacher wurde bereits in den 1950er-Jahren entwickelt - allerdings wurde er nicht implantiert, sondern kam mit einem Gehäuse, das extern getragen werden musste. Implantiert wurde der erste Herzschrittmacher in Deutschland Anfang der 1960er Jahre. Seitdem wurden die Geräte ständig modifiziert und sind stetig kleiner geworden. Den kleinsten Herzschrittmacher der Welt hat Professor Karlheinz Seidl nun Apollonia Grages im Klinikum Ingolstadt eingesetzt.

Die Kardiokapsel eignet sich theoretisch für alle Patienten, vor allem jedoch für Patienten wie Apollonia Garges. Denn für sie war das nun eingesetzte Gerät nicht der erste Herzschrittmacher. Der 81-Jährigen wurde bereits 2014 in einem anderen Krankenhaus ein gewöhnlicher Herzschrittmacher implantiert. Da die Mediziner jedoch aufgrund von Vorerkrankungen keinen direkten Zugangsweg zum Herzen hatten, wurde der Schrittmacher in den Bauch eingesetzt und die Elektrode auf das Herz aufgelegt. Doch der Schrittmacher infizierte sich – bereits zum zweiten Mal. „Das kommt immer wieder vor, da die ganze Umwelt Keime hat“, sagt Seidl. „Da kann es sein, dass sich eben solche Keime in der Nähe des Aggregates verstecken und immer wieder neu aufflammen“, erklärt Seidl. Das sei auch der Grund gewesen, warum der große Schrittmacher letztlich entfernt und der kleinere eingesetzt wurde.

Herzrhytmusstörungen als Hobby

Bis die Kapsel die herkömmlichen Herzschrittmacher verdrängt, könnte es allerdings noch dauern. Wie lange, kann Seidl nicht sagen. Die neue Technologie ist nicht billig. „Derzeit wird der Eingriff nicht überall bezahlt“, sagt Seidl. Vom Gerät ist er jedoch überzeugt: „Ich finde das ist ein Meilenstein in der Schrittmachertherapie und ich glaube, irgendwann wird diese Kapsel die anderen Schrittmacher alle ersetzen.“ Dass der kleinste Schrittmacher der Welt in Ingolstadt implantiert wurde, war kein Zufall. „Letztlich war es für die Patientin die beste Option“, sagt Seidl. Der Arzt hat eine ganz besondere Beziehung zu dem Gerät. „Ich habe mich schon seit vielen Jahren mit diesen kleinen Schrittmachern auseinandergesetzt“, sagt Seidl. Nicht nur das, für Seidl steckt noch viel mehr hinter den Herzschrittmachern. „Seit über 30 Jahren sind Herzrhythmusstörungen mein Steckenpferd oder mein Hobby, sage ich immer.“

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Professor Karlheinz Seidl mit der 81-jährigen Patientin Apollina Grages. Sie hat als erste Patientin im Klinikum Ingolstadt den kleinsten Herzschrittmacher der Welt eingesetzt bekommen. Foto: Cornelia Hammer

Ohne den Eingriff wäre es für die Patientin „sehr, sehr schwierig geworden“, sagt Seidl. Die 81-Jährige hat alles gut überstanden. Bis zu ihrer Krankheit sei sie jeden Tag zehn Kilometer gelaufen, erzählt sie. „Sogar an dem Morgen, als ich hier ins Krankenhaus kam, bin ich noch sechs Kilometer gegangen“, fügt sie hinzu. Schon bald wird sie wieder zu Fuß unterwegs sein. „Ich freue mich über jede Brennnessel, die kommt, denn ich kenne jeden Strauch auf meiner Strecke.“ Doch ihre Spaziergänge macht sie nur mit ärztlicher Erlaubnis, sagt sie. „Ich habe schon gefragt, ob ich das darf. Da hat der Arzt gesagt: ‚Was heißt dürfen? Sie müssen!’“, erzählt die Seniorin und lacht.

Dieser Artikel stammt aus der Wochenendbeilage des DONAUKURIER: Hier geht es zum E-Paper von „Der Sonntag“.

Melissa Ludstock
Veröffentlicht von Melissa Ludstock
Hat im Oktober 2015 ihr Volontariat beim Donaukurier begonnen, ist seit April 2017 Online-Redakteurin. Dreht und schneidet am liebsten Videos, mag lokale Geschichten und ist gerne vor Ort, um zu berichten. Ihre Geschichten findet die Neu-Ingolstädterin nicht nur auf Twitter, Youtube und Co., sondern auch unterwegs.