70 Jahre DK
1995-2004

Der DONAUKURIER feiert Geburtstag: Am 11. Dezember 1945, vor 70 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Zu diesem Anlass blicken wir zurück: Bis zum eigentlichen Geburtstag am 11. Dezember erscheint jeden Freitag eine Beilage, die sich mit einem Jahrzehnt DONAUKURIER-Geschichte beschäftigt.

1995

Würde Ingolstadt jemals die dringend benötigte dritte Donaubrücke bekommen? Das Bauwerk ist über 20 Jahre lang Thema der Kommunalpolitik und scheinbar endlich auf den Weg gebracht, als das Verwaltungsgericht den Planern im März 1995 einen Strich durch die Rechnung macht. 19 Gegner des Projekts aus der Westlichen Ring- und der Parkstraße klagen und bekommen recht; sie fordern vor ihren Häusern eine Lärmschutzwand.

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Lange wurde über die dritte Donaubrücke debattiert - und am Ende kam sie dann doch.

Die Stadt muss nachgeben, will sie die Brücke tatsächlich realisieren, und schließt im Juni einen Vergleich. Neben der Brücke muss sie nun auf einer Länge von einem Kilometer auch eine Mauer an der Ringstraße errichten. Das Jammern ob der Kröte, die da zu schlucken sei, ist groß, als der Beschluss für den Bau der Wand fällt. Inzwischen gehört sie längst zum Stadtbild und kaum einer spricht heute noch über die „bauliche Todsünde“.

1996

Der Ansturm zum Eröffnungstag überrascht niemanden: In Massen strömen die Menschen in den Ingolstädter Westpark, als die Einkaufshalle am 21. März erstmals ihre Türen öffnet. Das Kundeninteresse freut die Westpark-Betreiber von Edeka, anderswo gibt es dagegen Zähneknirschen. Lange hatten die Geschäftsleute in der Innenstadt gegen das Projekt gekämpft, schon 1988, als eine Gruppe von Einzelhändlern den „Erlebnismarkt“ mit aller Macht auf den Weg bringen will. 15 Kaufleute stürmen das Büro von OB Peter Schnell und schildern ihre Sorgen, von der starken Konkurrenz am Stadtrand regelrecht „ausgedörrt“ zu werden.

Die Initiatoren lassen sich auch dann nicht von ihrem Vorhaben abbringen, als die CSU sich gegen ein Sondergebiet für Einzelhandelsgroßprojekte im Westen ausspricht. Sie schieben weiter an, bis der regionale Planungsausschuss die ursprüngliche Nettoverkaufsfläche von 30 000 auf 20 000 Quadratmeter reduziert. Es sollen bevorzugt Ingolstädter Händler zum Zug kommen. Die Städte Eichstätt und Neuburg befürchten einen nicht hinnehmbaren Kaufkraftabfluss. Letztlich lässt die Stadtverwaltung eine Verkaufsfläche von 22 000 Quadratmetern zu, 2000 mehr als ursprünglich beschlossen. Trotz Klagen der umliegenden Händler haben die Betreiber mittlerweile weiter expandiert: Seit 2012 beträgt die Verkaufsfläche 32 000 Quadratmeter.

1997

„Viele Ängste der Ingolstädter Einzelhändler sind hier klar widerlegt worden“ Alfred Lehmann

Die Eröffnung des Westparks ist gerade verdaut, da sehen sich die Altstadt-Einzelhändler mit neuem Ungemach konfrontiert. Diesmal im Osten der Donaustadt. Ein Fabrikverkaufszentrum, auch Factory Outlet Center oder kurz FOC genannt, soll entstehen, betrieben vom amerikanischen Unternehmen Value Retail. Geschäftsleute protestieren, Politiker aller Couleur und Verbände aus ganz Bayern warnen vor den Folgen: Wenn Markenware über diesen neuen Vertriebsweg auf den Markt kommt, könnten Dämme brechen.

Nachdem eine Delegation der Stadt (unter anderem auch mit dem damaligen Wirtschaftreferenten Alfred Lehmann an Bord) jedoch ein weiteres FOC im englischen Bicester besucht und die positiven Effekt des Fabrikverkaufs auf die Kleinstadt – auch auf die Händler in der Altstadt – erfahren hat, ändert sich die Sichtweise der Politiker. Ende November beschließt der Stadtrat, das erste FOC Bayerns zu genehmigen.

