70 Jahre DK
1965-1974

Der DONAUKURIER feiert Geburtstag: Am 11. Dezember 1945, vor 70 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Zu diesem Anlass blicken wir zurück: Bis zum eigentlichen Geburtstag am 11. Dezember erscheint jeden Freitag eine Beilage, die sich mit einem Jahrzehnt DONAUKURIER-Geschichte beschäftigt. Hier die Jahre 1965 bis 1974.

1965

Der Schnellste ist er nicht. Der Schönste auch nicht. Aber zuverlässig und für den kleinen Mann auf der Straße einigermaßen erschwinglich. Vor allem ist der F 103, der 1965 auf der IAA in Frankfurt vorgestellt wird, endlich ein richtiges Auto. Mit vier Takten. Bisher haben nur Zweitakter das Werk der Auto-Union an der Ettinger Straße verlassen. Mit drei Zylindern – und mäßigem Erfolg.

1965 nimmt das Unternehmen mehrere entscheidende Abzweigungen: Die Auto-Union geht nun sukzessive von der Daimler Benz AG in den Besitz von Volkswagen über. Der „Taktwechsel“ wird in aller Stille vorbereitet. Bisher hat die Auto-Union Motorräder und Pkw unter dem Namen DKW produziert, jetzt besinnt sie sich auf einen anderen, einen fast vergessenen: Audi.

So hieß das 1909 von August Horch im sächsischen Zwickau gegründete Motorenwagenwerk. Es wird nach 1945 von den sowjetischen Besatzern enteignet und aufgelöst. Die Führung siedelt mit zahlreichen Fachkräften nach Ingolstadt über. Dort gründen sie das Unternehmen 1949 neu. Der erste Audi der Nachkriegsära läuft recht gut. 200 Stück des Audi 72, wie der Typ nun bezeichnet wird, verlassen jeden Tag das Werk. Bis 1967 werden rund 80 000 Autos abgesetzt. Die Zweitakter vom Typ F 102 rollen derweil ins Aus.

1965 wird der erste Ingolstädter Audi präsentiert. Links Rudolf Leiding, Geschäftsführer der Auto-Union.

1966

Bescheidenheit ist eine Zier, aber nicht unbedingt die größte Stärke der Ingolstädter. Das mag mancher Lokalpolitiker aus minderbemittelten Kommunen neidisch brummen, als er sieht, was sich diese Schanzer da leisten: nur 68 .000 Einwohner und klotzen ein Stadttheater zum Angeben hin! Die einzige Nicht-Großstadt der Republik mit eigenem Ensemble. In einem Großen Haus voller Bühnentechnik auf dem neusten Stand und einer Theaterwerkstatt, die einem Meisterbetrieb gleicht.

Das Theater macht die Stadt zum Teilhaber an der Welt. DK-Verleger Wilhelm Reissmüller

Dazu ein Festsaal, der bis zu 1200 Konzertbesucher in erstklassiger Akustik vereint. Im weitläufigen Foyer wandeln die Besucher – gemäß einem Lichtkonzept besinnlich beleuchtet – an einfamilienhausgroßen Fenstern entlang. Die Wände prunken mit den Blattgoldarbeiten des Künstlers Heinrich Eichmann. Nein, die Ingolstädter geizen wirklich nicht bei ihrem Stadttheater.

Und das bewusst. Das luxuriöse Haus soll auch signalisieren, dass die dank der Raffinerien zu Wohlstand gelangte Kleinstadt auf eine größere Bühne strebt. Das zeigt sich bei der Einweihung im Januar 1966, die wie ein Staatsakt inszeniert ist. DK-Verleger Wilhelm Reissmüller formuliert es in seinem Essay „Was ist und wozu brauchen wir ein Theater?“ zur Eröffnung des Hauses deutlich: „Im Theater konkretisiert sich das gesellschaftliche Bewußtsein der Stadt. Dem ist anzufügen: Es repräsentiert auch das Selbstbewußtsein der Gemeinde.“
Nur um die Architektur des Hauses beneidet die Ingolstädter nicht jeder. Der wuchtige Sichtbetonbau – spektakulärer Repräsentant der Formensprache seiner Zeit – überfordert das ästhetische Verständnis vieler Betrachter. Und das bis heute.

„Im Theater konkretisiert sich das gesellschaftliche Bewußtsein der Stadt“, schreibt DK-Verleger Wilhelm Reissmüller zur Eröffnung des 25 Millionen Mark teuren Renommierbaus. Zur Premiere gibt es „Die Hochzeit des Figaro“.

