50 Jahre „Star Trek“ – Als die Gegenwart noch Zukunft war

Heute vor 50 Jahren wurde die erste Star-Trek-Folge in den USA ausgestrahlt. In Deutschland schaute man zu der Zeit eher „Zum Blauen Bock“.

Mister Spock hatte also auch schon ein Smartphone. Das praktische Gerät hatte er quasi auf Schritt und Tritt dabei, samt der Apps, die damals noch nicht so hießen, die aber auch schon alles Mögliche konnten. Sogar Monster jagte Mister Spock damit, Nebelwesen, wiedergeborene griechische Gottheiten und schuppige, hirnlose Urzeitmonster.

Denn so stellten sich findige Fernsehmacher seinerzeit, vor 50 Jahren, die Zukunft vor. Genau genommen: die Zukunft im Jahr 2200. Als sie den Tricorder – so hieß Mister Spocks fabelhafte Apparatur – ersonnen, hatten ihre eigenen Telefone noch Schnüre. Für vieles, was heute Gegenwart und zum Teil schon wieder Geschichte ist, hatten die Fernsehleute keinerlei Vorbild. Wenn sie damals gewusst hätten, was sie anrichten. Denn tatsächlich wurde das „Raumschiff Enterprise“ Ideengeber für Ingenieure bis in die Gegenwart.

Star Trek ist in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Eines, das an Deutschland zunächst komplett vorbei ging. Als das ZDF 1972 die ersten 26 Folgen von „Raumschiff Enterprise“ ausstrahlte, war die Serie in den USA längst schon wieder abgesetzt – wegen Erfolglosigkeit.

Es war die Zeit, als hierzulande Heinz Schenk und Lia Wöhr die Show „Zum Blauen Bock“ übernahmen, da kämpfte in Hollywood ein ehemaliger Polizist um die Verwirklichung eines Traums. Gene Roddenberry hieß der Mann, der die Vision von einem Western hatte, der im Weltall spielt. Eine Planwagentour ins Ungewisse. Nur statt mit Indianern mit Außerirdischen. Und die Cowboys waren, naja, trotzdem Cowboys. Zumindest der Hauptdarsteller, Captain Kirk. Der durfte sich immer herrlich prügeln wie in einem Saloon, er brach die Herzen der schönsten Planetengirls, und nach 48 Minuten machte er sich wieder aus dem Staub, Richtung Sonnenuntergang, beziehungsweise in seinem Fall Richtung Argelius II, Talos 4 oder Markus 12.

So hatte Gene Roddenberry sich das gedacht, und so kam es auch. Obwohl er seinen ersten Pilotfilm – noch ohne Captain Kirk, dafür aber mit einem noch viel grüneren Mister Spock – gehörig in den Sand setzte. Viel zu teuer, viel zu abgehoben, viel zu . . .  alles. Aber bekanntlich sind ja aller guten Dinge ungefähr zwei, und im nächsten Anlauf klappte es: Am 8. September 1966 strahlte der amerikanische Sender NBC die erste offizielle Star-Trek-Folge aus. Untertitel: „Das Letzte seiner Art“. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Ein Straßenfeger wurde die Serie nicht. Nach drei Staffeln und 79 Folgen war – trotz erster Fanproteste – Feierabend. Vorerst.

Das Raumschiff Enterprise in den unendlichen Weiten des Weltalls. Foto: dpa

Was heute, 50 Jahre danach, bisweilen verdächtig an Bauerntheater in Science-Fiction-Kulissen erinnert, war damals wegweisend. Ganze Ingenieursgenerationen wurden regelrecht angefixt von den Ideen der verspielten Fernsehmacher um den Visionär Gene Roddenberry, der von Anfang an bemüht war, so realistisch wie möglich zu sein.