1998

Geschwungene Linien prägen das Bild, als die Glacisbrücke endlich fertiggestellt ist. Es sind zunächst vor allem die Fußgänger und Würdenträger, die bei der Einweihung am 26. August 1998 die nagelneue Brücke in Ingolstadt in Beschlag nehmen. Kurz darauf rollt der Verkehr. Damit findet das jahrzehntelange Gerangel um die Umsetzung einer dritten Donauüberquerung ein Ende. Schon bald klagen aber Autofahrer, dass es oft zu Staus komme. Letztlich ist das keine Fehlplanung der Brückenbauer, sondern ganz einfach eine Frage der Kapazitäten auf den Zubringerstraßen.

Die fertiggestellte Glacisbrücke

1999

Nach heftigen Regenfällen in ganz Süddeutschland wälzen sich an Pfingsten die Fluten der Donau und ihrer Nebenflüsse voller Wucht durchs Land. Die Pegelstände steigen, in Ingolstadt erreicht er die Rekordmarke von 7,49 Meter. Ein nie zuvor gemessener Wert. Überall zwischen Neuburg und Neustadt kämpfen die Menschen gegen die Wassermassen an, oft genug vergeblich.

In Neustadt brechen Dämme, ganze Siedlungen sind überflutet. In Neuburg bahnt sich der Fluss durch ein Leck im Kanal den Weg in die Stadt. In Ingolstadt sind Donauruderklub und Glacisbrücke komplett gesperrt, auch das restliche Nordufer bleibt unpassierbar. Nichts geht mehr, überall steht die schmutzig-braune Brühe. Der Damm am Baggerweg droht zu brechen – Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Flut ihn wegdrückt. Aber die Bewohner der Wacker- und Gerstnerstraße kommen noch einmal davon. Der Deich hält.

In Haunwöhr, Mailing-Feldkirchen und im Roten Gries sieht es kaum besser aus. Hunderte Helfer sind unermüdlich im Einsatz. In Gerolfing stehen ganze Straßenzüge unter Wasser, Keller sind bis zur Decke voll, der Strom ist abgeschaltet. Heizöltanks verlieren ihren Inhalt, es stinkt penetrant. Die Kinder paddeln mit Schlauchbooten zwischen den Häusern umher. Wenigstens sie haben ihren Spaß.

2000

Das neue Jahrtausend ist angebrochen, aber die Ingolstädter blicken lieber zurück. Schließlich gilt es, 750 Jahre Stadtgeschichte zu feiern. Zuvor lässt es aber erst einmal der DONAUKURIER krachen und lädt die Menschen aus Stadt und Land am 15. Juli zum großen IN-2000-Festival auf den Volksfestplatz ein. Fast 40 000 Leute strömen in die Schanz, um das Konzert mit Bryan Adams und Joe Cocker zu hören. Auf der Bühne stehen auch Sabrina Setlur und die Gruppen Scycs und Echt.

Am Abend gibt es den nächsten Kracher, ein Feuerwerk in nie da gewesener Form. Um Mitternacht geht es los, erst 17 Minuten danach ist es vorüber, ein pyrotechnisches Spektakel. 600 Kilogramm Material fliegen in die Luft. Es setzt dem Festival der Superlative einen weiteren Superlativ oben drauf. Am Donauufer, im Klenzepark, am Theaterplatz, an der Rossmühlstraße – überall stehen Menschen, blicken in den kühlen Nachthimmel, viele applaudieren nach dem Finale furioso den französischen Feuerwerkern.

2001

Ingolstadt ist seit jeher eine sportliche Stadt. Es wird nicht nur Fußball und Eishockey gespielt, sondern auch gelaufen, was das Zeug hält. Und so rufen Roland Knoll, Volker Beitler und Roland Muck den Ingolstädter Halbmarathon ins Leben. Nach monatelangen Vorbereitungen gehen am 12. Mai rund 2400 Sportler an den Start, die Veranstaltung wird zu einem Volksfest. Mehr als 12 000 Zuschauer verfolgen die Veranstaltung. Überall stehen sie an der Strecke und feuern die Läufer an. Dass am Ende dann zwei Auswärtige siegen, spielt keine Rolle, Platz drei geht an den Lokalmatador Artur Landenberger vom SC Delphin. Für die Kinder gibt es eine eigene, kürzere Runde im Ingolstädter Klenzepark, und auch für sie gilt das Motto: Dabeisein ist alles!

