Braunbär Bruno: Wildtiere in Bayern

Er wurde schon begeistert begrüßt, bevor er überhaupt da war. Als Mitte Mai 2006 bekannt wurde, dass sich ein Braunbär in Österreich der bayerischen Grenze nähert, verkündete der damalige Umweltminister des Freistaats, Werner Schnappauf (CSU), das Wildtier sei in Bayern „herzlich willkommen“. Vor genau zehn Jahren, am 20. Mai 2006, überquerte JJ 1 alias Braunbär Bruno die Grenze – und riss in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen gleich mal drei Schafe. Am 22. Mai drang er in einem Siedlungsgebiet in Grainau in einen Hühnerstall ein.

Es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist. Edmund Stoiber, Ex-Ministerpräsident

Die Politik war alarmiert: Der Bär zeigte wenig Scheu vor Menschen. Innerhalb von nur vier Tagen änderte Schnappauf seinen Kurs: Zwar war der aus Italien stammende Bruno der erste wilde Braunbär in Bayern seit 170 Jahren, willkommen war er jetzt aber nicht mehr. Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) erklärte, es gebe eben einen „Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem Problembär. Und es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist.“ Bruno drohte der Abschuss.
„Auf der einen Seite gab es eine ganz große Sympathiewelle für den Bären, andererseits war auch eine nicht unberechtigte Angst da. Keiner wollte die Verantwortung dafür übernehmen, wenn etwas passiert“, erinnert sich Jörn Ehlers vom WWF. Selbst seine Umweltorganisation schätzte Bruno als zu gefährlich ein, um dauerhaft frei herumzulaufen. Um den Braunbären vor tödlichen Kugeln zu bewahren, bemühten sich Naturschützer, ihn zu fangen. Der WWF rückte mit einer speziellen Röhrenfalle an – vergeblich.

Das Unfallrisiko steigt mit jedem Auftritt des Bären, weil er merkt, daß er in den Siedlungsräumen Honig bekommt. Hühner, Schafe und Ziegen - die Schlachtplatte ist angerichtet“. Werner Schnappauf nach vergeblichen Fangversuchen

Braunbär Bruno und seine Fans

Die Staatsregierung ließ ein Spezialisten-Team aus Finnland mit Karelischen Bärenhunden einfliegen, um Bruno lebend zu schnappen. Doch es ging schief, was nur schief gehen konnte, irgendwann machten sogar die Hunde schlapp. Der Einsatz wurde ohne Erfolg abgebrochen. Bruno avancierte weit über die Grenzen Bayerns hinaus zum Medienstar, sogar der „New York Times“ war er einen Bericht wert. Der Hype nahm skurrile Züge an. Bruno-Fan-T-Shirts kamen in den Handel, ein Süßigkeitenhersteller kreierte Bruno-Gummibärchen, eine Spielzeugfirma ein Stofftier.
Der Bär setzte indessen seinen Raubzug durch Bayern fort. Er riss insgesamt 32 Schafe, plünderte Bienenstöcke und Kleintierställe, spazierte durch Kochel am See und machte Rast vor einer Polizeiwache. Am frühen Morgen des 26. Juni spürte ein Abschussteam Bruno schließlich im Rotwandgebiet auf und erlegte ihn mit zwei Schüssen.

Schnappauf, der heute als Anwalt in Berlin arbeitet, spricht rückblickend von einer „ganz besonders schwierigen und belastenden“ Zeit für alle Beteiligten – auch für ihn selbst. Die von Tierschützern heftig kritisierte Abschusserlaubnis verteidigt er: Bruno habe die Scheu vor menschlichen Siedlungen verloren, sagte der Ex-Minister unserer Zeitung. „Im Ergebnis war die von den eingeschalteten Experten empfohlene Entscheidung alles andere als einfach, aber objektiv notwendig.“
Auch beim Landesamt für Umwelt (LfU) heißt es, der Abschuss sei angesichts der Gefahrenlage erforderlich gewesen: „Der Schutz von Leib und Leben von Menschen hat in diesen Fällen immer Vorrang“, sagt eine Sprecherin. Beim LfU rechnet man vorerst mit keinem weiteren Bären: Eine Ausbreitung nach Bayern sei „insbesondere aufgrund der größeren Entfernung zur nächsten Population“ nicht sehr wahrscheinlich.

Mit einem Bären wird die bayerische Staatsregierung in eigener Zuständigkeit sicher noch fertig werden. Horst Seehofer, damals Bundesminister für Verbraucherschutz

Nach Braunbär Bruno: Ein Plan für Wildtiere

Sollte dennoch wieder mal ein Bär den Weg in den Freistaat finden, wäre Bayern besser vorbereitet als vor zehn Jahren. Wie für andere Wildtiere – zum Beispiel Wölfe und Luchse, die im Freistaat wieder dauerhaft heimisch werden sollen – wurde auch für Braunbären ein Managementplan erarbeitet.
Der ausgestopfte Bruno ist seit 2008 im Münchner Museum Mensch und Natur zu sehen – als Honigdieb, der mal wieder einen Bienenstock plündert.