1967

Auch für die Zuschauer sind Aborte vorgesehen ESV

Gut, sicherlich (um es fußballerisch zu sagen), es ist schon ein Fest, das die Fans am 20. August 1967, einem strahlenden Sonntag, in dem luxuriösen Stadion erleben. Es hat eine überdachte Sitztribüne! Und die ist natürlich voll so wie die übrigen Ränge. 4000 Zuschauer werden Zeugen, wie der Eisenbahner-Sportverein Ingolstadt-Ringsee (ESV), der Tabellenführer der Bayernliga, sein erstes Punktspiel im neuen Stadion meisterhaft gewinnt. Die Schwarzweißen hauen den alten Rivalen TSV Straubing mit 5:0 weg. Eigentlich sollte jeder vor 1960 geborene und südlich der Donau sozialisierte Schanzer Fußballfan die Namen jener Männer herunterrattern können, die im ersten Ingolstädter Fußballstadion, das diese Bezeichnung verdient, so mitreißend aufspielen.

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1967-Neues-ESV-Stadion
Zuschauerrekord beim ESV: 15.000 Zuschauer sahen das Spiel ESV gegen den 1. FC Nürnberg am 17.08.1969.

1968

Der Urlaubsflieger vom Typ Viscount der British Eagle International Airlines war mit 48 Menschen an Bord auf dem Weg von London nach Innsbruck, als er nahe Winden am Aign auf der A 9 aufschlägt und explodiert. Der Pilot hatte vermutlich versucht, auf der Fahrbahn notzulanden. Feuerwehr, Rettungskräfte und Hubschrauber der Bundeswehr preschen heran, doch es wird schnell klar: Das hier hat keiner überlebt. Die Maschine ist völlig zerstört.

1969

Hier im Norden ist die Moderne daheim. Mit Zentralheizung und Badezimmern, in denen warmes Wasser fließt. Die Mieter können sich von Balkonen aus zuwinken (oder einander beäugen), und im Schatten vieler der modern-kompakten Blöcke gibt es Spielplätze. In einer Zeit, da erst zwei Drittel der Wohngebäude in der ganzen Stadt an das Kanalnetz angeschlossen sind, gilt dieser gehobene Standard als Luxus. Ende der 60er Jahre steht außer Frage: Wer im Piusviertel wohnt, führt eine solide Mittelstandsexistenz.

Reihenhäuser in bester, ruhiger Stadtlage Investor 1969

Den Namen hat das Neubauviertel von der Pfarrkirche St. Pius, eingeweiht 1958. Mit seiner markanten Kuppel und dem frei stehenden Glockenturm neigt sich das Gebäude als eines der ersten in der Stadt weithin sichtbar ästhetisch der Moderne zu; der Architekt war Josef Elfinger. Ringsum wird der Wohnungsbau jahrelang auf breiter Front vorangetrieben. Bis 1966 stellt die Südhausbau GmbH 2000 Wohnungen fertig und lässt dann ebenso wenig locker wie die 1934 gegründete Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG), die 1965 die 3000. Wohnung übergibt. Zwischen Anfang 1965 und Ende 1969 entstehen in Ingolstadt knapp 3900 neue Wohnungen.

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60er-Neues-Piusviertel-und-Kirche-St-Pius
Rund um St. Pius (eingeweiht 1958) entsteht im Laufe der 60er Jahre ein ganz neuer Stadtbezirk. Die komfortablen Wohnungen sprechen vor allem Facharbeiter an.

1970

Die Schultütendichte ist enorm. Mehr als 1200 Ingolstädter Kinder kommen am 10. September 1970 in die Schule. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 sind es 1100 Erstklässler – allerdings bei fast doppelt so vielen Einwohnern. 1970 leben in Ingolstadt 71 300 Bürger. Etting, Mailing oder Gerolfing zählen in der städtischen Statistik noch nicht mit, weil diese Gemeinden erst mit der Gebietsreform 1972 Ortsteile von Ingolstadt werden. Es ist eine gewaltige Schülermasse, die sich über die zehn Volksschulen, zwei Sonderschulen (wie Förderzentren noch heißen), zwei Realschulen und vier Gymnasien verteilt. 1970 wird der Jahrgang 1964 schulpflichtig. Er ist mit 1 357 304 Kindern der geburtenstärkste in der deutschen Geschichte. Davon sind 1583 in Ingolstadt auf die Welt gekommen. Und die wollen einmal unterrichtet werden.

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60er-Kinder-im-neuen-Piusviertel
Auf den Spielplätzen – hier im Piusviertel – wird es immer voller. Ebenso in den Schulen. Die geburtenstarken Jahrgänge der frühen 60er wachsen heran.

1971

Der DONAUKURIER übertreibt natürlich maßlos, aber die Bezeichnung ist trotzdem reizvoll: „Ingolstadts Lido“ sei westlich der Stadt entstanden. Der Vergleich mit Venedigs Prachtufer drängt sich angesichts des neuen Naherholungsgebiets rund um den Baggersee zwar nicht jedem auf, aber attraktiv ist das aufwendig gestaltete 40 Hektar große Ensemble zweifellos geworden. Ein Freizeitparadies, das mit dem Rad vom Zentrum aus in maximal zehn Minuten zu erreichen ist. Darum beneiden andere die Schanzer.

