70 Jahre DK
1955-1964

Der DONAUKURIER feiert Geburtstag: Am 11. Dezember 1945, vor 70 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Zu diesem Anlass blicken wir zurück: Bis zum eigentlichen Geburtstag am 11. Dezember erscheint jeden Freitag eine Beilage, die sich mit einem Jahrzehnt DONAUKURIER-Geschichte beschäftigt.

1955

Auch zehn Jahre nach Kriegsende kommen in Ingolstadt noch Kriegsheimkehrer an. Kein Wunder, hat doch der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer die Freilassung der letzten rund 10.000 Kriegsgefangenen aus russischer Gefangenschaft bewirkt. Im Oktober 1955 tauchen im DONAUKURIER mehrfach die Schicksale einzelner Heimkehrer auf. Mit Glück haben sie in der Schanz noch Verwandtschaft oder Bekannte und Freunde, und kommen dort unter. So wie der erste Heimkehrer, Generalmajor Albert Henze.

Sein Schwiegersohn habe ihn vom Lager Friedland abgeholt, schrieb der DK damals. Manche müssen aber auch völlig auf sich allein gestellt hier zurechtkommen. Die ehemaligen Soldaten besitzen bei ihrer Ankunft wenig bis gar nichts. Bekleidungsgeschäfte spenden Kleidung. Ab Mitte Oktober können Interessierte die Heimkehrerlisten einsehen. Sie liegen zum Beispiel im „Office des Verlags DONAU KURIER zur öffentlichen Einsichtnahme“ aus – den Zeitungsnamen schrieb man damals noch auseinander.

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Die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Bundeskanzler Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau am 14. September 1955 auf dem Flughafen Köln/Bonn.
(Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung/Wikimedia)

1956

Zu den alten Ingolstädter Traditionen gehört der Schäfflertanz, der seit 1902 alle sieben Jahre zur Aufführung kommt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es 1947 einen Auftritt für den US-Kommandanten gegeben, ab 1949 lebte dann der Sieben-Jahres-Zyklus wieder auf. So auch im Jahr 1956. Der Beruf des Schäfflers indes ist bereits damals ein aussterbender Beruf. Im Februar 1956 erscheint im DK eine Geschichte über den letzten Schäffler von Oberhaunstadt. Johann Krieglmeier hat den Beruf von seinem Vater gelernt und schon als Kind, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, am Schäfflertanz mitgewirkt. In einer Zeit, als der Tanz tatsächlich noch von Schäfflern ausgeführt wurde. „Heute ist Krieglmeier, angestellt bei der Brauerei Wittmann, der einzige und wohl auch letzte Schäffler von Oberhaunstadt, und in Ingolstadt gibt es nur noch einen Schäffler-Meister“, schreibt die Redaktion damals.

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Der Schäfflertanz fand 1956 vor dem damaligen Verlagsgebäude des DONAUKURIER in der Donaustraße statt.

1957

Mit 200 Fahrzeugen kommen sie in Ingolstadt an: Die Soldaten vom Pionier-Bataillon 4 aus Dillingen, die in die neu gebaute Kaserne in der Manchinger Straße einziehen sollen. Nach einem knappen Jahr Bauzeit ist Ingolstadt ab dem 7. Dezember wieder Garnisionsstadt.

Die Bevölkerung war positiv eingestellt. Heinz Wolf, damals bei den Pionieren

Warten am Stadtrand nur vereinzelte Schaulustige an der Straße, so stehen die Ingolstädter im Stadtzentrum dicht gedrängt, um den Einmarsch der Truppen zu erleben – sie winken den Soldaten zu und reichen sogar Blumen in die Fahrzeuge. Über den Empfang der Pioniere in der Kaserne ist zu lesen: „Die Soldaten erwartete schon ein schmackhaftes Begrüßungsessen: Es gab Koteletts, und die waren absolut nicht klein geraten.“ Eine Woche nach den Dillinger Soldaten folgen Sanitäter aus Amberg.

1958

Im April wird bekannt, dass die Daimler Benz AG rückwirkend zum 1. Januar 1958 die Mehrheit an der Auto Union GmbH erwirbt. Mit diesem Schritt wollen die beiden Automobilhersteller ihre Position stärken. Ein Wendepunkt nicht nur für die Auto Union, sondern für die gesamte Automobilindustrie und vor allem für die Stadt. Denn es zeichnet sich ab, dass der DKW Junior nicht wie erwartet in Zons bei Düsseldorf, sondern am Standort Ingolstadt vom Band laufen soll.

Einer, der den Deal miteingefädelt hat, ist Betriebsratsvorsitzender Fritz Böhm, der wie gerufen in diesem Jahr für die SPD in den Landtag eingerückt ist. Er schmiedet eine bayerische Koalition für Ingolstadt und paktiert dafür sogar mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Der ist von der Idee, den Nordrhein-Westfalen eins auszuwischen, sofort begeistert und setzt sich für Staatsbürgschaften ein, die den Bau des neuen Kleinwagenwerkes an der Ettinger Straße ermöglichen sollten. Neue DKW-Jeeps für die Bundeswehr bestellt er sofort dazu.

