Massengräber, Todeszonen, Mordschauplätze: Was hinter dem Begriff Dark Tourism steckt

Ein Konzentrationslager, Tschernobyl aber auch das Holocaust Mahnmal in Berlin gehören zum Dark Tourism: Was bedeutet der Begriff?

Christian Eckert: Das Feld des Dark Tourism ist sehr weit. Im Kern geht es um Tourismus an Orten, die in Verbindung mit Tod oder menschlichem Leid stehen. Weltweit gibt es da natürlich Orte en masse.

In dem Zusammenhang spielt der historische Hintergrund eine wichtige Rolle.

Eckert: Das stimmt. Man kann zwar nicht alle Besucher an solchen Orten über einen Kamm scheren, aber tendenziell kann man schon sagen, dass ein geschichtliches Interesse für viele Leute der Fokus ist.

Ein geschichtliches Interesse ist für viele Leute der Fokus .

In Deutschland sind es oftmals Orte, die an die NS-Zeit erinnern. Welche Orte stehen noch auf der Liste eines Dark Tourists?

Eckert: Den Dark Touristen gibt es nicht. Genauso gibt es den Ort des Dark Tourism per se nicht. Es gibt vielmehr verschiedene Abstufungen. Die Literatur unterscheidet sogar zwischen Darkest und Lightest Places – also ganz dunklen Orten und eher helleren Orten. Ganz dunkle Orte sind beispielsweise Konzentrationslager oder auch Ground Zero in New York. Dort mussten Menschen in großer Zahl ihr Leben lassen. Und dann gibt es aus einer wissenschaftlichen Sicht hellere Orte, wie zum Beispiel das Mahnmal für den Vietnamkrieg in Washington D.C.: Es erinnert zwar an den Krieg in Vietnam, aber an dem Ort in Washington hat die Handlung nicht direkt stattgefunden.

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Und welche Orte gibt es in der Region?

Eckert: Im bayerischen Bereich gibt es natürlich in Nürnberg sehr viel: Dort haben wir das Reichsparteitagsgelände den Schwurgerichtssaal der Nürnberger Prozessen. Im Alpenraum gibt es den Obersalzberg, dort war das Führerhauptquartiert. Es gibt das Konzentrationslager in Dachau. Wir können das natürlich immer weiter herunterbrechen auf kleinere Orte: beispielsweise das Armeemuseum in Ingolstadt. Per se hat dort nichts im Kontext stattgefunden, aber es geht um das Thema Krieg und Rüstung. Also ein geschichtlicher Kontext. Auch das ist am Ende, zwar in nicht ganz so dunkler Form, ein Bestandteil des Dark Tourism

Orte wie Tschernobyl oder Fukushima gehören auch zum Dark Tourism. Für den Urlauber ist es aber nicht ungefährlich an solche Orte zu reisen. Wo sind die Grenzen?

Eckert: Jenseits der gesundheitlichen Aspekte werden in der Netflix-Dokumentation „Dark Tourist“ einige Orte genannt, die nicht mehr ganz zum Dark Tourism gehören. Bei denen geht es nicht mehr um das menschliche Leid im geschichtlichen Kontext: Wenn beispielsweise ein Autounfall ist, und Leute als Schaulustige stehen bleiben, könnte man geneigt sein zu sagen, dass das Dark Tourism ist. Da hört der Dark Tourism aber eindeutig auf. Der geschichtliche Kontext und das öffentliche Interesse an so einem Ort muss schon entsprechend groß sein, um es für den Dark Tourism auch relevant werden zu lassen.

Christian Eckert ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Tourismus/Zentrum für Entrepreneurship an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er promoviert an der KU zum Thema Dark Tourism.

Von einer morbiden Neugier bis hin zur Faszination eines Ortes.

Das heißt, dass man nicht nur bei den Orten differenzieren muss, sondern auch bei den Touristen?

Eckert: Ein Tourist in New York reist dort hin, um gezielt Shoppen zu gehen und sich die Stadt anzuschauen. Den Ground Zero schaut er sich eher nebenbei an. Da ist die Motivation eine ganz andere, als bei jemanden, der beispielsweise ganz gezielt nach Tschernobyl fährt. Letztlich ist zwar beides dem Dark Tourism zuzurechnen, aber die Beweggründe der Reise sind andere. Das reicht dann bei den Motivationen grundsätzlich von einer morbiden Neugier, die manche haben und die das Thema Tod persönlich sehen wollen, bis hin zur Faszination eines Ortes an sich, die auch mit reinspielt. Am Ende steht dann auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Und natürlich auch das bereits genannte geschichtliche Interesse als wohl am meisten dominierendes Motiv.

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Wenn es um Sterblichkeit geht, dann gehört ein Friedhof genauso zum Dark Tourism.

Eckert: Genau: Es gibt Orte wie Ground Zero oder Konzentrationslager, wo Tausende von Menschen ums Leben gekommen sind. Aber auch ein Friedhof ist ein dunkler Ort. Da stellt sich auch die Frage, ob es moralisch und ethisch vertretbar ist, einen Friedhof für den Tourismus zu öffnen. Ich habe mir beispielsweise in Buenos Aires ein eigenes Bild vom Friedhof La Recoleta gemacht: Auf diesem haben viele bekannte argentinische Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte, wodurch er, gepaart mit einer besonderen Architektur, für viele Touristen interessant ist.

Auch ein Friedhof ist ein dunkler Ort.

Das heißt auch Schüler, die zum Beispiel mit ihrer Klasse in ein Konzentrationslager fahren, haben etwas mit Dark Tourism zu tun?

