70 Jahre DK
1985-1994

Der DONAUKURIER feiert Geburtstag: Am 11. Dezember 1945, vor 70 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Zu diesem Anlass blicken wir zurück: Bis zum eigentlichen Geburtstag am 11. Dezember erscheint jeden Freitag eine Beilage, die sich mit einem Jahrzehnt DONAUKURIER-Geschichte beschäftigt. Hier die Jahre 1985 bis 1994.

1985

Grauenhafte Szenen spielen sich am Montagnachmittag, den 11. Februar 1985 auf der Autobahn ab: Ein Bus fährt in einen Tanklastzug hinein, der explosionsartig in Flammen aufgeht. Wie ein Torpedo schießt ein Feuerstrahl durch das Fahrzeug. Menschen verbrennen bei lebendigem Leib, andere springen ins Freie, wälzen sich im Schnee, um die Flammen am Körper zu löschen, oder rennen im Schock davon.

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18 britische Militärmusiker und der deutsche Busfahrer sterben bei einem Unfall auf der Autobahn bei Langenbruck.
Die wahnsinnigen Schreie der Verbrennenden gingen mir durch Mark und Bein. Augenzeuge Josef Vierthaler

Der doppelstöckige Bus war unterwegs in Richtung Süden, nach Mittenwald, an Bord sind 43 Musiker der Big Band der britischen Royal Air Force. Auf Höhe von Langenbruck rammt der Bus aus ungeklärter Ursache das Heck des vorausfahrenden Tankwagens, der 36 000 Liter leicht entzündliches Flugbenzin transportiert. Bei dem Zusammenstoß wird die hintere rechte Tankkammer aufgeschlitzt: 6000 Liter Kerosin spritzen über den Bus und entzünden ein schreckliches Inferno.
Die Insassen im Mittelgang werden sofort von den Flammen verschlungen: 18 sterben – bis zur Unkenntlichkeit verkohlt und förmlich in die Sitze hineingeschweißt. 24 Menschen werden teils schwer verletzt.

1986

Es ist der GAU – der größte anzunehmende Unfall. Er passiert am 26. April 1986 in einem Atomkraftwerk in Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Nach der Explosion bildet sich eine unheilvolle Wolke, die von der Ukraine nach Europa herüberweht, und mit dem Regen geht auch über Ingolstadt der radioaktive Fallout nieder. Das erste frische Gemüse, der Sand auf Kinderspielplätzen, Wildtiere – alles ist kontaminiert. Die Menschen sind besorgt und tief verunsichert. Die Feuerwehr läuft mit Geigerzählern über den Ingolstädter Wochenmarkt. Ein Akt der Hilflosigkeit.

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Diskussionen auf dem Wochenmarkt nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl

Der radioaktive Fallout, der mit dem Regen nach dem Reaktorunglück niederging, hat viele Gemüsesorten aus Freilandanbau kontaminiert. Auf dem Wochenmarkt werden etliche Waren nun mit dem Hinweis „Treibhaus“ angeboten.
 
 

Die Rockband Bonfire. Hardrocker trugen damals lange Mähnen.

 
1986 entsteht die Ingolstädter Hardrockband Bonfire. Im gleichen Jahr veröffentlichen die Musiker ihr Album „Don’t Touch The Light“, mit dem sie europaweit Beachtung erlangen. Bonfire könnte so richtig durchstarten, aber die Querelen zwischen den Frontmännern Claus Lessmann (Gesang) und Hans Ziller (Gitarre) dämpfen den Erfolg. Bonfire bleibt Ingolstadt stets treu: Für die Rockoper „The Räuber“ schreiben Lessmann und Ziller die Musik. Die Band tritt dabei live auf der Bühne auf und macht die Rockoper mit mehr als 50 ausverkauften Shows zwischen 2008 und 2010 zu einem der erfolgreichsten Hits des Theaters Ingolstadt. Und natürlich stammt von Bonfire „Schanzer Herz“, die offizielle Vereinshymne des FC Ingolstadt 04.

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Bonfire-Gitarrist Hans Ziller in den 1980er Jahren.

1987

Kohl und Mitterrand beim Manöver ''Kecker Spatz'' in Kelheim.

 
Ausnahmezustand im Lande: Im Rahmen der deutsch-französischen Heeresübung „Kecker Spatz“ kommt hoher Besuch. Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand treffen mit den Verteidigungsministern in Manching ein, schreiten dort eine Ehrenformation ab und fliegen dann im Hubschrauber zum Manövergebiet in Kelheim. Dort überqueren sie die Donau auf einer Pontonbrücke: In der Mitte umarmen und küssen sie sich. Rund 500 Journalisten aus aller Welt berichten über das Treffen, bei dem vereinbart wird, einen gemeinsamen Sicherheitsrat zu gründen. Die Bevölkerung ist wegen der vielen Absperrungen weniger begeistert von dem riesigen Aufmarsch.