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Großbaustelle an der Ettinger Straße: Im Juli 1958 beginnen die Bauarbeiten für das neue Kleinwagenwerk. Zunächst werden riesige kräne montiert. Etwa 1000 Bauarbeiter sind im Einsatz, müssen aber öfter Pause machen, da auf dem Gelände immer wieder Blindgänger entdeckt werden.

1959

Der Begriff Boomtown war damals noch nicht geläufig. Aber wenn, dann hätte er bereits 1959 bestens zu Ingolstadt gepasst. Das Arbeitsamt meldet zum ersten Mal seit der Währungsreform wieder Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote sinkt auf 3,6 Prozent. An der Ettinger Straße wird der erste Teil des Kleinwagenwerks in Betrieb genommen: 10 000 DKW-Junior sollen von Juli an bis Jahresende produziert werden. In den Hallen der ehemaligen Zigarettenfabrik Kristinus, die nach Berlin abgewandert ist, eröffnet die Nürnberger Schraubenfabrik, in der auch viele Frauen Arbeit finden. Sie sind die Gewinnerinnen der guten Arbeitsmarktlage. Die Textilindustrie und die boomende elektrotechnische Branche suchen dringend Hilfskräfte. Denn selbst die sind knapp – ganz zu schweigen von Fachkräften. Bauarbeiter, Schreiner und Näherinnen seien in Ingolstadt kaum mehr aufzutreiben, meldet die Zeitung im August.
Im März 1959 werden in Ingolstadt insgesamt 16.500 Beschäftigte gezählt – ein Höchststand, verglichen mit den Quartalszahlen der Vorjahre. Im Lokalteil heißt es nach den ganzen Erfolgsmeldungen: „Die einzige Berufsgruppe, die auch jetzt noch im Schatten des allgemeinen Aufblühens unserer Wirtschaft steht, ist die der Angestellten.“

Nach zweijähriger Ruhe wird auf dem Betriebsgelände der einstigen Zigarettenfabrik Kristinus wieder gearbeitet. Die Nürnberger Schraubenfabrik und Elektrowerke fertigen Teile für Radios und Fernsehgeräte. Die 230 Beschäftigten sind hauptsächlich Frauen.

1960

Die ärgste Not der Nachkriegsjahre ist überwunden, jeder, der will und kann, findet Arbeit, die Industrie beklagt den Arbeitskräftemangel und heuert Gastarbeiter aus Spanien und Italien an. Die Stadt hat plötzlich Spielraum, um Investitionen in Angriff zu nehmen, die über das unbedingt Notwendige hinausgehen. Das Theater zum Beispiel. Nach langen Diskussionen beschließt der Stadtrat am 14. November 1960, ein neues Theater zu bauen. Das alte Stadttheater am Rathausplatz war im Krieg zerstört worden, das Provisorium im Rappensberger Keller an der Proviantstraße ist für einen zeitgemäßen Theaterbetrieb längst nicht mehr geeignet. Natürlich gibt es auch damals einen Wettbewerb, allerdings ohne einen Sieger. Vielmehr werden zwei zweite Preise vergeben, einer davon an den jungen Architekten Hardt-Waltherr Hämer. Dass sein Entwurf letztlich das Rennen macht, liegt daran, dass er versucht „durch die Formgebung des Baukörpers der städtebaulichen Situation gerecht zu werden.“

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Die Theater-Baustelle (Aufnahme von 1963).

1961

Marieluise Fleißer war in ihrer Heimatstadt nicht immer wohlgelitten, aber zu Beginn der 1960er Jahre hat sich Ingolstadt mit der Dramatikerin und Dichterin ausgesöhnt. Äußeres Zeichen dafür ist die Verleihung des ersten Ingolstädter Kunstförderungspreises an „die Fleißerin.“ Der Stadtrat hat die Verleihung des Preises zuvor in einer Stadtratssitzung am 13. Dezember einstimmig beschlossen.
Einen Tag vor dem Heiligen Abend wurde der Preis zum ersten Male verliehen.

