70 Jahre DK
1945-1954

Der DONAUKURIER feiert Geburtstag: Am 11. Dezember 1945, vor 70 Jahren, erschien die erste Ausgabe. Zu diesem Anlass blicken wir zurück: Bis zum eigentlichen Geburtstag am 11. Dezember erscheint jeden Freitag eine Beilage, die sich mit einem Jahrzehnt DONAUKURIER-Geschichte beschäftigt.

1945

In der Nacht von 8. auf 9. Mai schweigen in Europa die Waffen, der Zweite Weltkrieg, der bis zu 65 Millionen Menschenleben gekostet hat, ist vorbei. In Ingolstadt hatte das Grauen bereits am 26. April ein Ende, als US-Truppen gegen Mittag einrückten. Tags darauf setzten sie mit Booten über die Donau, da die abrückende SS die Brücken gesprengt hatte. Dass Ingolstadt entgegen den Befehlen nicht verteidigt wurde, hat viel Leid erspart und ist nicht zuletzt Kampfkommandant Paul Weinzierl zu verdanken. Dennoch hat der Krieg in Ingolstadt Narben hinterlassen: Mehr als 600 Menschen sind bei Luftangriffen getötet worden, fast 300 Häuser waren ganz oder fast zerstört, darunter Augustinerkirche, Salzstadel, altes Theater und Gouvernementsgebäude, rund 2000 Gebäude waren beschädigt.

Trümmerfeld nahe der Sebastiankirche

1946

Es geht schon wieder ein bisschen aufwärts in diesem ersten Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Die US-Militärregierung erlaubt Tanz und Sportveranstaltungen, was nach dem Vorbild von Treuchtlingen sofort Diskussionen um die Gründung eines einzigen, großen Ingolstädter Sportvereins nach sich zieht. Alternativ wird ein Zusammenschluss der „Vereine der Südstadt“ angeregt, was abgesehen von einigen späteren Fusionen bekanntlich aber ebenso scheitert.

Die Ingolstädter dürfen sich auch wieder auf ein Volksfest freuen. Schiffsschaukeln, Wurfbuden, Gaukler, eine Raketenbahn und der „Palast des Lachens“ garantieren Stimmung. Weniger lustig ist die Versorgungslage: Für tausende Besucher gibt es zwar Fischbrötchen (damals offenbar ziemlich selten und deswegen sehr begehrt), aber nur ein Kontingent von 30 Hektoliter Dünnbier!

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Die zweite, größere Donaufähre nahm im Sommer 1945 den Betrieb auf.

1947

Anfang 1947 reicht die kontingentierte Kohle nur noch für sechs Tage, die wenige, die vorhanden ist, erhalten Großbäckereien und Krankenhäuser. Schüler haben wochenlang Kohleferien, hunderte Züge fallen aus und die Stadt verordnet wieder Industriefeiertage, an denen die Betriebe schließen müssen. Die Despag entlässt auf einen Schlag 1000 Arbeiter und steht trotz großer Nachfrage praktisch still. Viele Dinge gibt es ohnehin nur auf Bezugsschein, Lebensmittelkarten sind Teil des Alltags und über das wenige Benzin entscheidet der Wirtschaftsausschuss der Stadt. Privathaushalte haben nur wenige Stunden am Tag Strom, es gibt komplett stromlose Tage. Ab Juli gilt sogar die doppelte Sommerzeit, die Uhren werden zwei Stunden vorgestellt, um Energie zu sparen. Einzig die Wachswarenfabrik Gletzer am Brückenkopf kommt mit der Produktion nicht nach: 2500 Kerzen werden pro Stunde hergestellt.

Bau der St. Anton-Kirche

1948

Von einem Tag auf den anderen ist die Welt eine andere: Die Währungsreform am 20. Juni ist ein Wendepunkt der Nachkriegsgeschichte. Die Preise am Schwarzmarkt in Ingolstadt stürzen um bis zu 95 Prozent ab. Die Menschen drängen sich staunend vor vollen Geschäftsauslagen und wundern sich, wo die Waren auf einmal alle herkommen, die jetzt frei verkäuflich sind. Die größten Wünsche: Sich einmal wieder satt essen und ein Fahrrad. Die Züge sind leer, weil es kaum noch Schwarzhandel und Hamsterfahrten gibt. Die Wirtschaften servieren wieder besseres Essen und sogar Wein, während etliche Schwarzhändler sich arbeitslos melden!

1949

Es ist ein Ereignis, wie es die Stadt Ingolstadt, bis dahin vom Motorsport nahezu unberührt, noch nie erlebt hatte. An die 30 000 Leute sitzen auf Gerüsten und Bäumen, um etwas von den spannenden Rennen im Norden der Altstadt sehen zu können. Mit bis zu 100 Kilometern in der Stunde donnern die Fahrer mit ihren Motorrädern über den vier Kilometer langen Kurs. Von den kleinen 125-ccm-Motorrädern bis hin zu den mächtigen 1200-ccm-Beiwagenmaschinen ist alles zu sehen. Fahrer wie der Ingolstädter H.P. Müller sind Sportidole, DKW feiert mit den ab diesem Jahr in der Schanz hergestellten Maschinen große Erfolge. Auch internationale Meister wie Siegfried Wünsche oder Ewald Kluge ziehen nach Ingolstadt.