1988

Im Sommer 1988 geraten Bewohner der Altstadt und Nachtschwärmer aneinander: Die einen wollen nachts und am Wochenende ihre Ruhe haben, die anderen möchten feiern. Da taucht zum ersten Mal jener Begriff auf, der die Debatten fortan begleiten wird: Bermudadreieck.
Gemeint ist das Kneipenviertel am Kreuztor. Hier tanzt an den Wochenenden der Bär, wenn die Gäste von Glock’n, Englwirt, Mo, Diagonal, Gourmet oder Pater Noster ihren Spaß haben. Bald wird es den Anwohnern zu bunt, und das Bermudadreieck entwickelt sich zum Politikum. Die Stadträte sind in der Zwickmühle: Wer möchte schon um Mitternacht die Bordsteine hochklappen? Andrerseits freut man sich, dass immer mehr Menschen in der Stadtmitte leben. Der nächtliche Flanierverkehr ist bis heute ein Problem – trotz des Verbots, nachts ab 20 Uhr mit dem Auto durchs Kreuztor zu fahren.

1989

Geschafft! Ingolstadt hat die Schallmauer durchbrochen und ist endlich Großstadt. Am Morgen des 4. Dezember verlautet es offiziell aus dem Rathaus, dass Ingolstadt jetzt mehr als 100 000 Einwohner hat und siebte Großstadt Bayerns ist. Wer aber, das wollen nun alle wissen, ist das Großstadt-Baby? Es wird fieberhaft gerechnet – diesmal rückwärts. Am Abend steht fest: Richard Emanuel Finkenzeller hat Ingolstadt zum Aufstieg verholfen.

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Der 100 000ste Ingolstädter: Richard Emanuel Finkenzeller. Neben ihm Schwester Caroline (7), Mutter Reinhild und Vater Johann Finkenzeller.

Die Eltern können es zunächst nicht fassen: „Haben Sie einen Sohn, der am 20. Juni um 0.20 Uhr geboren wurde?“, fragt jemand am Telefon. Mutter Reinhild fühlt sich wie bei „Verstehen Sie Spaß?“. Doch sie wird nicht auf den Arm genommen: Sohn Richard, der 14 Tage zu früh auf die Welt kam, ist tatsächlich der 100 000. Ingolstädter. Im Strampler posiert der Kleine im Kreise der Familie fürs Zeitungsfoto und winkt in die Kamera – ganz zufrieden und gelassen.

1990

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Fassungslos schauen die Waldbesitzer auf die Schäden auf dem St. Wolfgang-Berg bei Sinning.

Wiebke wütet: Mit Böen von mehr als 130 km/h fegt der Orkan in der Nacht zum 1. März über Stadt und Land hinweg. In den Wäldern knicken massenweise Bäume um wie Streichhölzer, Dächer werden abgedeckt, der Zugverkehr ist lahmgelegt. Meteorologe Karl Krieger von der Wehrtechnischen Dienststelle in Manching berichtet von Windstärken bis zu 12 Beaufort (mehr gibt die Skala nicht her) und kann sich nicht erinnern, dass die Region jemals von so einem Unwetter heimgesucht wurde. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt, aber die Schäden sind immens. Soldaten werden abkommandiert, um in den Wäldern aufzuräumen. Nur die Kinder freuen sich: Sie bekommen einen Tag schulfrei.

1991

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Stadtwerkechef Hans Meck mit dem Elektroauto der Stadtwerke.

Die Anfänge der Elektro-Mobilität demonstrierten die Stadtwerke Ingolstadt bereits im Jahr 1991. Stolz steigt Stadtwerke-Chef Hans Meck ins Elektroauto ein – einen „Pinguin Tavira“ aus sowjetisch-ungarischer Produktion. „Leider gibt es kein heimisches Modell“, bedauert Meck.

1992

Besucher im Rosengarten bei der Landesgartenschau 1992.

 
Was ist das für ein Sommer – dieser Sommer 1992 in Ingolstadt. Sonne von April bis Oktober, eine ganze Stadt und über zwei Millionen Besucher in Feststimmung. Die Landesgartenschau ist das herausragende Ereignis der 90er Jahre in Ingolstadt. Die Landesgartenschau hat Ingolstadt auf Dauer positiv verändert, ohne sie gäbe es es keinen Klenzepark.

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Exerzierhalle und Brunnen bei der Landesgartenschau.

Weitgehend vergessen sind die Auseinandersetzungen im Vorfeld: hitzige Debatten im Stadtrat, erregte Leserbriefe pro und kontra, geradezu beleidigende Kommentare missgünstiger Architekten. Kein Zweifel – die Landesgartenschau bewegt die Gemüter schon Jahre vor der Eröffnung. Natürlich geht es auch ums Geld. Die Baukosten betragen insgesamt 34,6 Millionen, weitere 12 Millionen Mark sind für den Durchführungshaushalt geplant, für Veranstaltungen und was alles sonst damit zusammenhängt. Das Geld reicht allerdings dann doch nicht. Später muss die Stadt noch rund vier Millionen Mark drauflegen.