Eckert: Per Definition ja. Wenn ich heute an meine persönlichen Erfahrungen zurückdenke, ist das eines meiner bewussten Erlebnisse, wo ich sage, dass es der erste Zugang zum Thema Dark Tourism gewesen ist. Die Schüler würden sich aber nicht selber als Dark Tourist definieren.

Gibt es Verhaltensregeln an solchen Orten?

Eckert: Das kommt immer auf den kulturellen Bezug an. In Deutschland hat man beispielsweise an vielen Orten des Nationalsozialismus aufgrund der Geschichte einen speziellen Zugang zu dem Thema. Wenn ich mich in Deutschland in einem Konzentrationslager aufhalte, wissen die meisten Menschen, was da passiert ist und wie sie sich verhalten sollten. In Peking am Tiananmen-Platz hat 1989 ein Massaker stattgefunden. Auf dem Platz weist heute gar nichts darauf hin, dass die Studentenbewegung damals genau hier blutig niedergeschlagen wurde. Dementsprechend verhalten sich die Leute dort anders.

Der Begriff Dark Tourism wurde zum ersten Mal 1996 in den Diskurs gebracht. Aus dem Englischen übersetzt bedeutet der Dunkler Tourismus eine Reise zu Orten, die historisch mit Tod in Verbindung gebracht werden. Das Der Ursprung des Phänomens selber kann nicht genau datiert werden. Einen Vorläufer des Dark Tourism gab es bereits im alten Rom. Bei den Gladiatorenspielen stand am Ende der Tod beziehungsweise das Leid des Kämpfers im Vordergrund. Auch öffentliche Hinrichtungen auf einem Marktplatz im Mittelalter gehören zu den Vorläufern dessen, was heute als Dark Tourism definiert wird. In Großbritannien gab es zu dieser Zeit erste Reiseanbieter, die das Ganze inszeniert haben. Züge hielten in der Stadt Cornwall, damit Reisende die Hinrichtung von verurteilten Mördern besuchen konnten. Das Ganze wurde so inszeniert, dass die Reisenden direkt vom Zug aus, die Hinrichtung mitverfolgen konnten. Der Begriff Dark Tourism hat sich schließlich mit Ende des vergangenen Jahrhunderts als wissenschaftliches und heute auch zunehmend als gesellschaftliches Thema entwickelt.

Die von Ihnen genannten Beispiele zeigen, dass Dark-Tourism immer schon ein Thema war. Aktuell bieten Reiseveranstalter Dark Tourism-Touren an. Kann man von einem Hype sprechen?

Eckert: Mit Dokus wie „Dark Tourist“ auf Netflix oder der Serie „Chernobyl“ ist das Thema heute natürlich verstärkt in den Medien. Das Phänomen an sich gibt es allerdings schon relativ lange Zum Beispiel gab es bereits in den 70er- und 80er-Jahren Bustouren zu den Schlachtfeldern in der Normandie. Damals ging es bei der Motivation vieler Besucher in erster Linie darum die Grabmäler von gefallenen Verwandten zu besuchen.

Serie „Chernobyl“ kurbelt den Tourismus an

Von einer Tragödie zu einem beliebten Ausflugsziel

Am 26. April 1986 kommt es zum Gau: Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert. Arrogante Wissenschaftler wollen den Unfall nicht wahrhaben. Lokale Parteigrößen behaupten, nur ein Wassertank sei explodiert. Feuerwehrmänner fahren zum Unfallort und versuchen, den Brand zu löschen. Zu dem Zeitpunkt weiß keiner, dass später alle durch eine radioaktive Strahlenbelastung sterben werden. Erst einen Tag später erläutert der Atomphysiker Waleri Legasow vor dem versammelten Politbüro, was wirklich passiert ist.

Die fünfteilige Serie „Chernobyl“ erzählt die Geschichte der Katastrophe, die in der ehemaligen Sowjetunion vertuscht werden sollte.

Selfies am Ort der Tragödie auf Instagram 

Noch immer können in Prypjat hohe radioaktive Strahlenbelastungen gemessen werden. Trotz des hohen gesundheitlichen Risiko, reisen immer mehr Menschen ins Herz jener Sperrzone. Seit der Ausstrahlung der Serie „Chernobyl“ nimmt der Tourismus in der ukrainischen Stadt zu. Zahlreiche Unkrainer bieten in Tschernobyl Touren für Touristen an, die sich mit Geigenzähler auf die Suche nach den Schauplätzen der Serie machen. In den sozialen Netzwerken veröffentlichen Urlauber Fotos, auf denen sie vor verlassenen Gebäuden in Prypjat posieren.

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Netflix beschäftigt sich mit dem Dark Tourism

In der Dokumentation „Dark Tourist“ reist der neuseeländische Journalist David Farrier an makabere Orte. Lateinamerika, Japan, die USA, Europa, Afrika und Zentral- und Südostasien stehen auf seiner Liste. In Kasachstan schwimmt er beispielsweise in einem radioaktiv verseuchten See.

Eine Tour durch Pablo Escobars Viertel im kolumbianischen Medellín steht auch auf der Liste von Farrier. Ein ehemaliger Profikiller führt den Journalisten durch die „La Catedral“, wie die Villa genannt wurde, in der der Drogenboss Escobar seine Haftstrafe verbüßte. Genauso wie die Serie „Chernobyl“ wirbt die Dokumentation des Streamingdienst Netflix für Orte, die in einer direkten Verbindung mit Tragödien und Katastrophen stehen.

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Veröffentlicht von Samantha Meier