Donauring Rennen 1950

1950

„Es ist eine Ehrenpflicht, dieses edle Bauwerk, wenn auch als Torso, späteren Geschlechtern zu erhalten.“ Appelle wie diese, veröffentlicht in einem Leserbrief am 21. Februar, lassen die Mitglieder des Ingolstädter Stadtrats unbeeindruckt. Sie beschließen am 5. Mai, die Ruine der Augustinerkirche, im Volksmund auch Untere Franziskanerkirche genannt, abzubrechen. Die Tendenz in Verwaltung und Stadtrat ist ohnehin eindeutig: Das Ziel ist die „moderne Stadt“.

Noch im Ersten Weltkrieg wurden die Verträge zur Schiffbarmachung der Oberen Donau zwischen Ulm und Regensburg unterzeichnet. Ab 1949 wird der Ausbau wieder verstärkt ins Auge gefasst, aber erst, nachdem die gesprengten Brücken beseitigt sind. Bis zu 60 Meter lange Schiffe sollen Lasten und Menschen befördern, am Pionierübungsplatz ist sogar ein Hafen geplant. 1950 erreicht das erste Motorboot das Schloss.

Motorboot „Willy“ bei Ingolstadt

1951

1951, als aus heutiger Sicht der Straßenverkehr noch lächerlich gering ist, rückt das Thema Verkehrssicherheit immer mehr in den Fokus. 1950 zählt die Polizei im Stadtgebiet vier Verkehrstote, in den ersten zehn Monaten des Jahres 1951 schon sieben. Auch die Zahl der Verletzten steigt stark an: 1950 waren es 177, 1951 schon 255. Die Polizei spricht von einer „Statistik des Grauens“ und fragt: „Soll das so weitergehen?“

1952

Wenn schon eine neue Donaubrücke, dann Bayerns modernste. Mit einem großen Festakt wird Mitte Juli 1952 die neue Ingolstädter Donaubrücke dem Verkehr übergeben. Als „Meisterwerk der Technik“ wird die Stahlkonstruktion bezeichnet, die 2,4 Millionen Mark gekostet hat und die deshalb in so hohem Bogen über den Fluss geschlagen wird, damit sie für die Schiffbarmachung der oberen Donau kein Hindernis darstellt. Die Feier am 14. Juli ist geradezu bombastisch. Die Kinder haben schulfrei, die Zahl der Ehrengäste und Redner ist ellenlang, Innenminister Wilhelm Hoegner sagt ganz pathetisch im Stil der Zeit, die verbindende Kraft der Brücke sei Mahnung für die Deutschen, aus der Geschichte zu lernen. Zum Abschluss des Festakts fährt eine Kolonne von DKW-Personenwagen und Bussen mit den Ehrengästen über die Brücke, an der Spitze Rennfahrer-Legende Ewald Kluge auf dem 100 000. DKW-Motorrad. „Noch lange Zeit nach dem Weiheakt war die Brücke von Schaulustigen geradezu überflutet“, berichtet der DK.

Die neue Donaubrücke

1953

Natürlich geht auch 1953 der Wiederaufbau weiter, und es gibt viel zu feiern. Höhepunkt ist Anfang September die Einweihung des städtischen Krankenhauses. 2,25 Millionen Mark hat es gekostet, mit Operationssälen, Labors, Röntgenabteilung, moderner Küche und Krankenzimmern für 250 Patienten. Ein „Ereignis von besonderer Bedeutung“ feiern Bundesbahn und Stadt Ende Mai. Endlich hat die Bahn mit dem Wiederaufbau des Hauptbahnhofs begonnen. Der erste Bauabschnitt umfasst die Schalterhalle, mit der kompletten Fertigstellung des neuen Gebäudes ist in zwei bis drei Jahren zu rechnen. In den Jahren zuvor hat sich die Stadt massiv darüber beklagt, die Bundesbahn vernachlässige Ingolstadt und nehme die Entwicklung der Stadt zum bedeutenden Industriestandort nicht zur Kenntnis.

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Der Neubau des Hauptbahnhofs ist 1953 ein wichtiges Zeichen für den Fortschritt beim Wiederaufbau.

1954

Der Streik der Metallarbeiter legt im Sommer 1954 auch in Ingolstadt die Produktion in den Großbetrieben wie Auto Union und Despag lahm. Dabei geht es beim „Bayernstreik“ – aus heutiger Sicht – nur um Pfennigbeträge. Die IG Metall fordert die Erhöhung des Ecklohnes um zwölf Pfennige, die Arbeitgeber wollen nur acht Pfennige zahlen und zudem die Einstufung der Lohngruppen verändern. Alle Vermittlungsversuche scheitern. Der Arbeitskampf, der mehrere Wochen dauern wird, beginnt am 9. August. Schwerpunkte sind München, Nürnberg, Augsburg, Schweinfurt, Regensburg – und Ingolstadt. Auch die Politik mischt sich ein und warnt – wie der bayerische Ministerpräsident Ehard – vor „terroristischen Ausschreitungen.“ Am 24. August einigen sich Werksleitung und Betriebsrat der Auto Union auf neue Lohnsätze und fordern die Beschäftigten auf, wieder zur Arbeit zu gehen. Am 1. September geht der Streik bundesweit zu Ende, nachdem Arbeitgeber und Gewerkschaft den Spruch eines Schiedsgerichts akzeptiert hatten.

Streikende Despag-Arbeiter.

Detaillierte Rückblicke lesen Sie im DONAUKURIER vom 30. Oktober 2015 oder im DK-E-Paper. Weitere Fotos sowie kuriose, spannende oder aufregende Momente aus sieben Jahrzehnten DONAUKURIER finden Sie auf www.donaukurier.de/70JahreDK.

Tom Webel
Veröffentlicht von Tom Webel

Leiter Digital-Redaktion DONAUKURIER