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Der Turm Triva bei der Landesgartenschau.
Die Gartenschau überstrahle alles. Donaukurier 1992

Heute ist die Kritik verstummt. Niemand bezweifelt mehr, dass das Geld für die Landesgartenschau gut angelegt ist. Die Landesgartenschau hat ihr Ziel erreicht, die „Stadt an der Donau“ wieder erlebbar zu machen, wenngleich auf der Nordseite des Flusses noch viel zu tun wäre. Im grünen Zentrum der Stadt kommen die Festungsbauwerke wie Reduit Tilly und Turm Triva voll zur Geltung. Der nach dem Baumeister Leo von Klenze benannte Park ist zum Treffpunkt für Jung und Alt geworden, Exerzierhalle und Reithalle werden intensiv als Veranstaltungsräume genutzt. Nur die Donaubühne ist ein Sorgenkind, vor allem wenn es viel regnet.

1992 ist das nicht der Fall. Der Sommer ist heiß und trocken, von einem Jahrhundertsommer ist die Rede. Die zahlreichen Veranstaltungen wie Landesgymnaestrada, „Festival of Light“, Weltkindertag, Blumenball, Orchideenschauen, Konzerte und Ausstellungen, Theater- und Tanzvorführungen – sie alle erleben einen wahren Publikumsansturm. Der DK zieht das Resumee für 1992: „Die Gartenschau überstrahlte alles.“

1993

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Starpianist Fats Domino bei den Ingolstädter Jazztagen 1993 in der Paul-Wegmann-Halle.

 
Die Ingolstädter Jazztage feiern vom 28. bis zum 31. Oktober 1993 ihre zehnte Auflage und damit ein kleines Jubiläum. Zu Gast ist unter anderem der US-Superstar Fats Domino, dessen Karriere gerade wieder im Aufwind ist, seit der Aral-Konzern seit Anfang der 90er Jahre seinen Hit „I’m Walking“ für eine Werbekampagne verwendet. Mit dem Auftritt eines großen Stars führen die Jazztage eine noch junge Tradition fort, die mit den Gastspielen von Miles Davis (1990), Ray Charles (1991) und Lionel Hampton (1992) ihren Anfang genommen hat.
1993 stößt das Festival auch schon an seine Kapazitätsgrenzen: Es gibt Unmut, als beim Jazz-in-den-Kneipen-Abend Besucher mit einem Festivalpass abgewiesen werden, weil der Veranstaltungsort bereits völlig voll ist. Doch auch mit diesen Problemen werden die Ingolstädter Jazztage fertig. Auch 2015 gibt es das Festival noch – erfolgreicher denn je.

1994

In der Hohen Schule startet 1994 der Lehrbetrieb der neu gegründeten Fachhochschule Ingolstadt.

 
50 junge Leute sitzen im Oktober 1994 in eilig renovierten Räumen in der Hohen Schule und schreiben ein Stück Ingolstädter Geschichte: Sie sind die ersten Studierenden an der Fachhochschule Ingolstadt.
Bekanntlich war die Stadt von 1447 bis 1800 Sitz der ersten Bayerischen Landesuniversität. Die Verlust der Hochschule, die zuerst nach Landshut, dann nach München verlegt wurde, war für Ingolstadt eine Katastrophe. Die Stadt versank in der Bedeutungslosigkeit.
Die Bemühungen um eine Hochschule in Ingolstadt reichen Jahrzehnte zurück. Erst Ende der 1980er Jahre kommt neuer Schwung in die Hochschulpläne. Stadt, Region, Abgeordnete, Unternehmen und Wirtschaftsverbände machen gemeinsam Druck auf Landtag und Staatsregierung – mit Erfolg. Im November 1991 ist der Durchbruch geschafft. „Die Bayerische Staatsregierung hat sich für Ingolstadt als Fachhochschulstandort entschieden,“ berichtet der DK am 28. November 1991.
Am 18. November 1994 wird die Fachhochschule Ingolstadt mit einem Festakt offiziell eröffnet. Der Neubau kommt an die Esplanade, dort, wo die jetzige Technische Hochschule ihren Sitz hat.

 
Detaillierte Rückblicke lesen Sie im DONAUKURIER vom 27. November 2015 oder im DK-E-Paper. Weitere Fotos sowie kuriose, spannende oder aufregende Momente aus sieben Jahrzehnten DONAUKURIER finden Sie auf www.donaukurier.de/70JahreDK.

Johannes Schaffer
Veröffentlicht von Johannes Schaffer

Digital-Redaktion DONAUKURIER