„Hello, World!“

Wikipedia weiß das! Wer sich kurz über ein bestimmtes Thema informieren will, holt nicht mehr den Brockhaus aus dem Regal, sondern sucht im Onlinelexikon. Am 15. Janaur 2016 wird Wikipedia 15 Jahre alt. Zeit für ein Wikipedia-Wiki.



A

wie Artikel

Von Urknall bis Apokalypse, vom kleinsten Tierchen bis zu den größten Idolen der Menschheitsgeschichte: Eigentlich gibt es nichts, was im Online-Lexikon Wikipedia nicht erklärt wird. Bei über 37 Millionen Artikeln ist es schwer, nicht fündig zu werden. Die deutsche Ausgabe bringt es immerhin auf 1,9 Millionen Artikel. Getoppt wird das nur von 2,5 Millionen Einträgen auf Schwedisch und 5 Millionen auf Englisch. Würde ein Mensch alle englischsprachigen Artikel lesen, brächte er dafür 21 Jahre – ohne Pause. Den ersten Eintrag überhaupt hat laut eigener Aussage Wikipedia-Gründer Jimmy Wales geschrieben. In dem Testartikel stand der Text „Hello, World!“


B

wie Bundesarchiv

Was wäre das Internet ohne Bilder? Eben. Um das Online-Lexikon angemessen zu illustrieren, ist allerdings Zusammenarbeit gefragt – so wie etwa beim Kooperationsvertrag zwischen Wikimedia Deutschland, dem Verein, der hinter der deutschen Wikipedia-Ausgabe steckt, und dem Bundesarchiv. Der kostenlose Zugriff auf mehr als 80.000 Bilder wurde so möglich. Kooperationen gibt es auch mit der Universitätsbibliothek Dresden (250.000), dem Königlich Niederländischen Tropeninstitut (49.000) oder dem niederländischen Nationaal Archief (13.000).


C

wie CC-BY-SA-Lizenz

Alle Inhalte der Wikipedia stehen unter freien Lizenzen. Eine davon ist die CC-BY-SA-Lizenz. Ausgeschrieben heißt das Ganze: Creative-Commons-Attribution-ShareALike-Lizenz. Was dahinter steckt, ist nicht so kompliziert, wie es sich liest. Wer etwas unter dem Label CC-BY-SA veröffentlicht, erlaubt anderen Menschen die Nutzung seines Werkes unter der Bedingung, dass Urheber und Lizenz angegeben werden. Verändern kann ein anderer das Werk, wenn er die neue Version unter derselben Lizenz veröffentlicht. Neben der Bearbeitung von Wikipediaeinträgen ist das wichtig für Menschen, die künstlerisch mit Inhalten umgehen wollen.

D

wie Denkmal

Eine Weltkugel aus Puzzleteilen, in die Höhe gestemmt von vier Personen – so sieht das weltweit erst Wikipedia-Denkmal aus. Es steht im polnischen Grenzort Slubice, der Nachbarstadt des brandenburgischen Frankfurt/Oder. Die Skulptur stammt vom armenischen Bildhauer Mihran Hakobyan und wurde im Oktober 2014 enthüllt.


E

wie Edit-Wars

„Der nachfolgene Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet“ heißt es zum Thema Edit-Wars im Wikipedia-Artikel über Wikipedia selbst. Was Edit-Wars – zu Deutsch: Bearbeitungskriege – sind, ist klar: Mehrere Bearbeiter übertrumpfen sich damit, die jeweilige Änderung des anderen zu ändern. Je umstrittener ein Thema ist, desto heftiger kann der Edit-War werden – und führt mitunter dazu, dass der Eintrag für Bearbeitungen gesperrt wird. Der Spitzenreiter der Änderungen ist übrigens der Eintrag über George W. Bush, seines Zeichens 43. US-Präsident. Er wurde 45.000 mal editiert.

F

wie Finanzierung

Die Wikipedia ist kostenlos und frei zugänglich. Geht es nach Gründer Jimmy Wales, soll das auch so bleiben. Finanziert wird das Onlinelexikon darum durch Spenden. Bei der jährlichen Spendenaktion von Wikimedia Deutschland haben 2015 etwa 422.000 Menschen insgesamt 8,6 Millionen Euro gespendet.