Wobei man offen ließ, wie die fertigen Mahlzeiten hinter die Schiebetür in der Wand mit dem Essensautomaten kamen. Man hatte ja nichts, damals, außer ein paar vagen Vorstellungen. Wie die vom Warp-Antrieb, der die Enterprise auf mehrfache Lichtgeschwindigkeit beschleunigte. Zefram Cochrane war es, der ihn Mitte des 21. Jahrhunderts erfand, irgendwas mit Raumkrümmung. Übrigens war es auch jener Zefram Cochrane, der als erster bei Star Trek mal aufs Klo musste, und das erst im achten Kinofilm anno 1996.

In der alten Serie der Pioniere war Chefingenieur Montgomery „Scotty“ Scott der technische Oberguru. Der musste dann mit seinem überdimensionalen Maulschlüssel in schmalen Gängen zwischen kleinen Lichtblitzen herumkriechen und sich mutmaßlich vor allem deshalb so vorsichtig bewegen, damit er nicht durch die billigen Pappkulissen brach. Aber: Es gibt inzwischen mehrere Bücher und Filmdokumentationen darüber, was von all der Fantasie von damals bis heute wahr geworden ist. Jede Menge.

Die Vorstellung von der technischen Zukunft war damals das eine, am Ende aber geht es dann doch um die gute Geschichte. Auch da hatte die alte Serie um Kirk & Co. einiges zu bieten, wenn es auch meistens um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse ging – oft banal (weil die Budgets ausgereizt waren und alles nur möglichst schnell und billig produziert werden musste), aber immer wieder auch witzig und mutig. Wie in der Folge „Bele jagt Lokai“, wo sich zwei Männer bekriegen, die sich scheinbar ähneln, aber doch nur scheinbar. Beide haben je eine schwarze und eine weiße Körperhälfte, aber vertauscht – also ganz anders. Immer wieder ging es in Star Trek ums Anderssein, um den Konflikt der Kulturen, um Rassismus. Manche Dinge ändern sich wohl nie, nicht einmal in der Star-Trek-Zukunft.

Viel Moral war in die Folgen der alten Serie verpackt worden, immer unter der Prämisse der Obersten Direktive der Sternenflotte, die ein Eingreifen der Enterprise-Crew in das Leben anderer Welten untersagte. Der Cowboy James Tiberius Kirk nahm es damit ein ums andere Mal nicht so genau. Sonst wäre es ja auch langweilig. Unterm Strich aber machte sich Roddenberry für eine offene Welt stark, und im Amerika der 60er-Jahre war es pure Provokation, dass der Russe Pavel Chekov ein US-Sternenschiff steuerte und eine schwarze Amerikanerin, Nyota Uhura, Kommunikationsoffizier war.

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Das Archivbild von 1992 zeigt die Crew des Raumschiffes Enterprise in dem Film Star Trek VI, (v.l.) Walter Koenig, George Takei, DeForest Kelley, Nichelle Nichols, William Shatner, James Doohan und Leonard Nimoy. Foto: dpa

In „Platons Stiefkinder“ kam es zu etwas, das damals als „erster gemischtrassiger Kuss der Filmgeschichte“ bezeichnet wurde – zu jener Zeit ein Skandal, wobei die Fernsehmacher einen spannenden Kniff gewählt hatten: Kirk und Uhura waren ferngesteuerten Marionetten, die sich der körperliche Annäherung nicht erwehren konnten. Etliche amerikanische Fernsehstationen verweigerten die Ausstrahlung dieser Folge.

Auch in Deutschland fiel eine Folge durch die Zensur: „Patterns of Force“, wo Kirk und Spock auf einem Planeten landen, auf dem ein Nazi-Regime herrscht. Nach 48 Minuten nicht mehr. Die Folge wurde erst vor fünf Jahren erstmals im deutschen Free-TV auf ZDFneo ausgestrahlt, sie gilt bis heute als umstritten.
Solche vereinzelte Kritik war aber nicht der Grund, warum NBC die Serie 1969 einstellte; der wirtschaftliche Erfolg war schlicht ausgeblieben. So wurde versucht, nachträglich Schadensbegrenzung zu betreiben, indem die Serie in die Welt verkauft wurde, und das erst löste den Hype aus, der bis heute geblieben ist. Etliche Ableger schlossen sich an, eine Zeichentrickserie, „The Next Generation“, „Deep Space Nine“, „Voyager“ und „Enterprise“. Im Juli 2016 kam mit „Beyond“ der 13. Kinofilm heraus.