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Auch die Kinder sind mit Eifer beim Halbmarathon dabei.

2002

Alfred Lehmann ist neuer Oberbürgermeister von Ingolstadt! Im Jahr zuvor hatte der Kandidat sich noch internen Spielchen ausgesetzt gesehen, weil unklar war, wie der gebürtige Quickborner beim Volk ankommen würde. Parteifreunde dachten darüber nach, lieber Horst Seehofer ins Rennen zu schicken. Am Ende tritt doch Lehmann an, er verweist die sechs Mitbewerber bei der Wahl im März mit 58 Prozent der Stimmen deutlich auf die Plätze.

2003

Die Blumenschalen in der Fußgängerzone waren jeden dritten Tag wie ausgetrocknet Hans-Georg Wüst, damals Gartenamtsleiter

Es ist ein Sommer der Superlative. So sengend heiß, dass die Menschen in der Stadt am Ende doch den großen Regen und ein wenig Ankühlung herbeisehnen. Doch über Wochen hinweg will nicht ein Tropfen vom Himmel fallen, da stöhnen nicht nur die Landwirte. Das Gartenamt stellt Rasensprenkler im Klenzepark auf, gespeist mit Donauwasser. Junge Leute laufen durch die Wasserwand und erfrischen sich. Auch Trinkwasser fließt in Strömen. Statt der sonst üblichen 25 000 Kubikmeter am Tag melden die Stadtwerke Verbrauchswerte von mehr als 37 000 Kubikmetern.

Schüler freuen sich über Hitzefrei am laufenden Band, Erwachsene schwitzen derweil bei der Arbeit. Kinder sitzen in Brunnen und kühlen sich ab, Bäder und Seen sind gut besucht. Wer es sich leisten kann, macht den Nachmittag über Siesta, um abends wieder aktiv zu werden. Am 12. Juni – der meteorologische Sommer hat gerade begonnen – zeigt das Thermometer bereits 36,4 Grad an, im August geht es dann über die 37-Grad-Marke hinaus. Da ist es für die Ingolstädter kein Trost, dass es 20 Jahre zuvor noch heißer war. 1983 hatte der Deutsche Wetterdienst genau 40 Grad in der Schanz festgehalten.

2004

Das Kaufhaus Wagner ist ein echter Kundenmagnet in der Fußgängerzone und sehr beliebt bei den Ingolstädtern. Kaum einer kann deshalb nachvollziehen, dass es nun schließt. Die Umsätze hatten immer gestimmt. Aber die Entscheidung ist unumkehrbar, Wagner steckt mitten im Strudel des Insolvenzverfahrens einer Kemptener Unternehmensgruppe. Im Februar darauf findet der letzte Verkaufstag statt. Über 200 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze. Als die Pforten endgültig schließen, brechen viele Verkäuferinnen in Tränen aus. Manche hatten mehrere Jahrzehnte für das Haus gearbeitet.

Der Niedergang des Kaufhauses Wagner schwächt die Altstadt weiter, während das Geschäft draußen auf der grünen Wiese boomt. Im selben Jahr kann der Westpark eine weitere Attraktion verbuchen. Ein neues Großkino zeugt davon, dass Ingolstadt trotz schwächelnder Wirtschaft nach oben strebt. Die Eröffnung von Saturn-Arena und Wonnemar im Vorjahr, nun also das Cinestar. Zehn Säle mit 115 bis 495 Plätzen locken ab 25. November das Publikum an, modernste Tontechnik soll den Filmgenuss weiter erhöhen.

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Als das Kaufhaus Wagner in der Ingolstädter Fußgängerzone im Februar schließt, zeugen nackte Schaufensterpuppen vom Niedergang des Kundenmagneten. Das Haus war in den Sog der Insolvenz einer auswärtigen Unternehmensgruppe geraten.

Detaillierte Rückblicke lesen Sie im DONAUKURIER vom 30. Oktober 2015 oder im DK-E-Paper. Weitere Fotos sowie kuriose, spannende oder aufregende Momente aus sieben Jahrzehnten DONAUKURIER finden Sie auf www.donaukurier.de/70JahreDK.

Jessica Roch
Veröffentlicht von Jessica Roch

Journalistin in der Digital-Redaktion des DONAUKURIER. Schreibt über Film/TV, gesunde Ernährung, Kabarett, Musik, Kunst, Sport und Fitness. Filmt, schneidet und liebt Digital Storytelling.