G

wie Gender Gap

Die Kluft zwischen den Geschlechtern, es gibt sie auch bei Wikipedia. 2012 äußerte sich diese Gender Gap – der Anglizismus bezeichnet in der Soziologie den beobachtbaren Unterschied zwischen den sozialen Geschlechtern – in einer Kontroverse in der englischsprachigen Wikipedia über den Eintrag zu Kate Middletons Brautkleid. Unmittelbar nach der Veröffentlung stellte ein Autor einen Löschantrag – weil ihm eine spitzenbesetzte Robe wohl nicht relevant genug erschien. „Does Wikipedia have a Fashion Problem?“ fragte sich unter anderem Charlotte Cowles in einem Artikel und stellt fest, dass Themen der Popkultur – die Frauen mehr interessieren würden als Mikrobiologie und Seeschlachten – bisher zu kurz kommen. Die Gender Gap äußert sich auch in der Autorengemeinschaft: Der Frauenanteil ist gering, Gründer Jimmy Wales spricht von nur etwa 16 Prozent. „Wir würden uns mehr weibliche Mitglieder wünschen und müssen offensiver auf Frauen zugehen“, sagt er in einem Interview mit der dpa.

H

wie Hawaiisch

Was hat Hawaii mit Wikipedia zu tun? Klar, es gibt Einträge zur Inselkette selbst, zu Film- und Fernsehproduktionen mit Hawaii im Titel oder zum weltberühmten Hawaii-Toast. Aber die Verbindung zum Onlinelexikon ist noch viel enger, steckt sogar im Wort selbst. Der Begriff Wikipedia ist eine Zusammensetzung aus Wiki und Encyclopedia, dem englischen Wort für Enzyklopädie. Wiki geht auf das hawaiische Wort für schnell zurück. Ganz allgemein sind damit Hypertext-Systeme für Webseiten gemeint, deren Inhalte von den Nutzern nicht nur gelesen, sonder auch bearbeitet werden können. Dieses Prinzip einer vielköpfigen Autorengemeinschaft ist so auch das Prinzip der Wikipedia.


I

wie Interpedia

Bis das Nachschlagewerk seinen mittlerweile eingeschliffenen Namen bekommen hat, dauerte es allerdings. Die Idee hinter dem auf gemeinnützige Weise geteilten Wissen hatte auch nicht erst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. Das Internet zur gemeinsamen Entwicklung einer Enzyklopädie verwenden: Diese Vision stellte – so wird allgemein angenommen – Internet-Pionier Rick Gates bereits am 22. Oktober 1993 in einer Newsgroup zur Diskussion. Das Projekt mit dem Titel Interpedia kam aber nicht über das Planungsstadium hinaus.

J

wie Jimmy Wales

Der Kopf hinter Wikipedia hat schon als Kind am liebsten Lexika gelesen. Am 15. Januar 2001 hat Jimmy Wales mit einem Partner sein eigenes gegründet. Er wurde am 7. August 1966 im US-Bundesstaat Albama geboren, ist in dritter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in London.


K

wie Kritik

Unzuverlässig, nicht glaubwürdig und vor allem nicht zitierfähig: Die Qualität der Wikipedia wird von Kritikern schon seit der Gründung gern infrage gestellt. Trotzdem ist das Vertrauen in die Echtheit der veröffentlichten Inhalte hoch, „obwohl nahezu jeder Internetnutzer eigene Einträge verfassen oder andere verändern kann“, wie es in einer Umfrage des IT-Verbandes Bitkom heißt. 1007 Personen ab 14 Jahren gaben dabei ihr Statement ab. 79 Prozent halten demnach die Artikel für immer oder meistens verlässlich. Nur zwei Prozent der Befragten deklarieren die Inhalte als nie verlässlich.


L

wie Logo

Wenn ein einziges Teil fehlt, kann man das 1000-Teile-Puzzle von Leonardo da Vincis letztem Abendmahl eigentlich in die Tonne treten. Beim Logo der Wikipedia fehlt nicht nur eines, sondern gleich mehrere Teile – mit voller Absicht. Die Kugel, die sich aus Puzzleteilen zusammensetzt, ist gewollt unvollständig und steht damit sinnbildlich für die vielen Themen, die es noch zu beschreiben gilt. Jedes der Puzzleteile trägt dabei Glyphen, also Zeichen verschiedener Schriftsysteme, als Symbol für die Vielsprachigkeit des Onlinelexikons.

