70 Jahre Vespa

Die Vespa wird 70 und ihre Rundungen wecken immer noch Erinnerungen an „Bella Italia“ und vermitteln italienisches Flair und Lebensgefühl.

Flotte Zweiräder gibt es im italienischen Verkehrschaos wie Sand am Mittelmeer. Aber ein Roller sticht heraus: Die Vespa. Seit 70 Jahren ist sie für viele mehr als ein Fahrzeug – sie ist ein Lebensgefühl. Dabei hätte die flotte Wespe fast ausgesehen wie eine Ente.

Die Vespa ist eine jung gebliebene 70-Jährige. Davide Zanolini, Sprecher von Piaggio

Irgendetwas an ihren Rundungen und Kurven, an der Wespentaille und dem unverwechselbaren Design ruft beim Anblick einer Vespa noch immer nostalgische Erinnerungen an die Nachkriegszeit wach. Es waren die wilden 50er-Jahre, die Mädels bezirzten die Männer in schwingenden Petticoats und Röhrenhosen, Elvis Presley und Bill Haley rockten aus Kofferradios – und ein alles überstrahlendes Gefühl von Freiheit bahnte sich seinen Weg von den Alpen bis nach Sizilien.

Am 23. April 2016 feiert die Vespa ihren 70. Geburtstag. „Wir definieren die Vespa als eine ‚jung gebliebene 70-Jährige‘, die noch Jahrzehnte voll großer Veränderungen und Revolutionen vor sich hat“, sagt Davide Zanolini, Sprecher der Gruppe Piaggio, in deren Werk im toskanischen Pontedera der Mythos Vespa im Jahr 1946 geboren wurde. Heute gehört der Roller genauso zu Italien wie Pizza, Pasta und Pompeji.

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Vespas vermitteln italienisches Lebensgefühl. Foto: Jürgen Schuhmann
Es passiert oft, dass eine Vespa vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Davide Zanolini, Sprecher von Piaggio

Aber nicht nur in seiner Heimat ist das schnittige Zweirad ein Hit – 18 Millionen Exemplare in 150 Modellen sind bis heute in alle Welt ausgeschwärmt. Die Fans des Evergreens sind nicht nur solche, die die Zeit der Petticoats noch persönlich erlebt haben, sondern auch ihre Kinder und Enkel. „Es passiert oft, dass eine Vespa vom Vater an den Sohn weitergegeben und so gut gepflegt wird, dass sie viel länger überlebt, als es für ein Fahrzeug normal wäre“, erklärt Zanolini. „So wird sie zum Kultobjekt, zum wahren Sammlerstück.“

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Bei Vespatreffen (hier 2016 in Ingolstadt) präsentieren sich auch besondere Exemplare. Foto: Jürgen Schuhmann

Begonnen hatte die Erfolgsstory, als das Flugzeugwerk Piaggio nach dem Zweiten Weltkrieg ein erdverbundenes Standbein suchte. Unternehmenschef Enrico Piaggio erkannte, was die Masse der Bevölkerung, die sich kein Auto leisten konnte, brauchte: ein einfaches, aber motorisiertes Fortbewegungsmittel für zwei Personen.

Hier sehen Sie eine Bildergalerie vom Vespatreffen 2016 in Ingolstadt.

Zunächst entstand ein Prototyp mit dem Namen MP 5. Die Form war so seltsam, dass der Roller den Spitznamen „Paperino“ (Donald Duck) bekam. „Nicht alle wissen, dass die Vespa eine Art Papa hatte“, sagt Zanolini. „Aber der gefiel Enrico Piaggio nicht, und so beauftragte er den Luftfahrtingenieur und Erfinder Corradino d’Ascanio damit, nochmal Hand anzulegen.“

Der war eigentlich kein Freund von Motorrädern, fand sie unbequem, sperrig, mit Reifen, die nur schwer zu wechseln waren und Ketten, die die Hosenbeine einölten. Also entwickelte Corradino einen Roller mit einem 125 ccm-Zweitaktmotor und selbsttragender Karosserie. Damit war der Motorroller leichter als herkömmliche Zweiräder. Durch den Direktantrieb am Hinterrad musste niemals eine Kette geschmiert werden – und der freie Durchstieg vor dem Sitz war nicht nur bequem, man konnte darin auch mal einen Sack Äpfel transportieren.

Breites Hinterteil, schmale Taille: „Die MP 6 schaut aus wie eine Wespe (italienisch: Vespa)!“, rief Piaggio begeistert. Der Name einer Legende war geboren – und wurde am 23. April 1964 zum Patent angemeldet.

Wenige Jahre später brausten Audrey Hepburn und Gregory Peck in dem Erfolgsstreifen „Ein Herz und eine Krone“ auf einer Vespa durch Rom – Fotos dieser unvergesslichen Spritztour aus dem Jahr 1953 zieren bis heute in Italien Kalender und Postkarten. Es sollten noch viele Filme folgen, in denen der Roller prominent auftaucht, von der Rockoper „Quadrophenia“ über „American Graffiti“ bis zu „Der talentierte Mr. Ripley“. Diven wie Joan Collins, Jayne Mansfield und Nicole Kidman wurden im Film oder am Set am Vespa-Lenker gesichtet.

Vespatreffen in Ingolstadt 2016

Das Geburtstagswochenende wird in Pontedera mit Fans aus aller Welt gefeiert. Viele gehören den legendären Vespa-Clubs an, die sich bereits kurz nach der Entstehung der ersten Roller formiert hatten. Fahrten in die nähere Umgebung, nach Pisa und in die Hügel von Valdera, sind ebenso geplant wie eine feierliche Parade und die Einweihung einer Ausstellung. Grund zum Feiern gibt es: Nach einer kleinen Flaute konnte Piaggio die Produktionszahl mit den Werken in Pontedera, Vietnam und Indien von 2005 bis 2015 auf 170 000 Stück verdreifachen. „Die Vespa erlebt gerade einen der besten Momente ihrer Geschichte“, sagt Zanolini.

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Wir gratulieren der Vespa zum 70. Geburtstag und wünschen allen Besitzern und Fans viel Spaß mit ihren Zweirädern. Foto: Jürgen Schuhmann

Die Firma Piaggio, Hersteller des legendären Vespa-Rollers, ist nach eigenen Angaben der größte Produzent von Zweirädern in Europa. Gegründet wurde die Firma im Jahr 1884 von Rinaldo Piaggio. Der Hauptsitz befindet sich in Pontedera, in der Nähe von Pisa. Das Unternehmen mit weltweit knapp 7600 Mitarbeitern erzielte im Jahr 2015 einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro.

Seit Ende 1949 wird die Vespa auch in Deutschland produziert. Mit einem Anteil von knapp 23 Prozent (Stand März 2016) liegt Piaggio auf dem deutschen Markt für Leichtkraftroller an der Spitze.

Von Carola Frentzen (dpa)

Johannes Schaffer
Veröffentlicht von Johannes Schaffer

Digital-Redaktion DONAUKURIER