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Foto: dpa

Drumherum informieren Schautafeln, Zeitungsartikel und Filme die Besucher über die Ereignisse von 2006. „Als der Bär hierher kam, war das eine aufsehenerregende Geschichte mit großem Medien- und öffentlichem Interesse“, sagt Museumschef Michael Apel. „Das hat natürlich deutlich nachgelassen.“
Für Apel bleibt JJ1 trotzdem ein wichtiges Thema: „Bruno bleibt hier stehen, solange es unser Museum in der jetzigen Form gibt“, versichert der Museumsleiter. Und auch im für 2021 geplanten Neubau werde der Bär „mit Sicherheit eine Rolle spielen“.

Petr Jerabek

Edmund Stoiber und der Problembär

Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber äußerte sich damals ausführlich zum Braunbär Bruno.

„Natürlich freuen wir uns, das ist gar keine Frage, freuen wir uns, und die Reaktion war völlig richtig, einen, sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben, ja das ist gar net zum Lachen. Und der Bär im Normalfall, ich muss mich ja auch, Werner Schnappauf hat sich hier intensiv mit so genannten Experten ausgetauscht und austauschen müssen. Nun haben wir, der normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr. Wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bären, dem Schadbär und dem Problembär. Und es ist ganz klar, dass dieser Bär ein Problembär ist und es ist im Übrigen auch, im Grunde genommen, durchaus ein gewisses Glück gewesen, er hat um 1 Uhr nachts praktisch diese Hühner gerissen. Und Gott sei Dank war in dem Haus war also jedenfalls ist das nicht bemerkt worden. Auf Grund von es ist nicht bemerkt worden. Stellen Sie sich mal vor, der war ja mittendrin, stellen Sie sich mal vor, die Leute wären raus und wären praktisch jetzt dem Bär praktisch begegnet. Was da hätte passieren können.“

Doch nicht nur Braunbär Bruno war in Bayern unterwegs. Auch andere Wildtiere sind in Bayern wieder auf dem Vormarsch.

Der Wolf

Immer wieder werden Wölfe in Bayern gesichtet oder fotografiert – in diesem Jahr  im Bayerischen Wald, im Landkreis Starnberg und im Nürnberger Land. Experten gehen davon aus, dass es sich um durchziehende Einzeltiere handelte. Eine Gefahr für den Menschen gehe von Wölfen in der Regel nicht aus, heißt es. Da die Raubtiere aber Schafe oder Ziegen reißen, gibt es Konfliktpotenzial.

Der Luchs

Bei Zwiesel wurde 1846 der letzte Luchs im Bayerischen Wald erschossen. Seit den 70er Jahren gibt es Bemühungen, die große Katze erneut im Freistaat anzusiedeln. Laut Landesamt für Umwelt (LfU) leben heute wieder Luchse im ostbayerischen Grenzgebiet. Hauptbeutetier hierzulande sei das Reh. „Insofern können Interessenskonflikte auftreten“, so eine LfU-Sprecherin.

Der Elch

Noch länger als die großen Beutegreifer Braun- bär, Wolf und Luchs galt der Elch in Bayern als ausgestorben. Mittlerweile werden im Osten des Freistaats wieder vereinzelt Elche beobachtet, die wahrscheinlich aus der Gegend um den Moldaustausee in Tschechien zugewandert sind. Elche sind Pflanzenfresser. Es kann aber zu Wildschäden und Problemen im Straßenverkehr kommen.

Der Bieber

Etwa ein Jahrhundert lang waren Biber in Bayern ausgerottet, heute leben im Freistaat schätzungsweise wieder 17 000 bis 18 000 Tiere in 4500 bis 5000 Revieren. Um Konflikte mit Land- oder Fischteichbesitzern zu vermeiden, sind 400 ehrenamtlich tätige örtliche Biberberater im Einsatz. Sie informieren über Schadensprävention und begutachten mögliche Biberschäden.

Melissa Ludstock
Veröffentlicht von Melissa Ludstock

Hat im Oktober 2015 ihr Volontariat beim Donaukurier begonnen, ist seit April 2017 Online-Redakteurin. Dreht und schneidet am liebsten Videos, mag lokale Geschichten und ist gerne vor Ort, um zu berichten. Ihre Geschichten findet die Neu-Ingolstädterin nicht nur auf Twitter, Youtube und Co., sondern auch unterwegs.