M

wie Mehrautorenschaft

Das, was die Wikipedia-Gemeinschaft ausmacht, ist die Mehrautorenschaft. Das heißt, dass Artikel nach dem Prinzip des kollaborativen Schreibens entstehen: Jeder darf schreiben, jeder darf verändern. Die Themen suchen sich die freiwilligen Autoren selbst. Wikipedia-Gründer Wales zum Beispiel sagt, dass er sich viel mit der Geschichte Großbritanniens – speziell mit dem House of Lords – beschäftigt und von Zeit zu Zeit selbst auf der Plattform aktiv wird. In einem Interview erzählt er: „Bei der Hochzeit von William und Kate habe ich den Eintrag von Kate Middleton in ‘Catherine, Duchess of Camebridge’, geändert. Ich saß vorm Fernseher und dachte nur: ‘Beeil dich, bevor es jemand anderes tut.’“


N

wie Neutralität

„Beiträge sind so zu verfassen, dass sie dem Grundsatz des neutralen Standpunkts entsprechen.“ So lautet einer der vier Grundsätze, die nach Angaben der Autoren-Gemeinschaft unumstößlich sind und auch nach Diskussionen nicht geändert werden können. Die drei anderen Maximen des Netzlexikons: Wikipedia ist eine Enzyklopädie. Geltendes Recht – insbesondere das Urheberrecht – ist strikt zu beachten. Andere Benutzer sind zu respektiern und die Wikiquette einzuhalten.


O

wie Orangemoody

Ein Netzwerk mit dem klangvollen Namen Orangemoody hat die Wikipedia mit einem fragwürdigen Geschäftsmodell unterwandert, bevor es 2015 aufflog. Die Pflege von Einträgen gegen Geld – das war die Methode der Bande. Teilweise erpressete sie sogar Geld von Personen und Unternehmen für den „Schutz“ der Einträge. Nach der Entdeckung von Orangemoody löschte Wikipedia 210 Artikel und sperrte 381 Nutzer.


P

wie Pannen

Wo Menschen am Werk sind, passieren Fehler. Vor peinlichen Pannen ist auch Wikipedia nicht gefeit. Ein Vorfall, der wohl eher für Schmunzeln als böses Blut sorgte, ist ein frisierter Eintrag, mit dem sich ein Fan 2015 Zugang zum Backstagebereich der australischen Band Peking Duk verschaffte. David Spango gab sich vor der Security als Verwandter des Elektro-Duos aus. Als diese einen Nachweis verlangten, zückte er Ausweis und Smartphone mit dem Wikipedia-Eintrag zur Band, den er zuvor um die Worte „Family David Spango“ ergänzt hatte – und überraschte die Musiker. Diese nahmen es mit Humor: Das sei der „genialste Schachzug“, den sie je beobachtet hätten. Sie spendierten dem Fan ein Bier.

Q

wie Quelle

Wikipedia dient vielen Internetnutzern als Quelle, um sich schnell über etwas zu informieren. In Deutschland liegt das Onlinelexikon aktuell auf Platz sieben der meistbesuchten Websites. Über eine Milliarde Mal pro Monat wird sie aufgerufen – das entspricht 876.000 Aufrufen in der Stunde. Auf Platz eins der meistbesuchten Websites liegt Google.


R

wie Rückgang

Weniger Zugriffe, weniger Autoren: Wikipedia hat nach 15 Jahren online mit großen Problemen zu kämpfen. Im Frühjahr 2007 wurde der bisherige Höhepunkt der Zahl der Bearbeitungen sowie der Anmeldungen erreicht. Seither sinkt dieser kontinuierlich. Statistiken, die Wikipedia selbst führt, zeigen seit rund einem Jahr einen spürbaren Rückgang der Benutzerzahlen in allen Sprachausgaben. In Deutschland kommt dazu, dass zahlreiche ehrenamtliche Autoren aussteigen. „Der Pioniergeist der Anfangszeit ist verschwunden“, meint Martin Haase, der selbst mehrere Jahre als Autor auf Wikipedia aktiv war. Helfen soll der 2013 eingeführte VisualEditor, der die Bearbeitung der Artikel erleichtern soll. Die komplizierte Syntax galt vielfach als eine der Ursachen für die rückläufige Zahl der Autoren.


S

wie Sprachen

Afrikaans, Euskara, Volapük: Ausgehend von der englischen Wikipedia findet man mittlerweile Artikel in über 300 Sprachen. Drei Monate nach der Gründung kündigte Wales an, Versionen in weiteren Sprachen einrichten zu wollen. Die deutsche Ausgabe gibt es seit 16. März 2001. Ende 2001 waren es bereits 18 Sprachen. Neben Standarddeutsch existieren auch Wikipediaausgaben in deutschen Dialekten wie etwa Friesisch, Plattdeutsch oder Bairisch. Sie kommen immerhin auf Einträge in fünstelliger Höhe.