Ich hänge sehr an meiner Vaterstadt Marieluise Fleißer (1901-1974)

„Oberbürgermeister Josef Listl, aus dem gewichtigen Anlass mit der goldenen Amtskette angetan, hieß Frau Fleißer herzlich willkommen und beglückwünschte sie zu der mit 3000 Mark dotierten Auszeichnung.“ Marieluise Fleißer bedankt sich laut DK in 
„bewegten Worten“ für die Auszeichnung und schließt mit der Bemerkung. „Ich hänge sehr an meiner Vaterstadt.“

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OB Josef Listl überreicht Marieluise Fleißer den Kunstpreis

1962

Ein großes Thema ist in diesem Jahr der Denkmalschutz. Am Morgen des 8. März beginnen Bauarbeiter hinter der damaligen Oberrealschule für Jungen, dem heutigen Christoph-Scheiner-Gymnasium, Teile der historischen Stadtmauer abzureißen. Aus Protest gegen diesen Denkmalfrevel besetzen einige Oberrealschüler die Mauer und stoppen so die Arbeiten. Der damalige Heimatpfleger Siegfried Hofmann, das Bauamt, das Münchner Landesamt für Denkmalpflege und die Regierung von Oberbayern schalten sich ein. Es stellt sich heraus, dass der Bauherr, ein Schlosser, keine Genehmigung für den Abbruch hatte. Als klar wird, dass nur das offizielle Schreiben fehlte, die Stadtverwaltung die Erlaubnis des Abrisses aber bereits zugesagt hatte, kommt eine Grundsatzdiskussion zum Thema Denkmalschutz in Ingolstadt auf.

Schließlich einigt man sich mit dem Landesdenkmalamt auf folgenden Kompromiss: Die Stadtmauer darf abgebrochen werden; der Stumpf des ebenfalls ursprünglich zum Abriss freigegebenen Turms muss erhalten bleiben. Einige Wochen später stürzt aber dieser Turmstumpf doch noch ein – „ob nun wirklich aus Altersschwäche (…) oder ob ein wenig nachgeholfen worden war“, konnte der damalige DONAUKURIER-Chronist nicht so genau sagen.

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Schüler der Ingolstädter Jungen-Realschule, des heutigen Christoph-Scheiner-Gymnasiums, stoppen mit einer Baustellen-Besetzung den Abriss eines Teils der historischen Stadtmauer.

1963

Der Winter 1962/63 ist so hart, dass zum bislang letzten Mal die Donau in Ingolstadt zufriert. Am Wochenende 12./13. Januar beißt der Frost so grimmig zu, dass immer wieder die Bereitschaftswägen der städtischen Werke ausrücken, um eingefrorene Leitungen aufzutauen. Sogar die Standbetreiber auf dem Wochenmarkt scheuen die gemessenen minus 21 Grad: Nur zwei Gemüsestände, ein Obststand und zwei Frauen, die warme Würstl verkaufen, haben sich eingefunden. Eine Woche später ist es bis zu minus 31 Grad kalt. Der DK meldet: „Eisdecke über dem Flussbett – Donau zugefroren – Wildenten in Not“. Noch wird vor dem Betreten der Eisfläche gewarnt, doch die Kälte hält an und immer mehr Ingolstädter spazieren über den gefrorenen Fluss.

Das war Packeis, man musste klettern Zeitzeuge Heinz Wolf

Die Donau bleibt über mehrere Wochen hin zugefroren. Erst in der zweiten Februarhälfte wird es wärmer, am 4. März bildet sich die erste Wasserrinne im Donaueis. Am Sonntag, den 10. März, löst sich das Eis und zieht ab: Um 11 Uhr ist die Strecke oberhalb des Ruderclubs frei, gegen 17 Uhr „war der Fluss bis 200 Meter über der Eisenbahnbrücke vom Eise befreit“, schreibt der DK. Das befürchtete Hochwasser bleibt aus: Der Wasserspiegel der Donau steigt nur leicht an, Ingolstadt kann aufatmen.

1964

Ingolstadt bekommt 1964 eine zweite Donaubrücke. Für diese neue Flussquerung muss eine adäquate Verkehrsanbindung geschaffen werden. Am 30. November wird die neue Donaubrücke offiziell dem Verkehr übergeben. Leider wird sie nicht gleichzeitig „getauft“: Der Stadtrat hat sich nicht auf einen Namen für die Brücke einigen können. Die SPD plädierte auf ,,Theodor-Heuss-Brücke“, Oberbürgermeister Josef Listl für ,,Schlossbrücke“. Abstimmungssieger bei einer DK-Umfrage ist die „Bayernbrücke“. Erst im Jahr 1967 stimmt der Stadtrat in einer Kampfabstimmung für den heutigen Namen „Schillerbrücke“. Für die Querspange muss übrigens auch erst ein Straßenname gefunden werden. Sie heißt dann – ganz edel – „Südliche Ringstraße“. Im Volksmund aber bleibt es bei der Querspange.

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Ein Foto, das während der Bauarbeiten an der Schillerbrücke im August 1963 entstand.

Detaillierte Rückblicke lesen Sie im DONAUKURIER vom 6. November 2015 oder im DK-E-Paper. Weitere Fotos sowie kuriose, spannende oder aufregende Momente aus sieben Jahrzehnten DONAUKURIER finden Sie auf www.donaukurier.de/70JahreDK.

Tom Webel
Veröffentlicht von Tom Webel

Leiter Digital-Redaktion DONAUKURIER