Das alles ist längst Geschichte, samt dem Vulkanier-Gruß, den seit 1972 ganze Generationen geübt haben: Da muss man mit Mittel- und Ringfinger ein „V“ bilden. Kann nicht jeder. Mister Spock sehr wohl. „Live long and prosper“, sagte er dann immer, oder auf Deutsch: „Lebe lang und in Frieden“. 2014, kurz vor seinem Tod, erklärte Spock-Darsteller Leonard Nimoy, er habe die Geste einst einem jüdischen Rabbi abgeschaut: „Die meisten Leute wissen nicht, dass sie sich damit gegenseitig segnen. Es ist einfach großartig.“

Auch so ein Nachlass einer Serie, die im Nachhinein die Welt vielleicht tatsächlich ein ganz klein wenig verändert hat. Weil jetzt jeder einen Tricorder hat. Und weil viele Millionen Menschen auf der Welt Tribbles kennen. Und weil wir uns eines Tages vielleicht tatsächlich in den Urlaub beamen lassen können. „Scotty, Energie!“, wird dann womöglich so mancher flüstern.

Von Mathias Petry

Das Raumschiff Voyager erlebte zwischen 1995 und 2001 in einer Fernsehserie diverse Abenteuer im All. Foto: dpa

Vor 50 Jahren brach die erste Besatzung von „Star Trek“ in die „unendlichen Weiten“ auf. Über Jahrzehnte hinweg wurden seither für die Reihe Serien und Filme produziert. Eine Zusammenstellung:

Serien (Nach Erstausstrahlung in den USA)

1966-1969 – „Raumschiff Enterprise“

1973-1975 – „Die Enterprise“

1987-1994 – „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“

1993-1999 – „Star Trek: Deep Space Nine“

1995-2001 – „Star Trek: Raumschiff Voyager“

2001-2005 – „Star Trek: Entreprise“

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William Shatner (rechts) als Captain James T. Kirk, Commander des Raumschiffes Enterprise, und Leonard Nimoy als Crewmitglied Spock vom Planeten Vulkan (Foto aus dem Jahr 1979). Foto: dpa

Kinofilme

1979: „Star Trek – Der Film“

1982: „Star Trek II: Der Zorn des Khan“

1984: „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“

1986: „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“

1989: „Star Trek V: Am Rande des Universums“

1991: „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“

1994: „Star Trek: Treffen der Generationen“

1996: „Star Trek: Der erste Kontakt“

1998: „Star Trek: Der Aufstand“

2002: „Star Trek: Nemesis“

2009: „Star Trek“

2013: „Star Trek – Into Darkness“

2016: „Star Trek Beyond“

Doch obwohl die letzte Zeit mit dem Tod von Spock-Darsteller Leonard Nimoy im Jahr 2015 und von Jungstar Anthony Yelchin 2016 kein Leichtes für die „Trekkies“ genannten Fans der Reihe war, so gibt es trotzdem auch Positives zu vermelden. Die von JJ Abrams („Lost“) neu erdachten Kinofilme wie zuletzt „Star Trek Beyond“ laufen gut, eine dritte Fortsetzung ist bestätigt. Und auch für die Serie wird es weitergehen. CBS plant eine siebte Serie als Streamingangebot im Netz, „Star Trek: Discovery“ ist für 2017 angekündigt.

Johannes Schaffer
Veröffentlicht von Johannes Schaffer
Digital-Redaktion DONAUKURIER