T

wie Technik

Die Wikipedia läuft über Linux-Server. Sie verarbeiten 25.000 bis 60.000 Zugriffe pro Sekunde, je nach Tageszeit. Mit steigenden Zugriffszahlen erhöhen sich die Anforderungen an die Hardware. Ein Server alleine reichte kurz nach der Gründung nicht mehr. Im Dezember 2003 waren es drei, im September 2014 bereits 480.


U

wie Upstream

Datenspione treiben überall im Netz ihr Unwesen. Davon blieb das Onlinelexikon nicht verschont. Am 10. März 2015 reichte Wikipedia Klage gegen den US-amerikanischen Geheimdienst NSA ein. Die National Security Agency verfolge mittels eines Programms namens Upstream das Verhalten der Nutzer in der Wikipedia, so der Vorwurf. „Diese Aktivitäten sind sensibel und privat: Sie können alles über die politischen und religiösen Überzeugungen einer Person verraten, über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Krankheiten“, begründeten Jimmy Wales und Lila Tretikov, die Leiterin der Wikimedia-Stiftung, die Klage.


V

wie Vandalismus

Beleidigend, vulgär, obszön: Manchmal wird der Umgangston auf Wikipedia ziemlich robust. Besonders, wenn es um kontroverse Themen geht, diskutieren die Wikipedianer ausführlich. Als Vandalismus versteht man in diesem Zusammenhang die Änderung von Textinhalten oder Bildern durch Benutzer in unsinniger, manchmal diffamierender Weise. Den Artikel über Max-und-Moritz-Schöpfer Wilhelm Busch versuchte ein Nutzer komplett zu ersetzten mit dem Satz: „Ich bin cool.“ Fälle wie diese geschehen meistens durch unangemeldete Nutzer, die nur über ihre IP-Adresse identifizierbar sind. Angemeldeten Benutzern droht bei diesem Verhalten die Sperrung.

W

wie Wikiquette

Ettikette ist wichtig. Im Alltag, im Beruf, im Internet. Gutes Benehmen wird darum auch bei Wikipedia großgeschrieben. Hier tragen die Benimmregeln gar einen eigenen Namen: Wikiquette. Besonders wichtig: Die vier Grundsätze der Wikipedia. Außerdem: Respekt vor den Mitautoren, die Wahrung der CC-BY-SA-Lizenz, der Schutz der Urheberschaft.


X

wie X-Files

Zensur widerspricht der Philosophie von Wikipedia, betont Gründer Jimmy Wales stets. Ohne Index-Vorfälle ist die Karriere der Plattform dennoch nicht ausgekommen. Aus Protest gegen Internet-Zensur in Russland sperrte Wikipedia 2012 die russische Version für 24 Stunden. Ein halbes Jahr zuvor erfolgte aus Ärger über ein geplantes Gesetz zum Urheberrechtsschutz im Netz ein 24-Stunden-Blackout für den englischen Teil. Im Dezember 2008 blockierten britische Provider den Artikel über das Scorpions-Album Virgin Killer wegen des dort abgebildeten Album-Covers. Die Internet Watch Foundation, eine halbstaatliche britische Organisation zur Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet, hatte das Motiv als Kinderpornografie eingestuft und auf ihre Sperrliste gesetzt.


Y

wie Yorùbá

Yorùbá ist eine afrikanische Volksgruppe, eine Religion – und eine der über 300 Sprachversionen der Wikipedia.


Z

wie Zukunft

Wie soll es weitergehen mit der Enzyklopädie im Internet? Bei ihrer Gründung war die Wikipedia eine regelrechte Innovation – im Gegensatz zu verstaubten Bücherregalen mit allen Ausgaben des Brockhaus, der in Deutschland 200 Jahre lang als das Maß aller Nachschlagewerke galt. 15 Jahre später wirkt das Onlinelexikon mit seinen vielen langen Artikeln erstens selbst überholt, zweitens ziehen renommierte Lexika nach. Nach 244 Jahren gab der Verlag der Britannica 2012 bekannt, dass die Enzyklopädie nur noch digital erscheint. Zwei Jahre später zog der Brockhaus nach. Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich Wikipedia fortlaufend der sprunghaften Entwicklung der Technik anpassen, sagt Gründer Jimmy Wales. Es gehe um wachsende mobile Nutzung, um mehr Globalität. „Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit, in der Wissen und Verständnis wirklich wichtig sind. Viele Konflikte in der Welt entstehen aus einer Unkenntnis, weil man andere Kulturen, andere Menschen nicht versteht.“

Kathrin Schmied
Veröffentlicht von Kathrin Schmied