Niemand wird behaupten, daß Baggersee ein sonderlich attraktiver Name für Ingolstadts größtes Badewasser ist. DONAUKURIER 1971

Im Sommer 1971 findet der lange Schöpfungsprozess des Erholungsgebiets einen vorläufigen Abschluss. Beide Seen sind durch einen schmalen Landstreifen getrennt – aber nicht mehr lang. Bald baden, segeln, rudern und fischen die Ingolstädter in einem rund 150 Hektar großen Gewässer. Die Stadt investiert 5,5 Millionen Mark in das Naherholungsgebiet, legt Spazierwege, Liegewiesen und Parkplätze an, baut einen Kiosk und Toiletten. Die Wasserwacht lässt sich am Ufer nieder. Nicht zu vergessen das legendäre Fischerheim. Ab Herbst 1971 wird der Wildpark aufgebaut, Tierart für Tierart. Man spricht zu Recht von einem Freizeitparadies.

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wildpark
Wisentherde im ab 1971 aufgebauten Wildpark am Baggersee.

1972

Am frühen Abend des 30. Juni 1972, einem trüben, kühlen Freitag, fährt Oberbürgermeister Otto Stinglwagner mit seinem Mercedes zum Baggersee. Im Steckerlfischdunst schreitet er zu seiner vorletzten Amtshandlung: Er eröffnet das Fischerfest, zapft das erste Fass Bier an und fährt bald wieder. Der Sozialdemokrat, Chef im Rathaus seit 1966, muss weiter ins Stadttheater. Dort hat sich der Stadtrat zu einer Festsitzung versammelt. Stinglwagner übergibt die Amtskette seinem Nachfolger, dem Richter und CSU-Landtagsabgeordneten Peter Schnell, geboren am 9. Dezember 1935, verheiratet mit Regina Schnell, Vater von zwei Töchtern (Söhne folgen 1973 und 1984). Am nächsten Tag beginnt Schnells Amtszeit. Sie wird 30 Jahre währen, aber so weit denkt er in jenem Sommer noch nicht.

Peter Schnell wird 1972 Ingolstädter Oberbürgermeister. Das Foto zeigt ihn bei der Stimmabgabe, begleitet von seiner Frau Regina sowie den Töchtern Nicola (vorne) und Simona.

1973

Die Hochalm ist seit vielen Jahren Geschichte, aber die Anekdoten über das legendäre Tanzlokal an der Adolf-Kolping-Straße werden noch lange überdauern. Vor allem bei jenen, die mitgefeiert haben. Oder sich der überaus ungezwungenen Anbahnung zwischenmenschlicher Kontakte widmeten, was hier als schöner Brauch galt und von den Gästen innig gepflegt wurde. Der verwegene Ruf der Hochalm (vor allem von jenen verbreitet, die erfolgreich anbandelten) ist mit dem beliebten Beinamen „Hin & Mit“ hinreichend beschrieben. Ende der 70er trägt sich hier eine Sternstunde der Ingolstädter Partyhistorie zu: Der Wirt bucht für den Faschingsball eine Schanzer Nachwuchsband, nicht wissend, dass die Nikoteens dem Punk zuneigen. Ihnen gelingt es, die Disco mit drei Songs leerzuspielen.

Nebenan, im Bräustüberl, geht es bürgerlicher zu. Beide Lokale gehören Ingobräu. 1973 werden sie als Ensemble eröffnet. „Rustikal und urgemütlich“, steht in der Werbung.

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Fechterball-1989
Eines der vielen legendären Feste an der Kolpingstraße: der MTV-Fechterball im Fasching 1989, Motto „Goldenes Bali“.

1974

Der Herr und Meister steuert natürlich selber, als er vom trüben Himmel über Manching einschwebt. „Wie im Blindflug“, heißt es. So schlecht ist die Sicht an jenem 21. Juli. Ludwig Bölkow setzt seinen BO 105 sicher auf dem Gelände von MBB auf. Messerschmitt-Bölkow-Blohm, aus diesem Haus stammt der Hubschrauber. Der hievt später einen VW-Käfer in die Höhe. Die 90 000 Besucher des Flugtags sind beeindruckt. Dann erleben sie die Weltpremiere des Kampfjets Tornado und lernen das Großraumflugzeug A 300 einer neuen Firma kennen, die sich Airbus nennt.

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1974-Erstflug-Tornado-in-Manching1
Einer der besten und teuersten Kampfjets seiner Zeit: der Tornado. Der Erstflug findet 1974 in Manching statt.

Detaillierte Rückblicke lesen Sie im DONAUKURIER vom 13. November 2015 oder im DK-E-Paper. Weitere Fotos sowie kuriose, spannende oder aufregende Momente aus sieben Jahrzehnten DONAUKURIER finden Sie auf www.donaukurier.de/70JahreDK.

Isabel Ammer
Veröffentlicht von Isabel Ammer